Claus Turtur
| Geboren | 26. März 1961 in Bonn |
| Fachgebiet | Experimentalphysik, Werkstofftechnik |
| Hochschule | Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften |
| Fakultät | Elektrotechnik, Standort Wolfenbüttel |
| Professur | seit 1998 |
| Bekannt für | Arbeiten zur behaupteten Nutzbarkeit der Nullpunktenergie („Raumenergie“) |
Claus Wilhelm Turtur (* 26. März 1961 in Bonn) ist ein deutscher Physiker und Professor an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften. Er lehrt Experimentalphysik und Werkstofftechnik in der Fakultät Elektrotechnik am Standort Wolfenbüttel.
Seit dem Jahr 2000 vertritt Turtur die These, die Nullpunktenergie des Quantenvakuums – von ihm „Raumenergie“ genannt – lasse sich technisch in mechanische und elektrische Energie wandeln. Diese Annahme ist in der Fachwelt umstritten. Nach der Quantenfeldtheorie ist die Nullpunktenergie der Grundzustand des Feldes, aus dem sich keine Energie entnehmen lässt; eine unabhängige Bestätigung seiner Versuche steht aus. [3] [4] [5]
Professur und Lehre
Turtur ist seit 1998 Professor an der heutigen Ostfalia Hochschule. Die Hochschule nennt als sein Forschungsgebiet die Nutzbarmachung der Raumenergie; seine Lehrverpflichtung liegt in der Fakultät Elektrotechnik. [1]
Für Studierende hat er Lehr- und Prüfungsbücher verfasst, darunter den „Prüfungstrainer Physik“ mit Kapiteln zu Mechanik, Optik, Wärmelehre, Schwingungslehre und spezieller Relativitätstheorie. Diese Titel behandeln die gängige Physik und stellen den Energieerhaltungssatz nicht in Frage. [2] [5]
Die These von der nutzbaren Nullpunktenergie
Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist ein Widerspruch, den Turtur in der Elektrodynamik sieht: Eine ruhende elektrische Ladung sende beständig Feldenergie in den Raum ab, und die Energieerhaltung verlange dafür eine Quelle. Als diese Quelle benennt er die Nullpunktoszillationen des Quantenvakuums und verweist auf den Casimir-Effekt als Beleg dafür, dass Vakuumenergie mechanische Arbeit leisten könne. Lässt sich diese Energie nutzbar machen, so seine Folgerung, dann kann die abgegebene Leistung die zugeführte übersteigen. [3] [4]
Die Nullpunktenergie selbst ist in der Physik unbestritten; umstritten ist ausschließlich ihre Nutzbarkeit. Turtur selbst hält fest, dass über die praktische Nutzung „derzeit die Fachleute“ streiten. [3]
Das Experiment in Magdeburg
Als Gastwissenschaftler an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg baute Turtur einen elektrostatischen Rotor auf: Eine aufgeladene Metallscheibe wirkt auf einen drehbar gelagerten Rotor, dessen tangentiale Anziehungskräfte ihn in Drehung versetzen. Nach seiner Darstellung läuft die Drehung weiter, ohne dass ein Strom fließt, und die Anordnung gibt mechanische Leistung ab, ohne elektrische Leistung zu verbrauchen. [3] [4]
Die gemessene Leistung nennt er selbst gering: Bei einem Rotor von 64 mm Durchmesser seien es bei 30 000 Volt etwa 150 Nanowatt gewesen – für ihn ein Grundlagenexperiment, kein Energielieferant. [3]
Der Doppel-Resonanz-Konverter
Für eine praktische Nutzung hält Turtur das elektrostatische Prinzip wegen zu geringer Energiedichte für ungeeignet und schlägt ein magnetisches vor. In seinem Entwurf rotiert ein Permanentmagnet in einer Spule und induziert dort eine Spannung, die einen Schwingkreis antreibt, dessen Feld über die Lorentz-Kraft auf den Magneten zurückwirkt. Turtur nennt das Konzept „Elektro-mechanischer Doppel-Resonanz-Konverter“ und gibt an, die Dimensionen seien bis zur Größe handelsüblicher Maschinen skalierbar. Gebaut wurde ein solcher Konverter nicht; Turtur schreibt, ihm fehlten dafür die Möglichkeiten. [3] [4]
Kritik und fehlende Bestätigung
Der Physiker Holm Gero Hümmler hat die Argumentation ausführlich geprüft und kommt zu dem Ergebnis, dass sie nicht trägt. Sein zentraler Einwand: Die Nullpunktenergie ist der Grundzustand des Feldes, es gibt keinen tieferen Zustand, in den ein System fallen könnte – also ist nichts zu entnehmen. Der Casimir-Effekt sei reell, aber konservativ: Die beim Zusammenführen der Platten frei werdende Energie entspreche genau der, die man zum Auseinanderziehen wieder aufwenden müsse. Ein Kreisprozess mit Gewinn entstehe nicht. [4]
Hümmler kritisiert zudem die Rechnung selbst: Turtur berechne die Energie bewegter Ladungen mit der Elektrostatik, also der Theorie ruhender Ladungen und unveränderlicher Felder, und schreibe die auftretende Differenz dem Vakuum zu statt dem Verfahren. Der Rotor könne so nicht arbeiten – das sei, als wolle man ein Windrad mit einem feststehenden Magneten antreiben. [4] [6]
Für die Beobachtung gibt es eine alltägliche Erklärung: Bei hohen Spannungen entsteht an der Feldquelle eine Koronaentladung, deren Ionenwind den Rotor antreibt (Biefeld-Brown-Effekt). Diese Erklärung sagt genau das voraus, was gemessen wurde – kräftige Drehung an Luft, nahezu keine im Vakuum –, während eine Herkunft aus dem Vakuum das Gegenteil erwarten ließe. Unabhängige Nachbauten sind nicht gelungen; ihrerseits wohlwollende Experimentatoren in Österreich berichteten negative Ergebnisse, ein italienischer Versuch mit 38 kV konnte die Angaben nicht reproduzieren. Eine 2009 bei den Annalen der Physik eingereichte Arbeit wurde abgelehnt. [4]
Die Österreichische Tageszeitung Der Standard ordnete die „Freie Energie“ 2014 als Teil eines esoterischen Feldes ein und hielt fest, Turturs Raumenergie-Arbeit finde außerhalb der Hochschule statt und gehöre auch dorthin; er unterrichte Mathematik und Elektrotechnik. Die Hochschule hat die Forschung nach verfügbaren Angaben weder finanziert noch getragen – sie lief privat finanziert auf einer persönlichen Personalseite. [5] [6]
Veröffentlichungen und Auftreten
Turtur veröffentlichte seine Überlegungen ab 2004 zunächst als Vorabdrucke auf arXiv, später bei PHILICA und in der Zeitschrift Physics Essays, 2009 in Buchform und in englischer Übersetzung auf viXra. Zwei spätere Arbeiten erschienen 2013 und 2015 in der Zeitschrift Aircraft Engineering and Aerospace Technology. [4]
2014 veröffentlichte er im Kopp-Verlag das populäre Buch „Freie Energie für alle Menschen“. Er tritt auf Veranstaltungen der freie-Energie- und Esoterikszene auf und ist in entsprechenden Zeitschriften präsent; Hümmler nennt unter anderem einen Kongress des Verlags sowie eine Konferenz der Anti-Zensur-Koalition. [4] [6]
Einordnung
Turtur ist ein ausgebildeter Physiker und langjähriger Hochschullehrer, dessen Lehrbücher zur Standardphysik gelten. Seine Arbeiten zur Nutzbarkeit der Nullpunktenergie stehen dazu in Spannung: Sie setzen voraus, dass dem Vakuum Energie entnommen werden kann, was die Quantenfeldtheorie ausschließt. Fachlich geprüft und widerlegt wurde die Argumentation unter anderem von Hümmler; ein Nachweis, der einer unabhängigen Prüfung standhält, liegt nicht vor. [4] [5]
Bemerkenswert ist der Abstand zwischen Anspruch und Befund: Die Versuche bewegen sich im Nanowatt-Bereich, während Turtur an die Stelle der Energieversorgung denkt. Ein privater Förderantrag an das Bundeswirtschaftsministerium, der sich 2015 auf Turtur berief, veranschlagte rund 30 Millionen Euro, um einen Raumenergiekonverter in drei bis fünf Jahren zu verwirklichen, und forderte Forschungsgelder für ihn. [7]
Weblinks
- Personalseite an der Ostfalia
- https://www.ostfalia.de/cms/de/pws/turtur
- Fachliche Kritik von Holm Gero Hümmler
- https://tinyurl.com/22pypxuo
- Einordnung in Der Standard, 12. November 2014
- https://www.derstandard.at/story/2000007990703/freie-energie-fa-enei
Quellen
[1] Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften – Personalseite „Prof. Dr. Claus Wilhelm Turtur“ (Forschungsgebiet, Lehre, Professur) (https://www.ostfalia.de/cms/de/pws/turtur), Abruf 2026-10-10.
[2] ResearchGate – Profil „Claus Wilhelm Turtur“ (Fakultät, Veröffentlichungen, Lehrbuchkapitel) (https://www.researchgate.net/profile/Claus-Turtur-2), Abruf 2026-10-10.
[3] NGO-Online – Energiewende oder Energierevolution?, Gastbeitrag von Claus W. Turtur, Abruf 2026-10-10.
[4] Natural Philosophy Wiki – „Claus W Turtur“ (Werdegange, Publikationsorte, Kritik nach Holm Gero Hümmler, fehlgeschlagene Nachbauten) (https://wiki.naturalphilosophy.org/index.php/Claus_W_Turtur), Abruf 2026-10-10.
[5] Der Standard – Florian Freistetter, „Freie Energie“, 12. November 2014 (https://www.derstandard.at/story/2000007990703/freie-energie-fa-enei), Abruf 2026-10-10.
[6] Quantenquark – Holm Gero Hümmler, „Die Energie von Professor Turturs Vakuum“, 7. März 2017 (https://tinyurl.com/22pypxuo), Abruf 2026-10-10.
[7] Bundesministerium für Wirtschaft und Energie – Stellungnahme einer Privatperson zum Grünbuch „Strommarkt“, 28. Februar 2015, Datei150228-franz-r.pdfim Bereich Stellungnahmen (https://tinyurl.com/239aev8x), Abruf 2026-10-10.