Selbstwirksamkeit: Bedeutung, Beispiele und wie sie entsteht
Übersicht
- Was bedeutet Selbstwirksamkeit?
- Albert Bandura und die Theorie der Selbstwirksamkeit
- Die vier Quellen der Selbstwirksamkeit
- Selbstwirksamkeit, Selbstvertrauen und Selbstwert
- Selbstwirksamkeit und Motivation
- Selbstwirksamkeit und Resilienz
- Selbstwirksamkeit im Alltag
- Selbstwirksamkeit im Beruf
- Selbstwirksamkeit beim Sport und Training
- Wie lässt sich Selbstwirksamkeit stärken?
- Selbstwirksamkeit bedeutet nicht Selbstoptimierung
- Kann Selbstwirksamkeit erlernt werden?
- Häufige Fragen zur Selbstwirksamkeit
- Zusammenfassung
- Quellen und weiterführende Hinweise
Selbstwirksamkeit bezeichnet die Überzeugung eines Menschen, durch eigenes Handeln etwas bewirken und konkrete Herausforderungen bewältigen zu können.
Ein selbstwirksamer Mensch denkt also nicht einfach:
Ich bin gut.
Sondern eher:
Ich traue mir zu, einen Weg zu finden, mit dieser Aufgabe umzugehen.
Dieser Unterschied ist wichtig. Selbstwirksamkeit ist weder dasselbe wie Selbstbewusstsein noch Selbstwert oder Optimismus. Sie bezieht sich darauf, ob ein Mensch sich selbst zutraut, in einer bestimmten Situation wirksam handeln zu können.
Das Konzept geht wesentlich auf den Psychologen Albert Bandura zurück und gehört heute zu den einflussreichen Ansätzen der psychologischen Forschung über Lernen, Motivation, Verhalten und persönliche Entwicklung. [1]
Selbstwirksamkeit spielt außerdem eine wichtige Rolle für die Resilienz. Wer erlebt, schwierige Situationen beeinflussen oder bewältigen zu können, verfügt über eine wichtige Ressource im Umgang mit Belastungen.

Selbstwirksamkeit bedeutet, an die eigene Handlungsfähigkeit zu glauben und eigene Wege aktiv zu gestalten.
Was bedeutet Selbstwirksamkeit?
Der Fachbegriff wird häufig mit dem englischen Ausdruck self-efficacy bezeichnet.
Gemeint ist die subjektive Erwartung:
Kann ich mit meinen Fähigkeiten und meinem Verhalten das erforderliche Handeln ausführen?
Dabei geht es nicht darum, ob jemand objektiv tatsächlich jede notwendige Fähigkeit besitzt.
Menschen können über vergleichbare Fähigkeiten verfügen und sich dennoch völlig unterschiedlich verhalten.
Ein Beispiel:
Zwei Personen sollen einen schwierigen Vortrag halten.
Beide verfügen über ähnliche fachliche Kenntnisse.
Die erste Person denkt:
Das wird anspruchsvoll. Aber ich kann mich vorbereiten und bekomme das hin.
Die zweite denkt:
Ich kann so etwas einfach nicht. Das wird sowieso schiefgehen.
Diese Erwartungen können beeinflussen,
- ob eine Aufgabe überhaupt begonnen wird,
- wie viel Anstrengung investiert wird,
- wie lange jemand bei Schwierigkeiten durchhält,
- wie Rückschläge interpretiert werden und
- ob nach einem Misserfolg ein neuer Versuch unternommen wird.
Selbstwirksamkeit ist deshalb keine abstrakte Form positiven Denkens.
Sie betrifft die Erwartung, handlungsfähig zu sein.
Albert Bandura und die Theorie der Selbstwirksamkeit
Der kanadisch-amerikanische Psychologe Albert Bandura veröffentlichte 1977 seine einflussreiche Arbeit Self-Efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. [1]
Bandura ging davon aus, dass Menschen ihr Verhalten nicht allein aufgrund äußerer Belohnungen oder Bestrafungen verändern.
Eine wichtige Rolle spielt auch die eigene Erwartung:
Bin ich in der Lage, das erforderliche Verhalten tatsächlich auszuführen?
Aus dieser Idee entwickelte sich die Selbstwirksamkeitstheorie als wichtiger Bestandteil von Banduras sozial-kognitiver Theorie.
Menschen sind darin nicht lediglich passive Empfänger äußerer Einflüsse.
Sie beobachten ihre Umwelt, bewerten Erfahrungen, setzen Ziele, lernen von anderen und entwickeln Vorstellungen darüber, welchen Einfluss sie selbst auf zukünftige Ereignisse nehmen können.
Diese Vorstellung menschlicher Handlungsfähigkeit wird häufig mit dem Begriff Agency beschrieben.
Die vier Quellen der Selbstwirksamkeit
Bandura beschrieb vier zentrale Quellen, aus denen sich Selbstwirksamkeitserwartungen entwickeln können. [1]

Die vier klassischen Quellen der Selbstwirksamkeit nach Bandura.
1. Eigene Erfolgserfahrungen
Die stärkste Quelle ist häufig die eigene Erfahrung:
Ich habe etwas Schwieriges geschafft.
Solche Erfahrungen werden auch als Mastery Experiences bezeichnet.
Wer beispielsweise nach mehreren Trainingswochen erstmals eine anspruchsvolle Fahrradtour bewältigt, eine Prüfung besteht oder ein schwieriges berufliches Problem löst, erhält einen konkreten Beleg für die eigene Handlungsfähigkeit.
2. Beobachtung anderer Menschen
Menschen lernen auch durch Modelle.
Wenn wir beobachten, wie eine andere Person eine Herausforderung bewältigt, kann dies die eigene Erwartung beeinflussen.
Besonders wirksam kann ein Vorbild sein, das als vergleichbar wahrgenommen wird.
3. Ermutigung und konstruktives Feedback
Auch Rückmeldungen anderer Menschen können Selbstwirksamkeit beeinflussen.
Ein glaubwürdiger Trainer, Lehrer, Vorgesetzter oder Coach kann beispielsweise vermitteln:
Du hast die notwendigen Grundlagen. Probiere den nächsten Schritt.
Hilfreicher ist konkretes Feedback:
- Was funktioniert bereits?
- Welche Fähigkeit wurde entwickelt?
- Wo liegt der nächste erreichbare Schritt?
- Welche Strategie könnte verändert werden?
Auch gutes Coaching kann an solchen Fragen ansetzen.
4. Körperliche und emotionale Reaktionen
Menschen interpretieren auch körperliche und emotionale Signale.
Herzklopfen vor einer Präsentation kann beispielsweise unterschiedlich bewertet werden:
Ich bin völlig überfordert.
oder:
Ich bin angespannt, weil mir die Situation wichtig ist.
Selbstwirksamkeit bedeutet dabei nicht, Angst, Unsicherheit oder Stress ignorieren zu müssen.
Es geht vielmehr darum, körperliche und emotionale Reaktionen realistisch einzuordnen und trotz vorhandener Anspannung angemessen handeln zu können.
Selbstwirksamkeit, Selbstvertrauen und Selbstwert
Die Begriffe werden im Alltag häufig miteinander vermischt.
Sie beschreiben jedoch unterschiedliche Aspekte.

Selbstwirksamkeit, Selbstvertrauen und Selbstwert hängen zusammen, bedeuten aber nicht dasselbe.
Selbstwirksamkeit
Selbstwirksamkeit bezieht sich auf die eigene Handlungsfähigkeit:
Ich traue mir zu, diese Herausforderung zu bewältigen.
Selbstvertrauen
Selbstvertrauen wird meist breiter verstanden und beschreibt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten oder Entscheidungen.
Ein Mensch kann grundsätzlich selbstbewusst auftreten und sich bei einer bestimmten Aufgabe dennoch wenig selbstwirksam fühlen.
Selbstwert
Selbstwert beschreibt die Bewertung der eigenen Person.
Wie wertvoll empfinde ich mich?
Selbstwert und Selbstwirksamkeit können zusammenhängen, sind aber nicht identisch.
Ein nicht erreichtes Ziel sollte beispielsweise nicht automatisch zu dem Schluss führen:
Ich bin wertlos.
Aus Sicht der Selbstwirksamkeit wäre eine andere Frage sinnvoller:
Welche Fähigkeit, Strategie oder Unterstützung fehlt mir, um die Aufgabe besser bewältigen zu können?
Selbstwirksamkeit und Motivation
Auch Motivation und Selbstwirksamkeit sind nicht dasselbe.
Ein Mensch kann sich etwas zutrauen, ohne es unbedingt tun zu wollen.
Umgekehrt kann jemand hoch motiviert sein und trotzdem zweifeln, ob er über die notwendigen Fähigkeiten verfügt.
Die neuere Forschung diskutiert deshalb ausdrücklich, wie sauber Selbstwirksamkeit und Motivation voneinander abgegrenzt und gemessen werden können. [2]
Selbstwirksamkeit und Resilienz
Selbstwirksamkeit zählt zu den wichtigen Faktoren, die im Zusammenhang mit Resilienz untersucht und gefördert werden.
Der Zusammenhang ist nachvollziehbar.
Belastende Situationen enthalten häufig Unsicherheit und Kontrollverlust.
Selbstwirksamkeit bedeutet nicht:
Ich habe alles unter Kontrolle.
Sie bedeutet eher:
Es gibt wahrscheinlich etwas, das ich tun kann.

Resilienz wächst unter anderem dort, wo Menschen eigene Wirksamkeit erleben.
Das kann beispielsweise sein,
- Informationen zu beschaffen,
- eine Entscheidung zu treffen,
- Unterstützung zu suchen,
- ein Problem in kleinere Schritte aufzuteilen,
- eine ungeeignete Strategie zu verändern,
- Grenzen zu setzen oder
- eine Situation zu verlassen.
Der NGO-Online-Beitrag Resilienz stärken und die Irrtümer beschäftigt sich ausführlicher damit, warum Resilienz nicht mit bloßem Durchhalten oder permanenter Härte verwechselt werden sollte.
Selbstwirksamkeit im Alltag
Selbstwirksamkeit zeigt sich häufig in kleinen Situationen.
Beispiele sind:
- eine schwierige Behördensache selbst klären,
- ein technisches Problem lösen,
- nach einem Fehler einen neuen Versuch unternehmen,
- in einem Konflikt die eigene Position formulieren,
- Unterstützung organisieren,
- eine neue Fähigkeit erlernen,
- ein persönliches Ziel in kleinere Schritte zerlegen.
Selbstwirksamkeit im Beruf
Im Berufsleben kann Selbstwirksamkeit unter anderem beeinflussen, wie Menschen mit neuen Aufgaben, Verantwortung, Veränderungen und Rückschlägen umgehen.
Eine selbstwirksame Haltung kann lauten:
Diese Aufgabe ist neu für mich. Ich kann mir das notwendige Wissen aneignen oder Unterstützung organisieren.
Selbstwirksamkeit beim Sport und Training
Sport bietet besonders anschauliche Möglichkeiten für Selbstwirksamkeitserfahrungen.
Die entscheidende psychologische Erfahrung lautet nicht nur:
Meine Fitness ist besser geworden.
Sondern möglicherweise auch:
Ich kann durch regelmäßiges Training etwas verändern.
Wie lässt sich Selbstwirksamkeit stärken?
Selbstwirksamkeit lässt sich nicht einfach durch einen positiven Satz herstellen.
Hilfreicher sind Erfahrungen, die zeigen, dass eigenes Handeln tatsächlich Wirkung entfalten kann.
- erreichbare Herausforderungen wählen,
- Fortschritt sichtbar machen,
- aus Rückschlägen Informationen gewinnen,
- von anderen lernen,
- realistisches Feedback nutzen.
Selbstwirksamkeit bedeutet nicht Selbstoptimierung
Der Begriff kann missverstanden werden.
Wenn persönliche Handlungsfähigkeit betont wird, entsteht schnell der Eindruck, jeder Mensch sei allein für Erfolg, Gesundheit oder Lebensumstände verantwortlich.
Das wäre falsch.
Menschen handeln immer innerhalb realer Bedingungen.
Dazu gehören beispielsweise:
- Einkommen,
- Bildungschancen,
- Gesundheit,
- familiäre Verpflichtungen,
- Diskriminierung,
- Arbeitsbedingungen,
- soziale Unterstützung,
- politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen.
Note
Selbstwirksamkeit ist keine Garantie für Erfolg. Ein Mensch kann kompetent, motiviert und selbstwirksam handeln und dennoch an äußeren Bedingungen scheitern. Ebenso ist eine psychische Erkrankung kein Beweis für mangelnden Willen oder fehlende Selbstwirksamkeit.
Kann Selbstwirksamkeit erlernt werden?
Selbstwirksamkeit ist keine unveränderliche Charaktereigenschaft.
Erfahrungen können Erwartungen verändern.
Wer neue Fähigkeiten entwickelt, Herausforderungen erfolgreich bewältigt, geeignete Vorbilder erlebt oder hilfreiches Feedback erhält, kann in bestimmten Bereichen stärkere Selbstwirksamkeitserwartungen entwickeln.
Dabei ist Selbstwirksamkeit häufig bereichsspezifisch.
Häufige Fragen zur Selbstwirksamkeit
Was bedeutet Selbstwirksamkeit einfach erklärt?
Selbstwirksamkeit bedeutet, darauf zu vertrauen, eine konkrete Herausforderung durch eigenes Handeln bewältigen oder beeinflussen zu können.
Was ist der Unterschied zwischen Selbstwirksamkeit und Selbstvertrauen?
Selbstvertrauen ist ein breiter Begriff für das Vertrauen in die eigene Person und die eigenen Fähigkeiten.
Selbstwirksamkeit bezieht sich genauer auf die Erwartung, ein bestimmtes Verhalten erfolgreich ausführen oder eine konkrete Herausforderung bewältigen zu können.
Warum ist Selbstwirksamkeit für Resilienz wichtig?
Menschen erleben in Krisen häufig Unsicherheit und Kontrollverlust.
Die Erwartung, zumindest bestimmte Aspekte einer Situation beeinflussen und geeignete Bewältigungsstrategien einsetzen zu können, kann eine wichtige Ressource darstellen.
Zusammenfassung
Selbstwirksamkeit beschreibt die Überzeugung, mit dem eigenen Handeln etwas bewirken und konkrete Herausforderungen bewältigen zu können.
Vier wichtige Quellen sind:
- eigene Bewältigungs- und Erfolgserfahrungen,
- das Beobachten anderer Menschen,
- glaubwürdige Ermutigung und konstruktives Feedback,
- die Bewertung körperlicher und emotionaler Reaktionen.
Selbstwirksamkeit ist nicht identisch mit Selbstwert, Selbstvertrauen, Optimismus oder Motivation.
Als eine von mehreren persönlichen und sozialen Ressourcen steht Selbstwirksamkeit in engem Zusammenhang mit Resilienz, Coping und alltagspraktischen Formen der Belastungsbewältigung.
Quellen und weiterführende Hinweise
| [1] | (1, 2, 3) Bandura, Albert: Self-Efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. Psychological Review, Band 84, Nr. 2, 1977, S. 191–215. |
| [2] | American Psychological Association: Self-efficacy – The theory at the heart of human agency. Breakthrough Psychological Science, 2025. |
| [3] | Bandura, Albert: Self-Efficacy – The Exercise of Control. W. H. Freeman, New York, 1997. |
| [4] | American Psychological Association: APA Dictionary of Psychology – Self-efficacy. Aktualisierte Fassung 2023. |
| [5] | Leibniz-Institut für Resilienzforschung: Resilienzförderung und evidenzbasierte Resilienzfaktoren, Mainz. |