Hermann Scheer
Die Person
Hermann Scheer (29. April 1944 – 14. Oktober 2010) war ein deutscher Politiker der SPD und einer der einflussreichsten Vordenker der Energiewende. Von 1980 bis zu seinem Tod saß er dreißig Jahre lang im Deutschen Bundestag. Die Öffentlichkeit nannte ihn den „Solarpapst" — ein Spitzname, der seine hartnäckige Einseitigkeit ebenso beschreibt wie seinen Wirkungsgrad.
Scheer war Volkswirt und Soziologe, promoviert über die Geschichte der Kernenergie. Aus dieser Beschäftigung entstand seine Überzeugung, dass eine Energieversorgung, die auf zentralen Großkraftwerken beruht, nicht nur eine technische, sondern auch eine Machtfrage ist.
Der Weg zur Solarenergie
In den achtziger Jahren war die Umstellung auf erneuerbare Energien eine Außenseiterposition. Scheer gründete deshalb Organisationen, in denen er sie durchsetzen konnte. 1988 rief er EUROSOLAR ins Leben, die Europäische Vereinigung für Erneuerbare Energien, und wurde ihr Präsident. 1999 erhielt er den Right Livelihood Award, den sogenannten Alternativen Nobelpreis, für seinen „unermüdlichen Einsatz für die Förderung der Solarenergie in der ganzen Welt".
Sein zentrales Ziel war nicht allein der Klimaschutz. Scheer ging es um die Eigentumsfrage: Erneuerbare Energien sollten dezentral, in Bürgerhand und damit in vielen kleinen Anlagen entstehen, um die Marktmacht der großen Energieversorger zu brechen. Diesen Gedanken hat er in mehreren Büchern ausgeführt, am bekanntesten ist „Solare Weltwirtschaft" von 1999.
Das Erneuerbare-Energien-Gesetz
Scheers bekanntestes Werk ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das im Jahr 2000 in Kraft trat und das Stromeinspeisungsgesetz von 1991 ablöste. Der Mechanismus war einfach und wirksam: Wer Strom aus Sonne, Wind, Wasser oder Biomasse erzeugt, bekommt eine feste Vergütung für jede eingespeiste Kilowattstunde — garantiert über zwanzig Jahre, unabhängig davon, wie sich der Strompreis entwickelt. Die Kosten tragen die Stromkunden über eine Umlage.
Dieses Verfahren machte Investitionen in Anlagen berechenbar und löste einen Boom aus. Deutschland wurde zum größten Markt für Photovoltaik und Windkraft in Europa; zum Erneuerbare-Energien-Gesetz gibt es einen eigenen Lexikon-Eintrag.
Die internationale Arbeit
Scheer blieb nicht bei der deutschen Gesetzgebung stehen. 2001 gründete er den Weltrat für Erneuerbare Energien (WCRE), der die Interessen der Branche international vertreten sollte. 2004 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des World Future Council, einer Stiftung, die sich für die Belange künftiger Generationen einsetzt.
Sein wichtigstes internationales Ziel war eine eigene Weltorganisation für erneuerbare Energien — ein Gegenstück zur Atomenergiebehörde IAEA. Über Jahre warb er bei Regierungen dafür. Am 26. Januar 2009 wurde die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) mit Sitz in Abu Dhabi gegründet. Scheer gilt deshalb als ihr geistiger Vater.
Der Nachlass
Hermann Scheer starb am 14. Oktober 2010 in Berlin. Der Nachruf der Wochenzeitung DIE ZEIT nannte ihn einen „praktischen Visionär und Urdemokrat" — einen, der seine Ziele nicht in Sonntagsreden vortrug, sondern in Paragrafen goss.
Die von ihm gegründete Hermann-Scheer-Stiftung führt die Arbeit fort. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz ist mehrfach umgebaut worden; die feste Vergütung für neue Anlagen wurde durch Ausschreibungen ersetzt. Der Grundgedanke — Vorrang für erneuerbaren Strom und Investitionssicherheit für die Betreiber — steht aber weiter im Gesetz.
Wofür er stand
Scheer war Mitglied der SPD. Seine politische Heimat war aber weniger die Partei als die Sache: Er verband eine technisch-ökonomische Analyse mit einem gesellschaftlichen Ziel und ließ sich davon auch durch jahrzehntelange Mehrheitsverhältnisse nicht abbringen. In der Rückschau gilt er als der Politiker, der die Energiewende in Deutschland gesetzlich auf den Weg gebracht hat.
Fakten auf einen Blick
| Geboren | 29. April 1944 in Wehrheim |
| Gestorben | 14. Oktober 2010 in Berlin |
| Partei | SPD |
| Bundestagsmitglied | 1980 bis 2010 |
| Auszeichnung | Right Livelihood Award („Alternativer Nobelpreis"), 1999 |
| Gründungen | EUROSOLAR (1988), Weltrat für Erneuerbare Energien (2001) |
| Bekanntestes Gesetz | Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), 2000 |
| Internationales Ziel | Gründung von IRENA, erreicht am 26. Januar 2009 |
| Bekanntestes Buch | „Solare Weltwirtschaft", 1999 |
Note
Der Spitzname „Solarpapst" stammt aus der Presse, nicht von ihm selbst. Er traf ihn nicht falsch: Scheer blieb auch in Zeiten, in denen erneuerbare Energien als wirtschaftlich aussichtslos galten, bei seiner Linie.
Quellen
| [1] | Wikipedia: Hermann Scheer (Politiker, 1944) (https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Scheer_(Politiker,_1944)), abgerufen am 12. Oktober 2026. |
| [2] | Hermann-Scheer-Stiftung: Hermann Scheer (https://www.hermann-scheer-stiftung.de/hermann-scheer/), abgerufen am 12. Oktober 2026. |
| [3] | Right Livelihood Award Foundation: Hermann Scheer, 1999 Laureate (https://tinyurl.com/25ntxv3g), abgerufen am 12. Oktober 2026. |
| [4] | IRENA: Hermann Scheer, father of IRENA, passed away, Oktober 2010. |
| [5] | Friedrich-Ebert-Stiftung, Archiv der sozialen Demokratie: Hermann Scheer (https://www.fes.de/asd/vordenker-innen/hermann-scheer), abgerufen am 12. Oktober 2026. |
| [6] | DIE ZEIT: Nachruf Hermann Scheer, praktischer Visionär und Urdemokrat, Oktober 2010. |