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Scheer stellt ambitioniertes Ausbauprogramm für erneuerbare Energien vor

"Schnell, vielseitig, dezentral"

Anlässlich des 20. Jahrestages der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl fordert der Präsident des Solarenergieverbandes EUROSOLAR, Hermann Scheer, eine "Realisierung des Atomausstiegs" und eine auf Erneuerbare Energien und die Steigerung der Energieeffizienz ausgerichteten "landespolitischen Schwerpunktstrategie". Eine solche Strategie könne "umfassende wirtschaftliche, ökologische und kommunale Zukunftschancen" eröffnen. "Tatsache ist", so Scheer, dass mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) das Ziel eines 20-Prozent-Anteils der neuen Energieträger an der Stromversorgung nicht erst im Jahr 2020, sondern bereits 2012 erreicht werden könne. Man müsse nur das derzeitige jährliche Einführungstempo beibehalten. Bis 2020 seien dann weitaus höhere Anteile erreichbar, so dass man auf Atomkraftwerke verzichten und obendrein den von den Energiekonzernen geplanten Neubau fossiler Großkraftwerke vollständig vermeiden könne. "Bei klarem politischem Willen" hält Scheer schon bis 2020 eine Stromerzeugung ohne Atomenergie und mit nur noch wenigen fossilen Großkraftwerke für möglich.

"Keine Energieform ist schneller einführbar als Erneuerbare Energien in dezentralen Anlagen", sagte Scheer auf einer Pressekonferenz in Bonn. Windkraft-, Solar-, Bioenergie und Kleinwasserkraftanlagen seien im Zeitraum weniger Tage und Wochen installierbar. Der EUROSOLAR-Präsident skizzierte für den Zeitraum bis 2020 eine Reihe "greifbarer Möglichkeiten".

30 Prozent des derzeitigen Stromverbrauchs könne man allein durch die Windenergie decken. Nach Darstellung von Scheer könnte man mit 20.000 neuen Windkraftanlagen mit einer Kapazität von jeweils 4,5 Megewatt eine Gesamtstrommenge von 200 Milliarden Kilowattstunden erzeugen. Die Leistungsklasse dieser Windkraftanlagen sei "teilweise auch grundlastfähig".

Windenergie: "Planungshemmnisse für die 4,5 Megawatt-Klasse beseitigen"

Ein derartiger Ausbau der Windenergie in Deutschland hält Scheer für gut machbar. Er verweist darauf, dass in Deutschland über 200.000 Hochspannungsmasten stünden, von denen sogar ein Großteil abgebaut werden könne, "wenn Großkraftwerke durch Windkraftanlagen und andere Anlagen erneuerbarer Energien ersetzt werden". "Die ambitionierte Windkraftnutzung führt also zu Landschaftsgewinnen", so Hermann Scheer.

Politische Voraussetzung dafür sei, die Planungshemmnisse zu beseitigen, "die vielerorts willkürlich den Bau von Windkraftanlagen verhindern und dabei insbesondere Nabenhöhen für Windkraftanlagen der 4,5 Megawatt-Klasse ausschließen". Windkraftanlagen dieser Größe hätten eine höhere "Anlagen- und Standorteffizienz". Scheer plädiert für eine "Standortrahmenplanung" für Windkraftanlagen, die "alle windgünstigen Standorte entlang der Bundesfernstraßen und der Eisenbahnlinien" erfasse und zu Vorranggebieten mache.

30.000 neue Kleinwasserkraftwerke

Auch im Bereich der Kleinwasserkraft sieht der EUROSOLAR-Präsident noch erhebliche Ausbaupotenziale. Gegenwärtig gebe es in Deutschland etwa 6000 Kleinwasserkraftanlagen. Damit werde aber nur ein kleiner Teil des Wasserkraftpotenzials genutzt, wie ein Vergleich mit den "über 60.000 Wasserkraftnutzungsrechten" vor über 100 Jahren - im Jahr 1900 - zeige. "Mit einer Vergabe von 30.000 neuen Wassernutzungsrechten auf der Basis leistungsfähigerer Technik ergibt sich hieraus eine installierbare Zusatzkapazität an Wasserkraft von etwa 10.000 Megawatt", so Scheer.

Damit könne der Wasserkraftanteil in Deutschland auf etwa 50 Milliarden Kilowattstunden verdoppelt werden. "Dieses Potential ist durchgängig grundlastfähig", betont Scheer bezogen auf die Behauptung der großen Energiekonzerne, die erneuerbaren Energien seien nicht grundlastfähig. Voraussetzung für die Nutzung dieses Wasserkraftpotenzials sei "wiederum ein Abbau der Genehmigungshindernisse".

"Geothermie kann fast vier Großkraftwerke ersetzen"

Scheer hält es darüber hinaus auch für "realisierbar, bis zum Jahr 2020 die hydrothermale Geothermie mit einem ermittelten Potential von 4000 Megawatt elektrischer Nennleistung zu aktivieren". Dieses Potential sei wiederum generell grundlastfähig und wäre "bei Vollausbau allein in der Lage, die Leistung von vier Großkraftwerken größtenteils zu ersetzen und darüber hinaus einen Beitrag zur Deckung des Wärmebedarfs zu übernehmen", sagte Scheer. Das bis 2020 realisierbare Potential liege bei mindestens 25 Milliarden Kilowattstunden jährlich.

Solarstrom: "5000 Megawatt Ersatzleistung für die Tageslastspitzen"

Schon bei einer "unveränderten Einführungsdynamik" kann nach Darstellung von Scheer die "photovoltaische Stromerzeugung" in den nächsten 15 Jahren in Deutschland eine Gesamtkapazität von 20.000 Megawatt ermöglichen.

Dies entspreche "einer Kraftwerksersatzleistung gegenüber konventionellen Kraftwerken von etwa 5000 Megawatt" und einer Jahresproduktion von 20 Milliarden Kilowattstunden. Der Solarstrom sei "vorwiegend zur Deckung des Bedarfs von Spitzenstrom in der Tageslastspitze einsetzbar", was den tatsächlichen Wert des Solarstroms widerspiegele.

"Kraft-Wärme-Kopplung verdreifachen wie in den Niederlanden"

Die so genannte Kraft-Wärme-Kopplung, bei aus verschiedenen Primärenergieträgern zugleich Strom und Wärme nutzbar gemacht wird, hat in Deutschland gegenwärtig einen Anteil von etwa 10 Prozent an der Stromproduktion. "Dieser Anteil lässt sich, dem Beispiel der Niederlande folgend, in weniger als einem Jahrzehnt verdreifachen", so Scheer.

EUROSOLAR sieht bei der Kraft-Wärme-Kopplung den Vorzug, schrittweise fossile Energieträger durch erneuerbare zu ersetzen. So könne "ein stetig wachsender Anteil der dafür eingesetzten Energie durch die Bioenergie gestellt werden". Hierfür kämen Biogas aus organischen Abfällen, landwirtschaftliche Reststoffen und zum Teil auch Energiepflanzen in Betracht. Die Bioenergie eigne sich auch für den Einsatz in Hybrid-Anlagen, die an Windkraftanlagen gekoppelt seien und in windschwachen Zeiten die Stromproduktion übernähmen.

Mit der vorgestellten Strategie würde nach Darstellung von Scheer nicht nur die Umstellung der Stromproduktion erfolgen, sondern auch der Umbau des Wärmesektors beginnen. So würden "über die Bioenergie, die Kraft-Wärme-Kopplung und die geothermische Energienutzung" zugleich auch enorme Mengen Energie in Form von Wärme gewonnen werden. Dies würde daher auch zur Minderung des fossilen Energieeinsatzes im Bereich der Wärmebereitstellung beitragen.

Scheers Bilanz: Bis zu 80 Prozent aus Kraft-Wärme-Kopplung und Erneuerbaren Energien

Vor dem Hintergrund dieser Möglichkeiten zog Scheer Bilanz: Deutschland habe gegenwärtig eine Bruttostromerzeugung von etwa 605 Milliarden Kilowattstunden, mit einem Atomstromanteil von 167 Milliarden. Der Anteil der Erneuerbaren Energien liege bei 10,5 Prozent und der der Kraft-Wärme-Kopplung bei 10 Prozent.

Das Ausbaupotenzial bis 2020 summiere sich mit 200 Milliarden Kilowattstunden Windkraft, 20 Milliarden Photovoltaik, 25 Milliarden Wasserkraft, über 25 Milliarden Geothermie und 120 Milliarden Kilowattstunden Kraft-Wärme-Kopplung - davon zur Hälfte aus Biomasse - auf rund 390 Milliarden Kilowattstunden. Das ergäbe zusammen mit den bereits eingeführten Potentialen Erneuerbarer Energien und der Kraft-Wärme-Kopplung eine Gesamtstromerzeugung von 80 Prozent. "Unter Berücksichtigung eines Trägheitsmoments von vielleicht einem Drittel des aufgezeigten zusätzlichen Potentials wären es immer noch über 50 Prozent", so Scheer. Erforderlich sei hierfür allerdings ein "klarer politischer Wille".

"Breitere Eigentumsstreuung in der Stromproduktion"

Neben der Stromerzeugung betrachtete Scheer auch den Stromverbrauch: "Wenn wir davon ausgehen, dass über die Steigerung der Geräteeffizienz generell ein jährlicher Effizienzzuwachs von 1 Prozent zustande kommt, ist das Ziel der Ablösung der Atomkraft und einer gleichzeitigen Reduzierung fossilen Energieeinsatzes umso leichter realisierbar."

Der EUROSOLAR-Präsident erwartet bei einer solchen energiepolitischen Strategie einen "großen Sprung in der Effizienz des Energiesystems insgesamt". Er verweist auf zahlreiche Folge-Effekte: Mit dem "Ersatz weniger Großkraftwerke" könnten viele Energietransportverluste vermieden werden, es käme mit Stadtwerken und Privatbetrieben zu einer "breiteren Eigentumsstreuung" in der Stromproduktion, damit einher ginge "ein mittelstandsfördernder und die Kommunen stärkender Effekt". Kein Wunder stoßen Scheers Vorschläge bei den großen Energiekonzernen wie RWE, E.ON, EnBW, Vattenfall und Siemens nicht auf große Gegenliebe.

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