pisa-studie
Arm bleibt arm
Chancenungleichheiten im deutschen Bildungssystem
Der kleine Max, dessen Vater als Busfahrer und dessen Mutter parallel zur Hausarbeit ein wenig als Reinigungskraft arbeitet, geht in die vierte Klasse einer Grundschule. Nach den Sommerferien wird er vermutlich eine Hauptschule besuchen. Die Eltern seines Klassenkameraden Peter sind als niedergelassene Ärzte in einer Gemeinschaftspraxis tätig. Peter geht wie Max in die vierte Klasse einer Grundschule. Bereits zu Beginn der Grundschulzeit zeichnet sich ab, dass Peter eine Gymnasialempfehlung bekommen wird. Die Beispiele von Max und Peter stehen für eine Vielzahl von Kindern, denen es ähnlich ergeht.
Jungen als "Bildungsverlierer"
Stereotype beeinflussen laut PISA-Studie den Bildungserfolg von Jugendlichen
Mathe ist nichts für Mädchen, Lesen ist nichts für Jungen - solche Stereotype beeinflussen laut PISA-Studie den Bildungserfolg von Jugendlichen. Das ergab eine Sonderauswertung der bisherigen PISA-Studien, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Dienstag in Paris veröffentlichte. Demnach wachsen im Laufe der Schulkarriere die Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen. Schuld sind nach Einschätzung der Forscher eher geschlechtsspezifische Vorurteile als ein tatsächliches Gefälle in der Begabung. Lehrerverbände forderten eine Leseoffensive für Jungen und mehr Männer im Lehrberuf, um die Geschlechter-Unterschiede auszugleichen.
Übergroße Klassen
Schülervertreter beschweren sich über PISA-Hörigkeit der Politik
Schülervertreter beschweren sich über eine zu starke Ausrichtung der Bildungspolitik an den Ergebnissen der PISA-Studie. Die Politik reagiere immer nur hektisch, wenn es neue Ergebnisse des Bildungsvergleichs gebe, sagte der Vorsitzende des Landesschülerausschusses Berlin, Max Wolter, am Montag (17. November). Solche "Schnellschüsse" seien aber fehl am Platz. "Wir brauchen eine durchgehend verbesserte Bildungspolitik - unabhängig von den PISA-Ergebnissen", forderte er. "Wir wissen selbst, woran das Bildungssystem krankt", sagte Wolter. Probleme seien unter anderem übergroße Klassen, zu wenig Geld und eine mangelnde Lehrerausbildung.
Weiterbetrieb "sicherer" Atomkraftwerke "ist absurd"
Atomkraftwerk Biblis B soll mehr als 150 schwere Sicherheitsmängel aufweisen
Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW widerspricht der Aussage von Unionspolitikern, Deutschland habe die sichersten Atomkraftwerke der Welt, weswegen ein Weiterbetrieb sinnvoll sei. "Diese Behauptung ist absurd", sagte ein Sprecher der Organisation. "Manche Politiker sollten sich mal wirklich ein wenig mit dem Sicherheitsstandard der deutschen Atomkraftwerke auseinandersetzen." Ein internationaler OECD-Vergleich - gewissermaßen eine "Pisa-Studie für Kernkraftwerke" - habe gezeigt, dass die Kernschmelzfestigkeit von Biblis B und vergleichbarer deutscher Atomkraftwerke katastrophal schlecht sei. Außerdem könne man für das Atomkraftwerk Biblis B mehr als 150 schwerwiegende Sicherheitsmängel nachweisen.
Missliebige Äußerungen von Schleicher
Baden-Württemberg droht mit Ausstieg aus den PISA-Studien
Im Streit um die Vorabveröffentlichung von Ergebnissen der jüngsten PISA-Studie und den PISA-Koordinator bei der OECD, Andreas Schleicher, stellt erstmals ein deutscher Bildungsminister die Zusammenarbeit mit der Industrieländerorganisation infrage. Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau (CDU) sagte der "Financial Times Deutschland": "Wenn Andreas Schleicher nicht von seinen Funktionen entbunden wird, werden wir die Zusammenarbeit mit der OECD einstellen." Zuvor hatten bereits die Kultusminister der unionsgeführten Länder den Rückzug Schleichers gefordert. Der CDU gefiel die Kritik Schleichers nicht, es habe eine Begünstigung Deutschlands durch ein modifiziertes Testverfahren gegeben. Die Ergebnisse seien mit denjenigen der Vorjahre insofern nicht vergleichbar.
Wasserstoffexplosionen
Deutsche Atomkraftwerke im internationalen Vergleich
Die deutschen Atomreaktoren sind nach Ansicht von Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber (CSU) "die sichersten Kernkraftwerke der Welt". Dies gelte auch für die Reaktoren in Krümmel und Brunsbüttel. "Soweit man das sehen kann, liegt hier kein Systemfehler vor, der den Weiterbetrieb der Kernkraftwerke nicht erlauben würde", sagte Huber am 16. Juli in Bayern2Radio in München. Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW widersprach am 17. Juli dem Minister und verwies auf einen von der OECD im Jahr 1997 veröffentlichten internationalen Vergleich von Atomkraftwerken - laut IPPNW "so etwas wie eine Pisa-Studie für Kernkraftwerke". Demnach sei bei deutschen Atomkraftwerken "die Gefahr extrem hoch, dass es bei einer Kernschmelze zu massiven Freisetzungen von Radioaktivität kommt".
Bereitschaft mehr Geld auszugeben
PISA-Studien sollen zu Verarmung des Lehrstoffs führen
Die PISA-Studie hat nach Einschätzung des Deutschen Lehrerverbands dazu geführt, dass deutsche Schüler heute weniger beigebracht bekommen als früher. "Die ganze Schulpolitik und Schulpraxis ist heute ja auf die Frage ausgerichtet: Wie schneiden wir bei PISA besser ab?", sagte der Präsident des Lehrerverbands, Josef Kraus, der "Berliner Zeitung" anlässlich des fünften Jahrestages der ersten PISA-Studie. Das führe zu einer Verarmung des Lehrstoffs. Nötig sei daher eine Debatte über die Lehrinhalte.
"Chancengerechtigkeit"
Vereinte Nationen untersuchen deutsches Bildungssystem
Nach den PISA-Studien der Jahre 2000 und 2003 wird nun das deutsche Bildungssystem wieder unter die Lupe genommen. Der Sondergesandte der UN-Menschenrechtskommission Vernor Muñoz macht sich seit Montag vor allem ein Bild von den Bildungsmöglichkeiten von Kinder aus unteren Schichten. Bundesbildungsministerin Annette Schavan und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) haben entgegengesetzte Einschätzungen zur Chancengerechtigkeit in den deutschen Schulen und zur "Durchlässigkeit" zwischen den Schulformen.
PISA E-Studie
GEW sieht Hauptproblem der Chancenungleichheit nicht gelöst
Marianne Demmer, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sagte am Donnerstag in Frankfurt a.M. aus Anlass der veröffentlichten Studie "PISA E": "Für selbstgefälliges Schulterklopfen der ‚Sieger’ beim PISA-Bundesländervergleich gibt es keinen Grund. Auch die ‚Klassenbesten’ haben das Hauptproblem des Schulwesens nicht gelöst: Bildung ist in keinem anderen Land so stark vom Geldbeutel der Eltern abhängig wie in Deutschland. Kinder aus sozial schwächeren und Einwandererfamilien haben beim Rennen um die hochwertigsten Bildungsabschlüsse sehr schlechte Chancen". Ein qualitativ gutes Schulsystem zeichne sich dadurch aus, dass Leistung und Chancengleichheit gleichermaßen stimmen.
Spirale aus Armut und Bildungsarmut
Wissenschaftler sieht wachsende Kinderarmut als Bildungsrisiko
Die Arbeitsmarktreform "Hartz IV" wird nach Ansicht des Jenaer Erziehungswissenschaftlers Roland Merten einen dramatischen Anstieg der Kinderarmut zur Folge haben. Merten sagte der in Jena, durch die Angleichung von Arbeitslosenhilfe an das Niveau der Sozialhilfe werde die Einkommenssituation vieler Familien verschlechtert. So hätten im Jahr 2002 in Deutschland rund 800.000 Kinder in Familien gelebt, in denen die Eltern bislang Arbeitslosenhilfe über dem Sozialhilfesatz bezogen. Mertin sieht einen engen Zusammenhang zwischen Kinderarmut und Bildungserfolgen. Er verweist hierbei auf Dänemark, Finnland, Schweden und das Bundesland Bayern einerseits und auf die Bundesländer Rheinland-Pfalz, Saarland und Bremen andererseits.
Schwerpunkt Mathematik
PISA-Folgestudie startet
Nach der ersten PISA-Bildungsstudie werden Schüler nunmehr in einer Folgeuntersuchung gezielt auf ihre mathematischen Fähigkeiten hin überprüft. An der OECD-Erhebung für PISA-2003 ("Programme für International Student Assessment"), die am Dienstag begann, nehmen 15-jährige Schüler in weltweit über 40 Staaten teil.
Kultusministerkonferenz soll Geheimniskrämerei beenden
Lehrer haben keine Angst vor PISA für Lehrer
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft steht der von der OECD geplanten PISA-Vergleichsstudie für Lehrer grundsätzlich positiv gegenüber. Eine solche Studie biete die Chance, "mit Vorurteilen gegenüber Lehrern aufzuräumen" sowie "Erkenntnisse über eine gute Unterrichtsqualität" zu gewinnen, sagte die GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange am Donnerstag in Frankfurt am Main. "Die GEW hat keine Angst vor PITA", dem Programme for International Teacher Assessment, unterstrich Stange, "und die Lehrer auch nicht." Zugleich forderte die Gewerkschafterin die Kultusministerkonferenz (KMK) auf, ihre "offenbare Geheimniskrämerei" zu beenden und "offensiver" mit der geplanten Lehrerstudie umzugehen.
Reformdruck nach Ländervergleich durch PISA-Studie
Niedersachsens Kultusministerin will Zentralabitur, Eltern mehr Leistungen
Niedersachsens Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper (SPD) will als Konsequenz aus dem PISA-Ländervergleich mehr zentrale Abschlussprüfungen in ihrem Bundesland einführen. "Ich möchte das Zentralabitur einführen", sagte die Ministerin am Montag im ZDF-"Morgenmagazin". Die Bundesländer müssten jetzt insgesamt mehr "voneinander lernen" und ihre Bildungsstandards angleichen, sagte Jürgens-Pieper.
Fremdsprachen
Schüler und Lehrer sollen mehr Sprachen lernen
Sprachwissenschaftler fordern mehr Fremdsprachenunterricht in deutschen Schulen. Zudem müssten die Kinder früher mit dem Lernen beginnen. Dies seien nötige Konsequenzen aus der Pisa-Studie betonte die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft. Dafür sei aber eine deutlich bessere Ausbildung der Lehrer nötig, betonte die DGfS-Vorsitzende Angelika Redder. Die Pädagogen müssten selbst Kenntnis mehrerer Sprachen haben und sich intensiver damit beschäftigen.
PISA-Studie
Arbeitgeber fordern Leistungsstandards für die Schulen
In der Diskussion um Konsequenzen aus der internationalen Bildungsstudie PISA fordern die Arbeitgeber Leistungstests bereits ab der Grundschule nach bundesweit einheitlichen Standards. Die bisherige Reaktion der Kultusministerkonferenz auf PISA sei ein bildungspolitisches Trauerspiel, kritisierte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Sie solle endlich bundesweit für die Sicherung hoher Qualitätsstandards sorgen.
Bildung
Nach PISA-Studie sollen deutsche Schulen reagieren
Nach dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler in der internationalen Vergleichsstudie PISA mehren sich die Rufe nach umfassenden Konsequenzen. Bayerns Kultusministerin Monika Hohlmeier (CSU) unterstützte am Dienstag im ARD-"Morgenmagazin" Forderungen nach mehr Ganztagsschulen. Dagegen bezweifelte der ehemalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel, dass allein mit dem Ganztagsschulmodell Abhilfe geschaffen werden kann. Er schlug im Deutschlandradio Berlin mehr einheitliche Bildungsvorgaben wie das Zentralabitur vor. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Annette Schavan (CDU), warnte unterdessen in der "Sächsischen Zeitung" vom Dienstag vor Schnellschüssen in der Bildungspolitik.
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