Soldatentod - Deutsche Öffentlichkeit kommt in der Realität an

Krieg ist kein Sandkastenspiel

Der NATO-Einsatz in Mazedonien hat sein erstes Todesopfer gefordert. Der Jeep eines britischen Soldaten war offenbar mit Steinen beworfen worden. Der Soldat starb an den Folgen des Verkehrsunfalls. Es wird deutlich, dass der in den deutschen Medien als "Einsammeln" von Waffen - leicht kann der Eindruck von Briefmarkensammeln entstehen - bezeichnete Kriegseinsatz kein Sandkastenspiel ist. Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) warb trotz des Todesfalls weiter für die Entsendung deutscher Truppen in das Krisengebiet. In der SPD ist bislang keiner der rund 30 Abgeordneten, die am Mittwoch gegen einen Einsatz stimmen wollen, von seiner Position abgerückt. Die Deutsche Friedensgesellschaft/Vereinigte Kriegsgegner (DFG-VK) startete inzwischen eine Protest-Mailaktion an Bundeskanzler Schröder, um den Kriegseinsatz der Bundeswehr zu verhindern.

Die DFG-VK hält die NATO nicht für einen geeigneten Konfliktschlichter, da sie die UCK unterstützte anstatt sie schon längst wirksam zu entwaffnen. Mit ihrer KFOR-Präsenz hätte sie längst die grenzüberschreitenden Aktionen der UCK nach Mazedonien verhindern können.

Die DFG-VK weist zudem auf den Umstand hin, dass sich unter den UCK-Truppen, die kürzlich vom US-Militär aus einer Klemme befreit wurden, 17 frühere US-Offiziere als Instrukteure befanden. Nach der Befreiung wurden der UCK sogar wieder die Waffen ausgehändigt, die aus amerikanischen Beständen stammten! "Sollen diejenigen, die zu einer Eskalation beigetragen haben, nun als Friedensstifter wirken", fragt die DFG-VK den Bundeskanzler.

"Wir befürchten, dass der Konflikt gewaltsam eskaliert und dass aus dem Einsammeln von Waffen ein Kampf mit Waffen wird, der zu einem weiteren NATO-Protektorat auf dem Balkan mit unabsehbaren Folgen und Kosten führen kann", kritisiert die DFG-VK. Die Organisation fordert ein Engagement der UN und der OSZE anstelle eines Kriegseinsatzes der NATO.

Wie die NATO am Montag in Skopje zum Tod des britischen Soldaten mitteilte, war ein Jeep mit zwei britischen Soldaten vermutlich von Jugendlichen auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt mit Steinen beworfen und dann von der Fahrbahn abgekommen. Dabei erlitt der 20-jährige lebensgefährliche Kopfverletzungen, denen er auf dem Weg zum Krankenhaus unterlag. Die gewieften Öffentlichkeitsarbeiter der NATO sprachen von einem "tragischen Unfall", der keine Auswirkungen auf die Erfüllung der "Mission" haben werde. Durchhalteparolen sind in jedem Krieg von essentieller Bedeutung.

Nach Angaben des NATO-Sprechers soll der Zwischenfall von mazedonischen und britischen Polizeikräften untersucht werden. Derzeit sei es noch zu früh, jemanden für diese Tat verantwortlich zu machen. Der deutsche NATO-Sprecher in Skopje, Peter Altmannsperger, unterstrich, selbst wenn festgestellt werden sollte, dass der Soldat durch einen Stein zu Tode kam, solle die Operation wie geplant fortgesetzt werden. Die Briten hatten dagegen vorher angekündigt, dass sie bei einem etwaigen Angriff mit tödlichem Ausgang ihre Truppen wieder zurückziehen würden.

Insgesamt werden rund 4.500 NATO-Soldaten am Einsammeln der Waffen beteiligt sein. Die albanische Untergrundorganisation UCK sicherte der NATO zu, 3.300 Waffen, darunter auch zwei Panzer, abzugeben. Die mazedonische Regierung hatte diese Zahl als zu gering kritisiert. Die Waffen sollen an mehrere Stellen im nördlichen Mazedonien gesammelt und später vernichtet werden.

Scharping sagte, es werde alles Mögliche getan, um die Sicherheit der Soldaten zu gewährleisten. Eine solche Operation sei aber "immer riskant wie jeder Militäreinsatz", stellte er mit einem sicheren Gespür für die Realität fest. Das Schlimmste und Gefährlichste wäre es jedoch, wenn Mazedonien in einen Bürgerkrieg abrutschen würde, sagte der Minister. Der Bundestag wird am Mittwoch über die Entsendung deutscher Truppen nach Mazedonien entscheiden.

Der Chef des Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz, sieht Gefahr für die NATO-Soldaten weniger durch UCK-Rebellen als durch Splittergruppen im slawischen Teil der mazedonischen Bevölkerung. Viele Mazedonier betrachteten die NATO - wohl nicht zu unrecht - als Schutzmacht der UCK . Auch für deutsche Truppen bestehe eine solche Gefahr. Dennoch müsse der Bundestag "grünes" Licht für die Entsendung deutscher Truppen geben, sagte Gertz. Grün dürfte das Licht des Bundestages sein - während sich in den Reihen der SPD leichter Widerstand regt, werben die Grünen weiterhin für den Krieg.