Deutsche Archiv-Informationen über NS-Zwangsarbeiter nur schwer erhältlich

Zweite Rate im Sommer

"Jedes der Fähnchen steht für einen Ort, an dem einst Zwangsarbeiter eingesetzt waren", sagt Jan Sechter, Diplomat und Chef des Prager Büros für Naziopfer. Die Deutschlandkarte an seiner Wand ist davon übersät, und auch aus der Abbildung Österreichs starren die Nadeln dicht an dicht. Die Zahl der seinerzeit Deportierten gehe in die Hunderttausende, meint Sechter, der dabei ist, die Anträge der Überlebenden auf Entschädigung einzusammeln.

121.000 Namen haben er und seine Mitarbeiter bereits in den Computern, darunter auch 11.000 "Österreicher". Sehr viel mehr werden es nicht werden, denn die Meldetermine sind verstrichen, und nur bis Ende März können noch Fragebögen abgegeben werden. Gut 216 Millionen Euro liegen im Topf der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" für die Zahlungen in Tschechien bereit. Sechter ist mitverantwortlich dafür, dass dieses Geld gerecht verteilt wird.

Als erste seien jene bedacht worden, die in Konzentrationslagern oder Ghettos zu Sklavenarbeit gezwungen worden waren. Es gibt eine zentrale Liste der Lager und Zuchthäuser und einen Zusatz, der sich nur auf Tschechien bezieht - Gestapo-Gefängnisse im Protektorat, die Kleine Festung in Terezin, Arbeitslager. Wer dort eingesessen hat und das auch nachweisen konnte, hat zwei Drittel der bis zu 7670 Euro erhalten, die die Stiftung dafür bereit hält.

Wenn jemand überhaupt keinen Beleg mehr besitzt, springt das Büro Sechter in die Bresche. In mühevoller Kleinarbeit wird in den einstigen Einsatzorten nach Informationen geforscht. Das lief anfangs vor allem über die Suchstelle des Roten Kreuzes in Bad Arolsen, die Unterlagen von betroffenen Unternehmen oder die Landes- und Stadtarchive.

Dann aber wurde ein Archivverbund gegründet, dem Bad Arolsen, das Bundesarchiv und der Bundesverband Information/Beratungsstelle für NS-Verfolgte angehören. Er sollte die Suche effektiver gestalten und beschleunigen. Eine vorzügliche Regelung, sagt Sechter. Nur leider sei die Rechnung ohne den Wirt gemacht worden - das Verfahren hake sich immer wieder fest an bürokratischen Klippen und habe sich deutlich verlangsamt.

In Österreich, wo direkt geforscht werden kann, sei die Erfolgsquote nahezu doppelt so hoch, so dass bereits rund 94 Prozent der Antragsteller die erste Rate überwiesen werden konnte. In Bezug auf Deutschland sind erst zwei Drittel der Fälle überhaupt bearbeitet.

Seit Dezember, sagt Sechter, gehe sein Büro wieder über den direkten Draht. Der Stapel dicht beschriebener Listen und Formulare auf seinem Tisch ist der Rücklauf aus dem Sächsischen Staatsarchiv Leipzig, aus Dresden, Chemnitz und Frankfurt mit Kopien ganzer Seiten aus alten Adressbüchern, Daten längst verschollener Firmen, Auszügen aus Personallisten und Hinweisen auf Querverbindungen zu anderen Archiven, die um Mithilfe aufgefordert wurden.

Etwa 7.000 Fälle konnten auf diese Weise geklärt werden, doch bei etwa 10.000 steht die Antwort noch aus. Sechter vertraut auf die Findigkeit seiner Mitarbeiter, die die Suche als persönliche Herausforderung betrachteten. Im April, hofft Sechter, wird er alle Antragsteller in der Datenbank haben. Im Sommer könnte es dann zur Auszahlung der zweiten Rate kommen, vor allem für jene, die heute schon um die 80 Jahre alt sind - so wie die weißhaarige Oma, die als Nachweis nur noch einen schon ganz brüchigen Brief vorlegen konnte. Sie bat händeringend, diesen ja nicht ihrem Mann zu zeigen. Denn der Brief sei doch, wie sie errötend hinzufügt, "von einem anderen".