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Station in Norddeich betreut derzeit 48 Jungtiere

Seehundbabys sind Gourmets. Zumindest kredenzt ihnen das Team der Aufzucht- und Forschungsstation im ostfriesischen Norddeich eine einzigartige Delikatesse. Aufgepäppelt werden die Heuler dort mit einem speziellen Muttermilchersatz. Die Milch mit einem Fettanteil von 55 Prozent wird von einer Firma in den USA hergestellt. "Das ist weltweit der einzige uns bekannte Produzent", sagt Stationsleiter Peter Lienau.

Derzeit betreuen fünf Vollzeitkräfte 48 Heuler, die getrennt von ihren Muttertieren an der Küste zwischen den Mündungen von Ems und Elbe aufgefunden wurden. Damit sei der Höhepunkt der diesjährigen Heuler-Saison vermutlich erreicht, sagt Lienau. In der Geburtsphase zwischen Anfang Juni und Mitte Juli nimmt die Aufzuchtstation alljährlich zwischen 30 und 70 Seehundbabys auf. An der Küste und den Inselstränden des niedersächsischen Wattenmeeres kümmern sich mehr als 50 ehrenamtliche Helfer um mutterlose Jungtiere. Diese Helfer sind geschult und wissen, wie sie sich verhalten müssen.

Neugierigen Touristen, die einen verlassenen Heuler entdecken, rät Stationsleiter Lienau hingegen zur Zurückhaltung. "Sie sollten mindestens 200 Meter Abstand wahren und unsere Station oder die Polizei informieren", sagt der 35-Jährige. Denn häufig legten Muttertiere ihre Jungen während der Nahrungssuche nur vorübergehend ab. Die ehrenamtlichen Helfer beobachten die Heuler deshalb eine Tidephase lang, bevor die Tiere im Weidenkorb per Fähre oder Flugzeug zum Festland transportiert werden.

In der Aufzuchtstation folgt die Eingangsuntersuchung durch eine Tierärztin und die Erstversorgung mit Elektrolyten. Die zwischen 2 und 14 Tage alten Mini-Seehunde wiegen nur zwischen 8 und 12 Kilogramm und müssen Fett ansetzen. Mit Hilfe einer Magensonde wird ihnen deshalb zunächst die amerikanische Spezialmilch verabreicht. Tierpfleger führen den Heulern einen Schlauch in den Magen. Per Trichter werden die Tiere zwangsernährt.

Nach zwei bis drei Wochen wird die Nahrung auf Fischbrei umgestellt. Für zu Kräften gekommene Heuler gibt es anschließend richtigen Fisch. Diese Mahlzeiten werden stets zur selben Tageszeit von ein und demselben Pfleger serviert. "Das machen wir, um den Kontakt zu Menschen zu minimieren", erklärt Peter Lienau. Das Risiko einer Viren-Übertragung soll unbedingt vermieden werden - für das Tier und für den Menschen. Die pro Jahr über 200.000 Besucher der Aufzuchtstation bekommen die Heuler aus diesem Grund nur hinter Glas zu Gesicht.

Wie wichtig diese Vorsichtsmaßnahmen sind, wird zurzeit an der dänischen Ostseeküste deutlich. Dort grassiert seit Ostern die tödliche Seehund-Staupe, der bereits 600 Tiere zum Opfer gefallen sind. Die Nordsee-Population ist davon zwar noch nicht betroffen, aber die Gefahr besteht. Alarm schlägt Lienau deshalb nicht. Das Virus ist nach seinen Angaben bei weitem nicht so aggressiv wie 1988. Er hofft daher, dass eine neuerliche Epidemie ausbleibt. Dafür spricht die Verfassung der Tiere. "Sie sind wohlernährt und sehr gesund", sagt der Experte.

Und nach rund zwölfwöchiger Betreuung in Norddeich sind auch die mutterlosen Jungtiere fit. Wenn sie mindestens 25 Kilogramm schwer sind, werden sie ausgewildert. Die Seehunde können dann bis zu 30 Jahre alt werden und bei einem Gewicht von bis zu 130 Kilogramm eine Länge von bis zu 1,40 Meter erreichen.

In einer Cessna wird auf fünf Zählflügen pro Jahr kontrolliert, wie sich die Population entwickelt. Im vergangenen Jahr zählten die Seehundschützer an der niedersächsischen Küste genau 6.223 Tiere. Dank der Spezialmilch aus den Vereinigten Staaten und der helfenden Hände in der Norddeicher Aufzuchtstation kann diese Zahl auch im laufenden Jahr erreicht werden.