Versuchsherde auf der Insel Riems soll mit BSE infiziert werden

Rinderwahnforschung

Aus Otto ist inzwischen ein stattlicher Jungbulle geworden. Das bundesweit bekannte Kalb einer BSE-kranken Kuh aus Nordrhein-Westfalen ist wohlauf. Vor einem Jahr war das Tier, vom Medienrummel begleitet, auf die Ostseeinsel Riems bei Greifswald gebracht worden. Seitdem frisst es zusammen mit seinen drei Schicksalsgenossen Lilli, Raffi und Manfred in einem hermetisch abgeschirmten Sicherheitsbereich sein Gnadenbrot.

Die höchstwahrscheinlich gar nicht infizierten Tiere befinden sich zur wissenschaftlichen Beobachtung in der Bundesforschungsanstalt für Viruserkrankungen der Tiere auf der kleinen Insel im Greifswalder Bodden. Deren Chef, Thomas Mettenleiter, geht davon aus, dass das Tier-Quartett kerngesund ist. Denn britische Kollegen hätten herausgefunden, dass die Übertragungswahrscheinlichkeit von Mutter zu Kalb bei maximal zehn Prozent liegt. Man bräuchte also mindestens zehn Nachkommen von BSE-positiv getesteten Kühen, um einen Krankheitsfall verfolgen zu können.

Weitaus größere Chancen, dem Rinderwahn auf die Spur zu kommen, rechnet sich der Professor bei einem Großversuch aus, der im späten Frühjahr auf der "Seucheninsel" gestartet wird. Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen sollen dann etwa 30 bis 50 Kälber mit dem inzwischen vorliegenden BSE-Erreger infiziert und wissenschaftlich untersucht werden. Derzeit wird auf dem Inselareal ein Gebäude zu Deutschlands bestbewachtem Kuhstall umgebaut.

Sobald der Stall fertig ist, werden die Rinder beschafft und infiziert, wie Mettenleiter sagt. Fünf Jahre lang werden die Tiere unter der Leitung des BSE-Spezialisten Martin Groschup wissenschaftlich beobachtet. Über regelmäßig entnommene Blut- und Hirnwasserproben hoffen die Experten, die Ausbreitung von BSE erforschen zu können. Zudem sollen einzelne Tiere zu bestimmten Zeitpunkten getötet und untersucht werden. "Wir wollen auf diese Weise mehr über den Krankheitserreger erfahren, von dem wir bislang nur wissen, dass er über den Magen-Darm-Trakt in den Körper gelangt," sagt Mettenleiter. Inzwischen wisse man zwar, wie das so genannte Prion aussehe, und es gebe auch bessere Nachweismöglichkeiten. Aber noch immer sei unklar, wie BSE in das Gehirn gelangt und sich im Gewebe verbreitet. Rund 100 Millionen Euro werden in den Ausbau der Bundesforschungsanstalt auf der Insel investiert, auf der schon 1910 der Bakteriologe und Robert-Koch-Schüler Friedrich Loeffler (1852-1915) an Viren geforscht hatte. Seit zwei Monaten arbeitet hier auch das Institut für neue und neuartige Tierseuchenerreger, in dem unter anderem alle in Deutschland auftretenden BSE-Verdachtsfälle untersucht werden. In einer Gewebedatenbank der Referenzeinrichtung werden inzwischen die Zellproben aller bislang festgestellten 149 deutschen BSE-Rinder aufbewahrt.