Kindermangel bedroht Wohlstand auch im Westen

"Nicht zukunftsfähig"

Wirtschaftlicher Niedergang und Bevölkerungsschwund bleiben nicht länger auf den Osten beschränkt. "Auch im Westen werden ganze Regionen veröden", konstatiert das Berlin-Institut in einer am Donnerstag präsentierten Demografie-Studie "Deutschland 2020". Fünf West-Problemgebiete haben die Experten ausgemacht. Neben dem Ruhrgebiet als "größter westdeutscher Abstiegsregion" sind dies das Saarland, der Südosten Niedersachsens, Nordhessen und Oberfranken.

Alle 440 deutschen Landkreise und kreisfreien Städte hat die Wissenschaftsstiftung in Sachen Zukunftsfähigkeit getestet. In das Ranking gingen Faktoren wie die Kinderzahl pro Frau, der Anteil der unter 20-Jährigen, die Familienfreundlichkeit wie auch Kriterien aus Wirtschaft und Bildung ein.

Die Gewinner kommen fast ausnahmslos aus dem Süden. Das oberbayerische Eichstätt führt die Liste an, unter den 20 zukunftsfähigsten Kreisen sind 12 weitere aus Bayern und 6 aus Baden-Württemberg. Am Ende stehen Kreise aus dem Osten und solche, die unter dem Niedergang alter Industrien leiden wie das Altenburger Land in Thüringen, Bremerhaven und Gelsenkirchen.

Andererseits gibt es auch im Osten positive Trends. Hier schneidet Potsdam-Mittelmark am besten ab. Der Landkreis profitiert von Stadtflüchtigen aus Berlin und Potsdam. Der mecklenburgische Landkreis Bad Doberan hat im vergangenen Jahrzehnt mit 26,3 Prozent bundesweit das größte Bevölkerungsplus zu verzeichnen. Letzter ist hier Hoyerswerda. Die Stadt in Sachsen hat seit der Wende mehr als Drittel seiner Bevölkerung verloren.

Die "älteste" Stadt ist Baden-Baden mit einem Anteil von 11,8 Prozent an über 75-Jährigen. Nur 17 Prozent sind in der Kurstadt jünger als 20 Jahre. Das größte Männerdefizit gibt es in Heidelberg. Dort stehen 100 Männern von 18 bis 30 Jahren 122 Frauen im gleichen Alter gegenüber.

Das größte Frauendefizit machen die Experten im vorpommerschen Landkreis Uecker-Randow aus. Dort kommen auf je 100 Männer zwischen 18 und 30 Jahren nur 76 Frauen. Dies spiegelt nach Angaben von Institutsdirektor Reiner Klingholz den allgemeinen Trend im Osten wieder, wonach eher junge Frauen als Männer im Westen ihr Glück versuchen.

Als kinderreichste Stadt haben die Experten Cloppenburg in Niedersachsen ermittelt. Hier werden je Frau 1,92 Kinder geboren, deutscher Durchschnitt ist 1,37. Am Ende der Liste steht Heidelberg mit 0,88 Kindern je Frau. An diesem Punkt wird auch ein demografisches Grundproblem deutlich: Ohne Zuwanderung müsste für eine stabile Bevölkerungszahl jede Frau 2,1 Kinder zur Welt bringen. Dies schafft kein einziger Landkreis.

Derzeit sei Deutschland in weiten Teilen demografisch nicht zukunftsfähig, heißt es daher in der Studie. Für eine Trendumkehr bleibe ein Zeitfenster von zehn Jahren. Davon hänge auch ab, ob Deutschland wirtschaftlich und sozial den Weg "in die zweite Liga" stoppen könne.

Doch Klingholz kann der aktuellen Entwicklung auch Positives abgewinnen. In dünn besiedelten Gebieten, die noch menschenleerer werden, bekomme die Natur neue Chancen. "Das sind die neuen heimlichen Nationalparks", sagte der Experte.