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Wohnen in der Nähe von Atomkraftwerken | Krebsrate und Leukämierisiko für Kinder

Kinderkrebsregister widerlegt sich selbst

Eine neue Untersuchung des Deutschen Kinderkrebsregisters in Mainz hat zum Ergebnis, dass das Risiko für Kinder, an Leukämie zu erkranken, mit zunehmender Nähe zu einem Atomkraftwerk zunimmt. Das Bundesamt für Strahlenschutz, das die Studie in Auftrag gegeben hat, teilte mit, dass "nachweislich das Risiko für Kinder an Leukämie zu erkranken umso größer ist, je näher sie am Reaktor wohnen". Die von der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW angestoßene Studie ergab eine um 60 Prozent erhöhte Krebsrate und ein 120 Prozent erhöhtes Leukämie-Risiko für Kinder unter 5 Jahren, die im 5-Kilometer-Umkreis von Atomkraftwerken wohnen.

Die Studie umfasst die Standorte aller deutschen Atomkraftwerke und einen langen Studienzeitraum von 24 Jahren (1980-2003). Das Studienergebnis, wonach das Krebsrisiko mit zunehmender Nähe zu Atomkraftwerken steigt, ist unstrittig.

Ein vom Bundesamt für Strahlenschutz eingesetztes Expertengremium, das die Studie kritisch begleitete, vertritt jedoch die Ansicht, dass das Mainzer Kinderkrebsregister die Randbedingungen der Studie so gesetzt hat, dass das ganze Ausmaß des Problems nicht erkennbar wird.

Die "Epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken" (KiKK-Studie) war 2001 von der IPPNW und der Ulmer Ärzteinitiative durch eine breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit eingefordert worden, nachdem eine von der IPPNW initiierte Studie, durchgeführt von Dr. Alfred Körblein (damals Umweltinstitut München), schon 1998 signifikant erhöhte Kinderkrebsraten in der Umgebung von bayerischen Atomkraftwerken ergeben hatte.

Körbleins Arbeiten wurden 1998 bestritten und 2007 amtlich bestätigt

Doch die Strahlenschutzbehörde erkannte damals Körbleins Berechnungen nicht an. Das Mainzer Kinderkrebsregister stellte sogar die wissenschaftliche Kompetenz von Körblein in Frage.

Für den niedergelassenen Arzt und IPPNW-Mitglied Reinhold Thiel, der in der Nähe des Atomkraftwerks Gundremmingen bei Ulm praktiziert, war das eine Herausforderung. Er sorgte für massiven öffentlichen Druck und dafür, dass über 10.000 Protestbriefe aus der Bevölkerung bei Behörden und Ministerien eingingen. Im Juli 2001 schließlich erkannte das Bundesamt für Strahlenschutz Körbleins Berechnungen an und akzeptierte die Notwendigkeit weiterer Studien. 2003 wurde die aktuelle Studie beim Kinderkrebsregister unter Leitung von Professorin Maria Blettner in Auftrag gegeben.

Im Dezember 2007 - also neun Jahre nach ersten Veröffentlichungen von Körblein - liegt nun das amtliche Ergebnis vor. Mit seiner aktuellen Studie bestätigt das Deutsche Kinderkrebsregister in Mainz nun das, was 1998 Körblein an der Mainzer Studie von 1997 kritisiert hatte: Es gibt erhöhte Krebsraten in der Nahumgebung von Atomkraftwerken.

BfS-Chef König: Das Risiko für Kinder, an Leukämie zu erkranken, ist umso größer, je näher sie am Reaktor wohnen

Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, sagte am 10. Dezember, das Ergebnis der Studie sei belastbar. Die Studie stelle "den entscheidenden Fortschritt bei der Beantwortung der seit etwa 30 Jahren diskutierten Frage nach gesundheitlichen Effekten in der Umgebung von Reaktoren dar, da hier ein neuer, epidemiologisch anspruchsvollerer Ansatz als bisher angewandt wurde".

"Erstmals konnten in einer so genannte Fall-Kontroll-Studie exakte Angaben zur Entfernung eines Wohnortes von einem Reaktor, und zwar sowohl für erkrankte als auch für nicht erkrankte Kinder, berücksichtigt werden", so König.

Die deutsche Studie bestätigt offenbar auch Ergebnisse internationaler Untersuchungen. "Das Ergebnis passt zu ähnlichen Untersuchungen, die weltweit durchgeführt werden", so König. In einer so genannte Metaanalyse, in der bisherige ökologische Studien zum Auftreten von Krebs im Kindesalter in der Umgebung von Kernkraftwerken zusammengefasst und ausgewertet wurden, sei 2007 ebenfalls ein solcher Zusammenhang festgestellt worden. "Überraschend ist jedoch, dass nachweislich, das Risiko für Kinder, an Leukämie zu erkranken, umso größer ist, je näher sie am Reaktor wohnen", so König.

Expertengremium: Die Studie unterschlägt das tatsächliche Ausmaß der Krebserkrankungen

Die Strahlenschutzbehörde hat die Studie durch ein 12-köpfiges externes Expertengremium begleiten lassen. Das Expertengremium kritisierte in einer Stellungnahme vom 10. Dezember, dass dass in der Studie lediglich ein Radius von fünf Kilometern berücksichtigt wurde, "während die übrigen Anteile des Untersuchungsgebietes außer acht blieben, obwohl auch dort signifikant erhöhte Risiken berechnet wurden".

Die Experten befassten sich daher auch mit den erhöhten Krebserkrankungen jenseits des 5-Kilometer-Umkreises. Statt der von den Autoren der Studie allein für die 5-Kilometer-Region angegebenen zusätzlichen 29 Krebsfälle bei Kindern unter 5 Jahren müsse "von mindestens 121-275 zusätzlichen Neuerkrankungen im Umkreis von 50 Kilometern um alle westdeutschen Atomstandorte im Zeitraum zwischen 1980-2003 ausgegangen werden", schreiben die Experten. Dies entspreche bis zu 18 Prozent aller im 50-Kilometer-Umkreis um Atomanlagen aufgetretenen Krebserkrankungen bei unter 5jährigen Kindern.

Sowohl die Autoren der Studie als auch das Expertengremium verglichen die zusätzlichen Krebsfälle mit allen im Deutschen Kinderkrebsregister gespeicherten Erkrankungsfälle im gleichen Zeitraum. Die 29 zusätzlichen Krebsfälle in der 5-Kilometer-Region machen demnach einen Anteil von 0,22 Prozent aller erfassten Krebsfälle aus. Setzt man die 121-275 zusätzlichen Neuerkrankungen im Umkreis von 50 Kilometern in Bezug zu allen gespeicherten Erkrankungsfälle, so kommt man nach Angaben des Expertengremiums aber auf einen Anteil zwischen 1,03 und 2,35 Prozent. Im Klartext: Die deutschen Atomkraftwerke könnten für ein bis mehr als zwei Prozent aller Krebsfälle verantwortlich sein.

Das Expertengremium kritisiert obendrein, dass die "Bezugspopulation" für die Berechung des Anteiles aller Krebs- und Leukämiefälle bei Kindern unter 5 Jahren "nicht korrekt bestimmt" worden sei. In der Konsequenz sei daher "der tatsächlich auf die Wohnnähe zu Atomstandorten zurückzuführende Anteil der Krebsfälle" unterschätzt worden.

Das Mainzer Kinderkrebsregister vertritt die Auffassung, dass die erhöhten Krebszahlen nicht mit den ständigen radioaktiven Emissionen der Atomkraftwerke erklärt werden könne. Zur - eher hypothetischen - Erklärung des von ihnen nachgewiesenen Risikos um Atomkraftwerke mutmaßt das Kinderkrebsregister, die Krebserkrankungen könnten auf unbekannte Faktoren, auf in der Studie nicht näher beschriebene "Selektionsmechanismen" oder auf den statistischen Zufall zurückzuführen sein.

Auf dieser Grundlage erklärte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel: "Nach derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand kann der beobachtete Anstieg der Erkrankungen nicht durch die Strahlenbelastung aus einem Atomkraftwerk erklärt werden."

Das Expertengremium findet die etwas hilflosen Erklärungsversuche des Mainzer Kinderkrebsregister allerdings nicht überzeugend: "Alle drei Erklärungsansätze hält das externe Gremium angesichts der Studienergebnisse für unwahrscheinlich."

Auch die Vorsitzende der Ärzteorganisation IPPNW, Angelika Claußen meint: "Bei diesen massiven Befunden an jedem deutschen Atomkraftwerks-Standort ist eine strahlenbedingte Ursache auf jeden Fall hoch wahrscheinlich. Wer jetzt noch über Zufall spricht, macht sich lächerlich."

IPPNW: Die Strahlenschutz-Grenzwerte müssen überprüft und die Atomkraftwerke stillgelegt werden

Die derzeitigen deutschen Strahlenschutzgrenzwerte, auf die sich Gabriel stützt, sind nach Auffassung der IPPNW "wissenschaftlich offensichtlich längst nicht mehr haltbar". So habe das EU-Forschungsprojekt "Soul" seinem Leiter Dr. Peter Jacob vom GSF Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit zufolge etwa 4mal höhere Strahlenschäden in der Umgebung der russischen Atomwaffenschmiede Majak festgestellt als nach dem Risikomodell, das der deutschen Strahlenschutzverordnung zugrunde liegt, zu erwarten wären. Das bedeute, "dass die deutschen Strahlenschutzgrenzwerte offensichtlich zu hoch angesetzt sind", so die IPPNW. Im Übrigen sei inzwischen "weitgehend unstrittig, dass es für die gesundheitlichen Auswirkungen von Radioaktivität keinen Schwellenwert gibt".

Insofern sei es "zu kurz gegriffen", wenn Minister Gabriel eben diese Grenzwerte als Grundlage nehme, "um vor laufenden Kameras zu behaupten, ein Zusammenhang zwischen den Atomkraftwerken und den Krebserkrankungen sei zweifelhaft". Man sei sich inzwischen "einig darin, dass Krebs und Leukämie zunehmen, je dichter Kinder an Atomreaktoren wohnen". Die IPPNW meint daher, dass nicht die aktuellen Studienergebnisse überprüft werden müssten, "sondern die derzeit gültigen Strahlenschutz-Grenzwerte". Das im europäischen Umweltrecht verankerte "Vorsorgeprinzip" gebiete es zudem, die deutschen Atomkraftwerke umgehend stillzulegen.

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