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Hartz IV | Erlebnisse im Jobcenter

Diana Amman berichtet aus dem Alltag

Voller Überzeugung entgegnet mir die Frau, die an der Schlange im Jobcenter steht, dass wir doch froh sein sollen, dass wir so ein Sozialsystem haben. Sanktionen? Das Wort habe sie noch nie gehört. Und außerdem wäre es doch richtig so. Die Faulen soll man ruhig bestrafen, sagt sie. Sie ist sich sicher, dass sie als anständige Bürgerin natürlich nie sanktioniert wird. Es ist ihr erster Tag beim Jobcenter.

Sie sollen Arbeiten!

Solche Erlebnisse bereichern die Öffentlichkeitsarbeit gegen die menschenunwürdige Hartz-IV Praxis und für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Es erschüttert mich zutiefst, wie stark das Bedürfnis sitzt, andere Menschen zu bestrafen. Wie stark der Glaube sitzt, dass man selbst nie zu den Opfern gehören wird. Und wie stark der Irrtum verbreitet ist, dass wir massenhaft faule und arbeitsunwillige Menschen in unserem Lande hätten. Hartz-IV gedeiht auf gutem Boden. Und die Massenmedien schüren das Feuer der Missgunst gegen die „Sozialschmarotzer“. Wie schwer ist es, in drei Sätzen zu erklären, dass es doch ganz anders ist?

Würde es wenigstens sinnvoll sein, die Menschen erziehen zu wollen. Ja, wenn es tatsächlich freie Arbeitsplätze gäbe. Wenn es so wäre, wie erzählt wird, dass die Arbeitslosen nur alle zu faul sind, dort einfach hin zu gehen, zu den vielen, vielen offenen Stellen. Aber so ist es nicht!

Man zwingt die Menschen auf ein Schlachtfeld um die letzten kargen Arbeitsplätze. Und nicht nur das. Zufrieden sollen sie sein, mit allem was man ihnen bietet! Sie sollen sich glücklich schätzen, wenn sie überhaupt eine Arbeit haben, egal was man dabei verdient.

Das einzige was man heute aber noch verdient, wenn man sich derart vom Arbeitsmarkt ausbeuten lässt, der skrupellos die Löhne senkt, ist, dass man vor den anderen sagen kann: „Ich gehe arbeiten. Ich will nicht von Vater Staat leben.“ Und die Umwelt klopft einem auf die Schultern: „Brav machst du das.“ In Talkshows wird an dieser Stelle immer anerkennend geklatscht.

Unzufrieden mit der eigenen Situation sind die Menschen in Niedriglohnsektor meist diejenigen, die die Arbeitslosen am meisten hassen. Denn tatsächlich gibt es einige wenige, die sich weigern für Hungerlöhne zu schuften. Sie bleiben lieber in Hartz IV als sich derart ausbeuten zu lassen. Sehr zum Zorn derer, die aus Angst vor Hartz IV zu den Ausgebeuteten gehören.

Wenn wir nicht so gefangen wären in unserem Arbeitsethos! In dem Glauben, dass wir nur gute Menschen wären, wenn wir uns auf dem Arbeitsmarkt verkaufen! Dann hätten wir es auch nicht nötig, die Arbeitslosen so sinnlos zu schikanieren.

Sinnlos, denn es liegt nicht an den Einzelnen. Ganz deutlich möchte ich es sagen: Dass wir Arbeitslose haben liegt nicht daran, dass so viele nicht arbeiten wollen. Es liegt daran, dass die Arbeitsstellen nicht vorhanden sind. Sie sind es einfach nicht!

Aber vom Arbeitsethos getrieben verlangen wir den Menschen irrsinniger weise ab, gefälligst eine Arbeit zu finden, ja, wenigstens zu suchen! Wer schon nicht findet, der soll eben suchen. Wir treiben sie an zu konkurrieren, sich auszustechen, besser zu sein als die anderen, die sich auf die eine Stelle beworben haben und das gleiche Schicksal teilen und damit die Löhne massiv zu senken. Was für eine Perversion. Strampeln sollen sie alle, die sich die Frechheit heraus nehmen keine Arbeit zu haben! Und wer das nicht mehr kann, wer aufgibt, hinfällt... ? Der gilt als Sozialschmarotzer!

Aber die Zeiten sind vorbei, wo wir ein Recht auf Arbeit fordern konnten, welches wir heute zu einem Zwang zur Arbeit verdreht haben. Wie im Wahn werden dann einfach Beschäftigungsstellen geschaffen, auch wenn sie keinerlei ökonomischen Sinn machen. Es ist wichtig, dass wir ein Recht auf Einkommen fordern, um die würdige Existenz jedes einzelnen wieder zu sichern! Um die, die vom Arbeitsmarkt nicht mehr gebraucht werden aufzufangen und die, die heute zu wenig verdienen wieder angemessen zu belohnen.

Es ist so interessant wie subtil, wie harmlos es daherkommt, was in diesem Staat getrieben wird. Im Gespräch mit einem sogenannten Arbeitsvermittler, erwähnt, dass Sanktionen gegen das Grundgesetz seien, antwortete er nur überlegen lächelnd, dass man es aber so mache. Aha.

Und die Frau vor dem Jobcenter, die glaubt, dass es richtig ist jemandem das Geld zu kürzen, vielleicht noch die Wohnung und die Krankenversicherung, ist sie sich darüber bewusst, was sie da sagt? Ist sie sich darüber bewusst, dass Menschen durch dieses System tatsächlich sterben? Will sie das wirklich? Nur, um die Genugtuung zu erfahren, dass die, die scheinbar faul sind, erzogen werden?

Ist uns klar, dass wir mit dieser Einstellung nicht mehr weit weg sind von neuen Erziehungs- und Arbeitslagern? Wann wird der Zorn so groß sein, dass wir uns des „überflüssigen Packs“ entledigen wollen? Wann werden wir die faulen Elemente voller Überzeugung an Orte deportieren, von dessen Existenz später keiner gewusst haben will? Man wird sich bestimmt sicher sein: Das ist denen nur Recht geschehen!

Diana Aman http://grundrechte-brandbrief.de/

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