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Huismann, Wilfried 2012: Schwarzbuch WWF

Dunkle Geschäfte im Zeichen des Panda

Huismann, Wilfried Schwarzbuch WWF Die Wegelagerer des 21. Jahrhunderts tragen Corporate Identity, alle das gleiche Outfit und eventuell eine Weste darüber, unter einem Schirm mit dem gleichen Logo, deutlich erkennbar für wen man gerade Geld sammelt. Nicht selten für den World Wide Fund for Nature, den WWF. Die professionell auftretenden jungen Leute machen einen Job, sie halten Passanten an, stellen Suggestivfragen wie „Sie kennen doch den WWF?“ oder „Wollen Sie nicht eine gute Sache unterstützen?“ und werben für die Wichtigkeit, für Umwelt- und Tierschutz zu spenden, am besten gleich eine dauerhafte Verpflichtung einzugehen. Wer immer den gleichen Weg zur Arbeit geht, sieht sich von immer wieder neuen, aber gleich gekleideten „Aktivisten“ angesprochen. Von dieser Art der Belästigung berichtet Wilfried Huismann in seinem „Schwarzbuch WWF“ nicht, aber ich musste sofort an die Werbestrategien denken, die bei den geschulten Geldeintreibern auffallen und von denen er in einem anderen Zusammenhang auch berichtet. Dass die Kampagnen des WWF durch professionelle Public Relations (PR) begleitet werden, fällt auf, aber dass die emotional geführten Kampagnen mit dem, was tatsächlich vor Ort passiert, so gar nichts zu tun haben sollen, schockiert dann doch. Müssen Tiger, Elefanten, Orang Utans und nicht zuletzt der Panda nur herhalten fürs Fundraising, das dann ganz anderen Zwecken zugeführt wird? Es sieht so aus.

Die renommierte NGO entpuppt sich bei der Lektüre des 240 Seiten starken Buches als neokoloniales Projekt einer Elite, die inzwischen eher dem Greenwashing als dem Umweltschutz zuzuarbeiten scheint. Sowohl personelle Verknüpfungen zwischen dem WWF und Großkonzernen wie BP oder Shell, entsprechende Geldflüsse, wie auch die Institution Runder Tische zur Aushandlung unverbindlicher Zertifikate werfen kein gutes Licht auf das Gebaren des Öko-Riesen. Dessen Konzept mag zunächst einleuchten, dass man durch Partnerschaften mehr erreiche als durch Konfrontation. Die Besichtigung einiger solcher Partnerschaftsprojekte in Indien, Indonesien, Afrika und Lateinamerika macht aber deutlich, dass das hehre Anliegen „nachhaltiger“ Wirtschaftsweise von Konzernen der Lebensmittelbranche missbraucht werden kann. Statt nachhaltiger Lebenspraxis wird hier Raubbau an Mensch und Natur betrieben – inklusive der Zerstörung vorhandener Sozial- und Ökosysteme, Monokultur und viel Chemie.

Nicht nur, dass die Ausweisung von Nationalparks die Umsiedlung der dort lebenden Naturvölker mit sich bringt und deren Reduktion auf Bedienstete des dann forcierten Öko-Tourismus, auch die Zerstörung großer Waldflächen ist unter diesem Label mitnichten ausgeschlossen, um dann gigantischen Soja- und Palmölplantagen Platz zu machen. Vergleichbares gilt für die Lachszucht in Chile. Und obwohl Jean Ziegler längst entlarvt hat, dass täglich mehr Lebensmittel vernichtet werden, als die Menschheit verzehren könnte, stimmen so manche Vertreter des WWF in das Lied von Monsanto & Co. mit ein, dass ohne Gentechnik die Ernährung der Menschen auf dem Spiel stehe. Dass das Gegenteil der Fall ist und wie die Zukunft aus Sicht der Agrokonzerne aussieht, darin erhält man Einblick bei der Lektüre von Huismanns Schilderungen, die manchmal an Horrorszenarien aus Apokalypsefilmen erinnern. Aber auch einige Dokumente und persönliche Berichte geben Einblicke in das System – Berichte von Betroffenen, wie auch von Mitarbeitern des WWF, die die Hoffnung an eine ehrliche Umweltschutzorganisation noch nicht aufgegeben haben.

Am 15. Juni wird vor dem Kölner Landgericht der Antrag des WWF auf einstweilige Verfügung – d.h. quasi ein Verbot des Buches – geprüft. Dass etliche Buchhändler das Werk jetzt schon aus dem Handel genommen haben, bezeugt den Einfluss einer Organisation, die ihr Gewicht tatsächlich auch anders einsetzen könnte. Als Weltbürger von heute kann man nur hoffen, dass Huismanns Recherchen nicht das gleiche Schicksal erwartet, wie es dem Dokumentarfilmer Kevin Bowling in den 1990er Jahren erging. Der Druck auf die Sendeanstalt Channel4 war so groß, dass sein Film über den WWF zwar gedreht, aber nie gesendet wurde. Auf der Website des WWF kann man sich selbst ein Bild zum sog. Faktencheck machen, der dort bereits seit der Ausstrahlung von Huismanns Film „Der Pakt mit dem Panda“ vor einem Jahr eingestellt wurde. Im Grunde handelt es sich beim Buch um eine Zusammenfassung und Überarbeitung dieses Films sowie des Vorgängers „Lachsfieber“. Übrigens, die ebenso kritische Auseinandersetzung mit den Machenschaften des WWF unter dem Titel „Der WWF am Pranger“ in der schweizer Rundschau im August 2011 zog meines Wissens keinen vergleichbaren Rechtsstreit nach sich.

Das Schwarzbuch WWF reiht sich ein in eine Serie von Texten, die das „humanitäre“ Geschäft anprangern – wie etwa Linda Polmans Buch „Die Mitleidsindustrie“, das das kontraproduktive Verhalten des Hilfsorganisationssystems schildert, oder Florian Pfaffs „Totschlag im Amt“, das auf den Verrat am Grundgesetz im Rahmen des „Krieg gegen den Terror“ hinweist, sowie den Humanistan-Mythos, der längst als PR-Strategie im Dienste der Geostrategie und Kriegstreiberei entlarvt wurde. Hier schließt sich der Kreis, denn am Ende des Schwarzbuchs lässt sich ahnen, was und wen die Armeen der Mächtigen in Zukunft beschützen werden und was und wen sie noch alles bekämpfen werden. Die Kriminalisierung von Aussteigern aus der Abhängigkeit von Agrokonzernen wie Percy Schmeiser, Vandana Shiva und andere können als Vorboten dessen gewertet werden, was in Zukunft als „Terror“ bekämpft werden wird. Umso dringlicher für eine Organisation wie den WWF, seine Rolle als Steigbügelhalter und Gütesiegel für Multis zu überdenken, was angesichts des elitären Clubcharakters keine leichte Übung sein wird.

Gütersloher Verlagshaus. 244 Seiten, ISBN: 978-3-579-06675-2.

Dr. Sabine Schiffer

Institut für Medienverantwortung - www.medienverantwortung.de

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