Weiterer Pfarrer wegen sexuellen Missbrauchs suspendiert

"Zölibat ist schuld"

Nach den jüngsten bekannt gewordenen Fällen von Kindesmissbrauch durch Priester wächst der öffentliche Druck auf die Kirchen. Laienorganisationen und Theologen warfen am Mittwoch den deutschen Bischöfen vor, dieses Thema zu verharmlosen und forderten unverzüglich eine Überprüfung aller Verdachtsfälle. Die Essener Theologin Uta Ranke-Heinemann verlangte eine umfassende Debatte über die Ursachen und kritisierte die bisherige konsequente Verdrängung. Ebenso wie ehemalige Priester machte sie das Zölibat für die vielen Missbrauchsfälle verantwortlich.

Der Sprecher der Laienbewegung "Wir sind Kirche", Christian Weisner, befürchtete "angesichts der innerhalb weniger Tage in sechs Bistümern bekannt gewordenen Fälle" eine "große Dunkelziffer". "Selbst vorsichtige Schätzungen" gingen von 300 pädophil (Neigung zu Kindern) oder ephebophil (Neigung zu Heranwachsenden) veranlagten Priestern in Deutschland aus", fügte Annegret Laakmann, Referentin der Bewegung hinzu. Die Zahl der Missbrauchsopfer liege noch "um ein Mehrfaches höher". Der Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, müsse als Vorsitzender der Bischofskonferenz angesichts der Missstände "endlich selber handeln". Es müssten von den bischöflichen Ordinariaten unabhängige Anlaufstellen für betroffene Opfer eingerichtet werden, sagte Weisner.

Die Essener Theologin Ranke-Heinemann sagte, das den Priestern abverlangte Zölibat sei Ursache für die immer wieder auftauchenden Missbrauchsfälle. Diese Unterdrückung der menschlichen Natur trage das Risiko der Entgleisung. Das Keuscheitsgelübde sei das Ergebnis von Sexual- und Frauenfeindlichkeit und begünstige homosexuell Veranlagte. Bei einer Priestererziehung, die jeden "Skandal mit Frauen" verbiete, verwechsele manch junger Mann seine homosexuelle Veranlagung mit "göttlicher Berufung zum Priestertum und zum Höheren überhaupt", sagte Ranke-Heinemann weiter.

Nach ihrer Einschätzung sind "60 Prozent des Vatikans homosexuell". Die Theologin betonte: "Je höher jemand in der Hierarchie der katholischen Kirche aufsteigt, desto größer die Bevorzugung der homosexuell Veranlagten, um Skandale - unter Skandalen verstand die Kirche bisher Frauenskandale - auszuschließen". Ranke-Heinemann betonte, dass wegen dieser Übermacht der Homosexuellen im Vatikan "dort nicht das geringste Interesse" bestehe, den Zölibat abzuschaffen. Im Gegenteil befürchteten die Homosexuellen, bei Aufhebung des Zölibats ihr "ideales Biotop" zu verlieren.

Dass der Papst selbst nicht homosexuell veranlagt sei, störe nicht diese exklusive Männerwelt, bei ihm reichten "die 2000-jährige Sexual- und Frauenfeindlichkeit zur Frauenvertreibung völlig aus", sagte Ranke-Heinemann. Gegen die "katastrophalen Fälle" von sexuellem Missbrauch helfe nur "ein zunehmender Prestigeverlust", wie er sich nach den Fällen in den USA schon abzeichne, denn Prestigeverlust sei das einzige, was die Kirchenoberen ernsthaft fürchten, sagte die Theologin.

Auch nach Ansicht ehemaliger katholischer Priester ist das Zölibat eine der Hauptursachen für die anhaltenden Fälle sexuellen Missbrauchs innerhalb der katholischen Kirche. Die Folge des Zölibats sei, "dass kein Priester seine Sexualität verantwortungsbewusst in einer Partnerschaft leben darf", sagte der Vorsitzende des "Verbandes katholischer Priester und ihrer Frauen", Ernst Sillmann. Die Mitglieder seines Verbandes hätten sich in ihrer Gewissensnot dafür entschieden, auf ihr Amt als Priester zu verzichten.

Sexualität sei eine Tatsache, an der auch Priester nicht vorbeikämen. Der von der Kirche aufgezwungene Weg, mit seiner Sexualität ohne Frauen und ohne Öffentlichkeit klarzukommen, sei "der verantwortungsloseste", kritisierte Sillmann. Dies werde regelmäßig durch Fälle von Kindesmissbrauch durch Priester dokumentiert. Der Zölibat als Keuschheitsgelübde habe "nie erreicht, dass Priester ohne jegliche Sexualität" leben. Stattdessen habe "die Tendenz fortbestanden, solche Vorkommnisse zu vertuschen".

Am Mittwoch wurde im württembergischen Alb-Donau-Kreis ein evangelischer Pfarrer wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch suspendiert. Er soll als Religionslehrer im Unterricht Schüler belästigt haben. Die Staatsanwaltschaft leitete inzwischen ein Ermittlungsverfahren ein.