Eins abgeschaltet, andere Atomkraftwerke laufen länger

Stade ist vom Netz

Seit Freitag ist in Deutschland ein Atomkraftwerk weniger in Betrieb. Um 8:30 Uhr ging der Meiler in Stade nach über drei Jahrzehnten vom Netz. Während führende Grünen-Politiker in Berlin feierten, sieht der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in der Abschaltung des AKW Stade keinen Grund zum Feiern. Das Ende des Atomkraftwerks Stade sei nicht der Anfang eines echten Atomausstiegs. Die mit dem sogenannten Atomkonsens für Stade vereinbarte noch vorhandene restliche Strommenge in Höhe von rund 5000 Gigawattstunden werde lediglich auf andere Atomkraftwerke übertragen. Das verlängere die Laufzeit dieser anderen risikoreichen Atomanlagen. Die Abschaltung des letzten deutschen AKWs sei erst frühestens 2021 vorgesehen. Der Stade-Betreiber E.On betonte, das Aus für Stade sei allein wirtschaftlichen Gesichtspunkten geschuldet. Atomkraftgegner kritisierten, der Zeitpunkt der Abschaltung solle davon ablenken, dass gerade in dieser Woche ein Castor-Transport mit Atommüll nach Gorleben gebracht worden sei, während die Frage der sicheren Lagerung des über Millionen Jahre strahlenden Abfalls noch völlig ungeklärt ist und ständig neuer Atommüll produziert wird.

"Jedes abgeschaltete Atomkraftwerk ist besser als ein Laufendes", sagte zwar Renate Backhaus, Atomexpertin im BUND-Bundesvorstand. Bei einem abgeschalteten könne zumindest kein schwerer Störfall mehr eintreten. "Der Trick mit der Strommengenübertragung führt aber dazu, dass andere gefährliche Reaktoren länger laufen können", kritisierte Backhaus. So sei die Abschaltung des alten und unsicheren Reaktors in Obrigheim verzögert worden, indem eine Strommenge in Höhe von 5500 Gigawattstunden vom AKW Philippsburg auf diesen Reaktor übertragen wurde. "Nur mit einem Sofortausstieg wird das Problem der Endlagerung des anfallenden Atommülls überschaubar, nur dann sinken die Unfall- und Terrorgefahren", kritisierte die BUND-Sprecherin den "Atomkonsens" zwischen AKW-Betreibern und Bundesregierung. "Wir feiern nicht, wenn das erste - sondern wenn das letzte AKW vom Netz geht."

Der "Atomkonsens" stehe außerdem nach wie vor auf wackligen Füßen. CDU-Chefin Angela Merkel habe bereits angekündigt, die Strommengen-Begrenzung für Atomkraftwerke nach einer Regierungsübernahme aufzuheben. Kommende Bundesregierungen könnten jederzeit eine weitere Nutzung der Atomenergie beschließen. Hinzu komme, dass der Weiterbetrieb der Atomkraftwerke den Umstieg in andere Strukturen der Energieversorgung zum Teil bremse. Ergebnis seien Verzögerungen beim Ausbau der erneuerbaren Energien und bei der Optimierung der Energieeffizienz.

Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) hielt Befürchtungen um eine Aufkündigung des Atomkonsenses nach einem möglichen Regierungswechsel entgegen, die Wettbewerbssituation mache einen Neubau von Atomkraftwerken unwirtschaftlich. Im Gegenteil könne mit einer modernen Windkraftanlage heute Strom wesentlich günstiger produziert werden als in jedem neuen Atomkraftwerk. Es sei klar, dass niemand in neue Kraftwerke investieren werde. Dies erkennen auch Atomkraftgegner an - sie befürchten allerdings den Weiterbetrieb der alten Meiler. Bereits in der Vergangenheit haben AKW-Betreiber offensichtlich aus Kostengründen massiv gegen Sicherheitsvorschriften verstoßen.

Der Aufsichtsratsvorsitzende der E.ON Kernkraft, Walter Hohlefelder, betonte, Stade wäre auch ohne Atomkonsens stillgelegt worden. Das mit 630 Megawatt kleinste von E.ON betriebene Kraftwerk sei durch die Liberalisierung des Strommarktes "in die Unwirtschaftlichkeit gerutscht". Nach dem Atomkonsens hätte Stade bis 2004 am Netz bleiben können. Die Entscheidung zur Abschaltung sei bereits im Oktober 2000, also schon vor dem 2001 zwischen der Industrie und der Bundesregierung ausgehandelten Atomkonsens, gefallen.Am Rande der Ausstiegs-Feier führender Grünen-Politiker demonstrierten in Berlin einige Atomkraftgegner für einen schnelleren Atomausstieg. Sie kritisierten, dies sei kein Tag zum Feiern, da die Menge des produzierten Abfalls in den deutschen Anlagen nicht geringer werde.

Die Rückbauarbeiten am AKW Stade werden nach Angaben des Betreibers E.ON bis 2015 dauern.