Wirtschaftsforschungsinstitut fordert mehr Realismus in der Arbeitszeitdebatte

Deutsche arbeiten länger

Arbeitnehmer in Deutschland arbeiten länger, als in Teilen der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Dies zeigt der aktuelle Wochenbericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW Berlin. So ergab die Analyse der Wochenarbeitszeit erhebliche Abweichungen der tatsächlich erbrachten von der vertraglich vereinbarten Zeit. Vertraglich vereinbart waren im Jahr 2003 bei den Vollzeitbeschäftigten 38,4 Wochenstunden. In einer üblichen Arbeitswoche wurden tatsächlich aber 42,4 Stunden gearbeitet. Insgesamt leisteten mehr als 60 Prozent der Vollzeitbeschäftigten Überstunden.

Der größte Teil der Mehrarbeit wurde durch Lohn, vor allem aber durch Freizeit abgegolten. Für einen nicht geringen Teil der Überstunden - knapp 30 Prozent - gab es indes keinen Ausgleich. Ohne Überstundenausgleich belief sich die Wochenarbeitszeit auf durchschnittlich 39,5 Stunden. Je höher die berufliche Qualifikation war, desto mehr Überstunden wurden geleistet und desto mehr Überstunden wurden nicht ausgeglichen. Bei den Teilzeitbeschäftigten zeigte sich ein ähnliches Muster, wenngleich bei diesen die Zahl der Überstunden geringer war. Eine kleine Gruppe der Vollzeitbeschäftigten - knapp zehn Prozent - hat keine vertraglich geregelte Arbeitszeit. Sie kommen im Schnitt auf etwa 50 Arbeitsstunden je Woche.

Auch bei der Jahresarbeitszeit ist die tatsächliche Lage für die Arbeitnehmer schlechter als der Eindruck erweckt wird. So sind etwa in Tarifverträgen mehr Urlaubstage vereinbart als tatsächlich genommen werden. Bei den feiertagsbedingten Arbeitsausfällen bewegt sich die Bundesrepublik im unteren Mittelfeld bewegt. Arbeitsausfälle infolge von Streiks sind viel geringer als in manch anderen Ländern. Und nicht zuletzt wegen der hohen Arbeitslosigkeit ist der Krankenstand in Deutschland auf einen historischen Tiefstand gerutscht.

Umfassend lasse sich die Position Deutschlands im internationalen Vergleich bei der Länge der Arbeitszeit nicht bestimmen, weil zum Teil aussagefähige Daten fehlten, so das DIW. Doch nach dem derzeitigen Forschungsstand sei es unzulässig, den deutschen Arbeitnehmern die Spitzenposition bei der freien Zeit zuzuschreiben. In der Arbeitszeitdebatte sei "mehr Realismus" erforderlich.