Selbstmordattentäterinnen aus Tschetschenien

"Die Bräute Allahs"

Die erste Selbstmordattentäterin war 17 als sie starb. Bevor sie sich in die Luft sprengte, stellte man sie vor eine Kamera. Auch die letzte Fahrt im LKW und der Moment, in dem sie und die anderen starben, wurde gefilmt. Der ersten Selbstmordattentäterin, Chawa, folgten weitere Anschläge der "schwarzen Witwen" - ohne dass die russischen Behörden merklich etwas dagegen unternehmen. Das kritisiert Julia Jusik in ihrer Dokumentation "Die Bräute Allahs". Die junge Journalistin Jusik hat sich auf die Reise durch Tschetschenien begeben und Familien und Geschichte der jungen Frauen gesucht. Sie wollte verstehen, was Menschen zu derartigen Taten treibt.

Und Jusik ist fündig geworden. Nicht bei allen, denn nicht alle Familien wollten reden, und wenn, dann war es nicht immer die Wahrheit. Doch Jusik ist der Wahrheit auf die Spur gekommen. Eine Wahrheit, die von Krieg und Unterdrückung, Morden und Drogen erzählt. Denn eines haben die Selbstmordattentäterinnen gemeinsam: Sie haben eine Person verloren, die sie liebten, meist ihren Mann. Dann werden sie angeworben, von einem, der ihnen das Gefühl zurückgibt, etwas wert zu sein, liebenswert zu sein. Es folgen Druck, ein Leben in Abgeschiedenheit, Agitation, oft Drogen und schließlich der tödliche Weg mit dem Sprengstoffgürtel. Und meist sind es nicht einmal die Frauen selbst, die die Detonation auslösen. Sie gehen nicht freiwillig in den Tod, sondern werden geopfert.

"Ich ging und dachte: Jetzt! Jetzt gleich! Werde ich den Schmerz noch spüren oder nicht? Was wird von mir übrig bleiben? Und wer wir mich beerdigen? Oder wird man mich als Mörderin überhaupt nicht beerdigen? Wie schrecklich! Während ich noch überlegte, explodierte die Tasche bereits. Schamil hatte vom Auto aus den Sprengstoff gezündet." Sarema, die die Tasche ins Polizeirevier gebracht hatte, hätte dabei auch sterben sollen, doch sie stellte die Tasche ab, ging weg - und überlebte verletzt.

Mit "Die Bräute Allahs" hat Julia Jusik ein ergreifendes Buch über die Selbstmordattentäterinnen aus Tschetschenien geschrieben. Nicht nur über ihre Taten, die sind bekannt, sondern über ihre Motive und Personen. Dabei verhehlt Jusik nicht ihr Unverständnis über diese Taten. Das nimmt dem Leser manchmal die Möglichkeit, selbst Entsetzen dafür zu finden. Doch ihr Ziel, dem Leser die Personen nahe zu bringen, hat Jusik mehr als erreicht.

Nur der russischen Leserschaft bleibt das Buch vorenthalten. "Der russische Geheimdienst hat mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, wenn ich Tschetschenien nicht sofort verlassen würde, würde ich große Unannehmlichkeiten bekommen." so Jusik. "Die Bräute Allahs" wurde in Russland verboten.

Julia Jusik: Die Bräute Allahs - Selbstmordattentäterinnen aus Tschetschenien, erschienen im NP-Verlag, St.Pölten. Die gebundene Ausgabe hat 173 Seiten und kostet 17,90 Euro.