Vulkan-Ausbruch und Tschernobyl

Super-GAU

Der Gletschervulkan auf Island hält Medien, Öffentlichkeit und Flugreisende weiter in Atem. Nach Angaben des Meteorologischen Institutes in Reykjavik stößt der Eyjafjalla-Vulkan immer weniger Asche und dafür mehr Lava aus. Allerdings könnte am Dienstag (20. April) Nordwest-Wind neue Aschemassen nach Deutschland bringen, heißt es in Medienberichten. Aus Angst vor der Vulkanasche verlängerte die Deutsche Flugsicherung (DFS) die Sperrung des Flugraums über Deutschland. Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW weist unterdessen auf gewisse Parallelen zur Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 24 Jahren hin. Es geht um Standorte, Windrichtungen, Dampfexplosionen und fehlenden Versicherungsschutz.

Standort und Wetter

Die offenkundigste Parallele zwischen dem aktuellen Vulkanausbruch und der Atomkatastrophe in Tschernobyl ist laut IPPNW der Umstand, dass es vom Standort wie auch vom aktuellen Wetter abhängt, wer die meisten Schäden davonträgt und wie groß der Gesamtschaden letztlich ist. Ebenso wie die derzeitige Asche-Wolke des Vulkans hätten vor 24 Jahren Winde und Niederschläge entschieden, wo die radioaktiven Gefahrenstoffe von Tschernobyl hingetrieben und wo sie niedergegangen seien. Es war nach Angaben der Ärzteorganisation "reiner Zufall, dass damals beispielsweise auch Bayern zu den Gebieten gehörte, über denen noch relativ viele radioaktive Substanzen abregneten, mit der Folge einer erhöhten vorgeburtlichen Sterblichkeit.

Wie Untersuchungen zeigten, könnte ein Super-GAU im deutschen Atomkraftwerk Biblis je nach Wetterverhältnissen auch weiter entfernte Großstädte wie Berlin oder Paris empfindlich treffen und die Gesamtschäden wären wegen der 10fach höheren Bevölkerungsdichte in Deutschland ungleich höher als nach Tschernobyl.

Dampfexplosionen

Bemerkenswert ist laut IPPNW ferner der Umstand, dass bei einem Vulkan ebenso wie beim Super-GAU in einem Atomkraftwerk Explosionen nicht am Anfang stehen müssen, "in der Folge jedoch zu einem katastrophalen Verlauf des Ereignisses beitragen können". So sei der Ausbruch des Eyjafjalla keine explosive Eruption wie etwa beim Vesuv, sondern "nur" der Ausfluss von Lava aus einer Spaltenöffnung. Die Lava schmilzt den Angaben zufolge auf Island dann aber die umliegenden Gletscher und reagiert mit dem Wasser, was zu Dampfexplosionen führt.

Ebenso wird laut IPPNW ein Reaktorunfall im Gegensatz zur Atombombe meist nicht durch eine Explosion ausgelöst. "Wasserstoff- wie auch Dampfexplosionen zählen aber zu den gefürchtetsten Folgeereignissen, die zu frühen und massiven Freisetzungen von Radioaktivität führen können."

Fehlender Versicherungsschutz

Eine weitere wichtige Parallele nicht-technischer Art ist nach Angaben der Atomkritiker "der fehlende beziehungsweise völlig unzulängliche Versicherungsschutz" im Schadensfall. Derzeit wird damit gerechnet, dass die europäischen Fluglinien aufgrund des Vulkanausbruchs einige Hundert Millionen Euro Umsatz und damit auch merklich Gewinn einbüßen könnten, weil sie gegen Flugausfälle nicht versichert sind.

"Ungleich dramatischer" wären laut IPPNW die ökonomischen Folgen eines Atomunfalls in Mitteleuropa, wenn viele Millionen Menschen auf Dauer ihre Wohnungen und Betriebsstätten verlassen müssten. "Die Schäden wären Studien zufolge so immens, dass die globale Versicherungswirtschaft weder dazu in der Lage noch dazu bereit ist, derartige Schäden abzudecken. Beim Super-GAU sind all diejenigen, die ihn zwar überleben, aber von Massenevakuierungen betroffen sind, wirtschaftlich ruiniert", so die IPPNW. "Die deutsche Volkswirtschaft läge am Boden."

"Über Laufzeitverlängerungen neu nachdenken"

Der Vulkanausbruch auf Island bietet nach Auffassung der IPPNW vor diesem Hintergrund die Chance, "nochmals neu über das Risiko der Atomenergie und die von der Bundesregierung beabsichtigten Laufzeitverlängerungen überalterter Atomkraftwerke nachzudenken".