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"Hier schläft Isis"

Römisches Mainz

Eigentlich müssten Touristen in Deutschland in Scharen nach Mainz pilgern. Einen Isis- und Kybeletempel von einmaliger historischer Bedeutung gibt es hier, das größte römische Bühnentheater nördlich der Alpen, die berühmten Römerschiffe, Reste eines römischen Aquädukts im Zaybachtal. Das lateinische Mogontiacum war nicht nur eines der wichtigsten Militärlager an der Rheingrenze, sondern auch Ort eines groß angelegten Bauprogramms des römischen Kaisers Vespasian. Doch trotz aller spektakulären Funde gelten noch immer Trier, Köln und Xanten als die Römerstädte in Deutschland schlechthin. Die Bedeutung des römischen Mainz hingegen ist immer noch weitgehend unbekannt. Höchstens die Fachwelt blickte gelegentlich aufmerksam nach Mainz, wenn wieder einmal eine epochale Entdeckung gemacht wurde.

"Mainz hat viele Chancen in der Vergangenheit nicht genutzt", sagt der rheinland-pfälzische Landeskonservator Gerd Rupprecht. Der Archäologe sieht einen Grund dafür in der Einstellung der Mainzer selbst: Nur langsam erkennen Bewohner und Verantwortliche der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt die Bedeutung der alten Ruinen.

Beispiele gibt es dafür eine Reihe: Jahrzehntelang war den Mainzern bekannt, dass "irgendwo da am Südbahnhof" ein römisches Theater im Hang schlummerte - jedoch kein Stadtplan oder Touristenführer wies darauf hin, von einer Ausgrabung ganz zu schweigen. Dann nahm Rupprecht das Projekt unter seine Fittiche. Mehrere Jahre lang wühlte der Archäologe weniger im Boden, als in den Besprechungszimmern bei Stadtoberen und Verwaltungsgrößen und brachte vor allem eines zustande: Die Mobilisierung der Mainzer Bevölkerung. Mit der Hilfe von über 2000 freiwilligen Helfern - ganzen Schulklassen, Lehrern, Ehrenamtlichen - holten Rupprecht und sein Team das römische Bühnentheater aus dem Boden - und die Mainzer aus ihrem Dornröschenschlaf heraus. Jetzt schauen Bahnreisende in Mainz aus dem Zugfenster auf eine eindrucksvolle Ruinenlandschaft und 2.000 Besucher kommen jedes Jahr beim Tag des offenen Denkmals zur Besichtigungstour.

Stillschweigen herrschte zunächst auch beim Isistempel aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Per Zufall lüftete ein Bauprojekt in der Innenstadt den Deckel über der Vergangenheit. Nicht einmal die Archäologen selbst waren auf das vorbereitet, was sie fanden. Erst vor einem Jahr, im März 2000, stand fest: Der Zufallsfund in der Baugrube ist eine handfeste Sensation. "Einen zweiten Isistempel haben wir bisher so in Deutschland nicht", erklärt Rupprecht, zumal der Tempel für die ägyptische Göttin zugleich noch für die Muttergottheit Kybele genutzt wurde.

Doch der große Glücksschrei aus dem Mainzer Rathaus blieb zunächst weitgehend aus, eine Vision für die zukünftige Präsentation gab es nicht. Das Stillschweigen der Stadtoberen führte schließlich zu einem Novum: Die bundesweit erste Demonstration für den Erhalt antiker Reste fand im Februar 2001 in Mainz statt. Aus Angst vor den Baggern der Baufirma protestierten die Mainzer für den Erhalt ihres Isistempels. Ein neuer Verein "Römisches Mainz" gründete sich und sammelte allein an einem Wochenende 800 Unterschriften, um den Archäologen mehr Zeit für die Erforschung des Tempel-Areals zu geben.

"Mainz erinnert sich und beginnt nachzudenken", freut sich heute Landeskonservator Rupprecht. Noch nie hätten so viele Menschen den Ausgräbern bei ihrer Arbeit zugesehen, nun endlich würden die Chancen erkannt, fänden sich Helfer in allen Kreisen der Bevölkerung und auch in der Politik. Der Isistempel wurde schließlich in einer einmaligen Aktion geborgen und wartet nun in Kisten verpackt auf seine Zukunft. "Hier schläft Isis", sagt Rupprecht glücklich.

Der Archäologe kämpft nun für eine spannende Präsentation der Funde, um die in den Gremien und verantwortlichen Kreisen gerade gerungen wird. "Wir dürfen nicht nur Mauern reinstellen und das Licht anknipsen", beschwört Rupprecht. Er will den Tempel erfahrbar machen, die Funde sollen inszeniert werden und so ein lebendiges Bild von der Vergangenheit geben. "Nur nicht tote Materie entstehen lassen", fleht Rupprecht. Und dann gerät der oberste Antikenbewahrer des Landes ins Träumen: Von einer selbstverständlichen Integration der archäologischen Reste in das moderne Leben schwärmt er, von einem Nebeneinander von Erlebniswelt Geschichte und modernem Einkaufen. "Das macht doch eine Stadt bunter, unverwechselbarer", findet Rupprecht, "und letzen Endes entsteht dadurch doch Identität". Das römische Erbe muss seiner Ansicht nach nun endlich "zum normalen Besitztum in Mainz werden", zum Standard-Inventar bei Selbstbewusstsein und Außenwerbung. Dann hat Mainz, glaubt Rupprecht, "seine große Chance, mit einer derart vorführbaren Vergangenheit der Geschichtspunkt schlechthin im Rhein-Main-Gebiet zu werden".

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