Emanzipierte Frauen sind spannender

30 Jahre "Wir haben abgetrieben"

30 Jahre nach der Aufsehen erregenden "Stern"-Titelgeschichte "Wir haben abgetrieben" zieht die Feministin Alice Schwarzer eine grundsätzlich positive Bilanz der Frauenbewegung. Schwarzer hatte die Aktion damals initiiert. Forderungen, für die man Feministinnen vor 30 Jahren ausgelacht habe, seien heute für 99 Prozent der jungen Frauen eine Selbstverständlichkeit, sagte sie in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur ddp in Köln - schränkte jedoch ein: "Zumindest im Kopf."

In der Realität gebe es noch "einige Hindernisse" zu nehmen, betonte sie. Auf die Frage, ob sie irgendetwas in ihrem Engagement für die Frauenbewegung bereue, antwortete Schwarzer: "Nein, ich bereue nichts." Auch Männer profitierten im Übrigen vom gewachsenen Selbstbewusstsein der Frauen: "Das Leben wird auch für Männer spannender an der Seite einer emanzipierten Frau", betonte Schwarzer.

Am 6. Juni 1971 hatten 374 Frauen im Hamburger Magazin "Stern" öffentlich bekannt: "Wir haben abgetrieben". Dies war damals unter Strafe gestellt. An der Aktion beteiligten sich prominente Frauen wie Romy Schneider, aber vor allem ganz normale Frauen, etwa Sekretärinnen, Studentinnen, Angestellte oder Hausfrauen.

Schwarzer sieht das Selbstbekenntnis der Frauen gegen den § 218 als "Auslöser der Neuen Frauenbewegung". "Das ist mehr, als man hoffen konnte", erinnert sie sich. In Sachen Abtreibung sei man dagegen nur "sehr halbherzig" vorangekommen. "Der Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft ist in Deutschland für Frauen immer noch kein Recht, sondern eine Gnade", kritisierte sie.

Ihr politisches Interesse, auch in Deutschland einen Protest gegen den § 218 auszulösen, habe sie zu der Aktion bewegt, erinnert sich Schwarzer. Vorbild für die Kampagne war Frankreich. "Ich lebte damals als Korrespondentin in Paris und war dort aktiv in der Frauenbewegung, wo ich das Selbstbekenntnis der Französinnen, erschienen am 5. April 1971 im 'Nouvel Observateur', mit organisiert hatte", erzählt die "Emma"-Herausgeberin.

Sie habe dann den "Stern" angerufen und gefragt, ob das Magazin ein Selbstbekenntnis nach dem französischen Muster - ein paar hundert Frauen, darunter eine Handvoll Prominente - in einem "angemessenen politischen Kontext" veröffentlichen würde. "Der 'Stern' sagte Ja, und ich machte mich in Deutschland auf die Suche", sagte Schwarzer. Zu ihrer Verwunderung habe es jedoch kaum Frauengruppen gegeben. Schwarzer betonte: "Ich tat nur drei auf - der Rest der Unterschriften wurde von einzelnen Frauen nach dem Schneeballsystem gesammelt."

Zum 30. Geburtstag der Frauenbewegung wird am 6. Juni eine Ausstellung im FrauenMediaTurm (Bayenturm) in Köln eröffnet.