Ökosystem Ostsee soll durch Hitze und Intensivlandwirtschaft gefährdet sein

Meeresschutz

Mit dem Jahrhundertsommer drohen der Ostsee dramatische Folgen bis hin zum Kollaps ganzer Ökosysteme, warnt die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Das kränkelnde Brackwassermeer leide immer noch unter der anhaltenden Intensivlandwirtschaft seiner Anrainerstaaten. Infolge lang andauernder Hitze und Sonneneinstrahlung entwickelten sich vielerorts explosionsartig giftige Blaualgen, die wiederum in einer Art biologischer Kettenreaktion die Ostsee-Fauna bedrohten, so die Deutsche Umwelthilfe und die Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere (GSM). Die Organisationen fordern, die Bemühungen um eine EU-weite Agrarreform weg von Intensivlandwirtschaft, Massenproduktion und Überdüngung zu verstärken. DUH-Bundesgeschäftsführer Jörg Dürr-Pucher: "Für eine europäische Agrarreform gibt es viele gute Gründe: Algenpest und Quallenplage in der Ostsee sind einer, der viel zu oft verdrängt wird."

Gelbe Algenteppiche an vielen Osteseestränden seien für Badegäste unangenehm und mitunter auch gefährlich, bedrohe die Tierwelt aber existenziell. Die Ursache sind Cyanobakterien, die trotz ihrer grell-gelben Farbe Blaualgen heißen, weil sie giftige Blausäure enthalten. "Während Nitrate und Phosphate von Natur aus so genannte Minimumstoffe darstellen, die das Algenwachstum einst begrenzten, sorgen die Düngemittel der modernen Landwirtschaft mit ihrer Massenproduktion für Überdüngung - in fast allen Gewässern", erläutert die Meeresbiologin und Vorsitzende der GSM Petra Deimer.

Aus Fäden zusammengesetzt, ließen die Blaualgen das Meer zunächst wie eine Nudelsuppe aussehen, ehe Strömung und Wind sie zu ekligen Teppichen zusammentreiben. "Die Ostsee befindet sich in einer Grenzsituation, die in einer ökologischen Katastrophe enden kann", mahnte bereits 2003 der Hamburger Meeresbiologe Prof. Olaf Giere. Nach dem Zusammenbruch der Blaualgen-Blüte würden die Reste am Boden abgebaut, unter massivem Schwund von Sauerstoff. Die giftigen Substanzen blieben dem Ökosystem erhalten. Schon jetzt seien fast alle Tiefenzonen der Ostsee ökologisch tot und könnten wegen des mangelnden Eintrags von frischem, sauerstoffhaltigem Wasser aus der Nordsee kaum noch regenerieren.

Die Teppiche aus Blaualgen und abgestorbenem Seegras entzögen dem Meerwasser zusätzlich Sauerstoff. Insofern machten sich Kurverwaltungen, die mit erheblichem Aufwand versuchten, der Seegrasschwemme an den Stränden Herr zu werden, nicht nur um das Wohl ihrer Gäste, sondern auch um das der Ostseefauna verdient. Deimer: "Jede Fuhre Seegras, die vom Strand abgefahren wird und nicht unter weiterer Sauerstoffzehrung im Meer verfault, ist geradezu ein Segen."

Grün-braune Fadenalgen, die sich ebenfalls heftig vermehrten, legten sich wie "Leichentücher" auf Muschelbänke sowie andere am Boden lebende Tiere und brächten ihnen den Tod durch Ersticken. Die Genesung der kranken Ostsee werde nach Überzeugung der Naturschützer mit jedem Jahr schwerer, die möglichen Folgen für die Tierwelt immer bedrohlicher. Die Stress-Belastung des Ökosystems Ostsee verstärke sich regelmäßig durch eine der Algenpest nachfolgende massenhafte Entwicklung von Quallen. Zuletzt sei das im Hitzesommer 2003 der Fall gewesen. Zu viele Quallen fräßen zu viele junge Fische und andere Kleinlebewesen.

Von Sauerstoffmangel und Massensterben betroffen seien Fische und andere Lebewesen, wie Krebse, Seepocken oder Miesmuscheln, die unter normalen Umständen eine Art "reinigende Filterfunktion" im Wasser erfüllen. Die Blaualgen, die weltweit in mehr als 2000 Arten auftreten, setzten teilweise während ihres Absterbens Giftstoffe frei, die sogar Wasservögel bedrohen und töten können, die von dem Wasser trinken."Als 1988 im nördlichen Atlantik eine Algenpest ausbrach, starben nicht nur Fische in Massen, sondern auch viele Delfine", erinnert Deimer. "Sie hatten vergiftete Fische gefressen. Für den Schweinswal in der Ostsee können vergiftete Fische lebensbedrohlich werden".