Volkswagen als Arbeitgeber: Mobbing vor dem Ausbruch

Mobbing versus Bonding (Teil I)

Die Entstehung von Mobbing im Arbeitsleben - Günter Voelk analysiert des Umfeld „Wehret den Anfängen“ ist eine biblische Warnung, die ganz besonders für potenzielle Mobbing Opfer und auch für die Personalleitung hilfreich sein kann. Die Entstehungsgeschichten und die Ausprägungen mögen sehr unterschiedlich sein. Im typischen Verlauf, in den Grundzügen und in der Reihenfolge der einzelnen Phasen jedoch zeigen Mobbing Fälle meist denselben roten Faden und enden häufig mit dem vollständigen Ausschluss des Opfers aus der Arbeitswelt. So auch im besonders spannenden Fall von Detlev Lengsfeld, ehemaliger Angestellter der Volkswagen-Tochter „Autostadt“. Der Begriff „Bonding“ im Titel dieser Artikelserie stellt den größtmöglichen Kontrast zu Mobbing dar. Bonding bezeichnet in der Entwicklungspsychologie einen engen, Bindung und Vertrauen stiftenden Kontakt. In der Psychotherapie kann ein Bonding Prozess für Mobbing Opfer ein hilfreicher Weg sein, die erlittenen seelischen Schäden in relativ kurzer Zeit zu heilen, ohne quälend lange Psychoanalyse oder Gesprächstherapie. Therapeutisches Bonding ist ein Element des „New Identity Process“ nach Dr. Dan Casriel, New York.

Der Nährboden für Mobbing

NGO-online rollt im Folgenden den Fall Lengsfeld von der Entstehungsgeschichte bis zum verzweifelten Kampf „David gegen Goliath“ neu auf. Detlev Lengsfeld wird in mehreren kurzen Interviews persönlich zu Wort kommen. Aufschlussreiche Kommentare von Arbeitsrechtlern werden sowohl Opfern als auch Personalchefs Tipps und Hinweise zur Schadensbegrenzung geben. Der Schwerpunkt wird sein, die psychologischen Vorgänge und Wechselwirkungen zwischen den Beteiligten nachvollziehbar und für den Leser erkennbar zu machen.

Die persönlichen Erfahrungswerte des Autors mit der Bondingtherapie seit 1982 – und die Bonding-Theorie selbst – werden hier vor allem mir der Zielvorstellung herangezogen, tiefere Einsichten in die innerpsychischen Vorgänge und zwischenmenschlichen Wechselwirkungen zu vermitteln. Letztlich geht es darum, die Chancen einer Früherkennung zu erhöhen und die Nachsorge von Mobbing zu bereichern. Doch nun soll als erster Detlev Lengsfeld mit seinen Erfahrungen im Volkswagen Konzern zu Wort kommen.

Der Anfang eines Leidensweges

Günter Volk: Als Nährboden für Mobbing muss erfahrungsgemäß ein Mobbing-„freundliches“ Betriebsklima vorhanden sein. Was waren denn Ihre ersten unangenehmen Empfindungen bei der Volkswagen Tochter „Autostadt“?

DL: Das Vorstellungsgespräch in der Autostadt im Jahre 2000 empfand ich als sehr gut. Es fand am Ende des "Autostadt Assessment" statt. Eigentlich war nur die Atmosphäre bei den Vertragsverhandlungen unangenehm. Da gab es Misstöne bei der Höhe des Gehalts. Ein paar Tage danach erhielt ich den Vertrag, in dem 10% weniger Gehalt eingetragen war als besprochen. Ich hatte von da an nicht mehr das Gefühl, dass meine Vorgesetzten ehrlich zu mir sind. Und was später dann immer öfter passierte: Gemachte Zusagen wurden einfach nicht eingehalten.

Günter Voelk: Und was waren Ihre unmittelbaren Reaktionen darauf, in Ihren Gedanken und in Ihren Gefühlen?

DL: Angst, … Unsicherheit ... ich hatte ja schließlich meinen alten und auch nicht schlechten, und vor allem sicheren Job aufgegeben. Ich fühlte mich vera….t und hintergangen.

Günter Voelk: Inwiefern gab es aus Ihrer Sicht ein Mobbing-„freundliches“ Betriebsklima am Arbeitsplatz selbst? Woraus hat dieses Klima zusammengesetzt?

DL: Also ich weiß nicht, wie es heutzutage ist, aber damals hatte die Volkswagen-Autostadt über Jahre hinweg keine festen Strukturen, oder besser gesagt, die Strukturen wechselten andauernd, was natürlich allgemeine Unsicherheit und Spannung erzeugte. Es wurde mit sehr viel Arroganz und von oben herab geführt. Ich fühlte mich einfach nicht wohl.

Günter Voelk: Dafür würde man eher den Begriff Bossing verwenden. Der Begriff Mobbing bezeichnet nach Professor Heinz Leymann eine „konfliktbelastete Kommunikation“ zwischen Vorgesetzten und Untergebenen (oder unter Kollegen) am Arbeitsplatz über längere Zeit, mit üblen Folgen für den unterlegenen Part. Wann bzw. wie lange nach Vertragsbeginn kam es zu ersten Vorkommnissen dieser Art?

DL: Mit den Kollegen ging das sehr lange sehr gut, und machte auch viel Spaß. Ich hatte irgendwann über 600 Überstunden – freiwillig! Die Arbeit war richtig anspruchsvoll, und das technische EDV-Umfeld war genial. Das beste vom besten. Ich musste nur nach der Probezeit sehr um meine versprochene Gehaltserhöhung kämpfen. Es war als Kompromiss schriftlich festgehalten, dass ich die abgeknapsten 10% ab dem Ende der Probezeit draufgelegt bekäme, per Vertragszusatz!

Günter Voelk: Was ging nach diesen ersten Anfängen in Ihnen vor, und wie haben Sie darauf reagiert?

DL: Da fühlte ich mich natürlich schon wieder hintergangen. Ich war echt sauer, dass ich trotz guter Leistungen unter Druck gesetzt wurde, noch dazu von zwei Vorgesetzten zur gleichen Zeit. Mit den Kollegen am Arbeitsplatz ging es wie gesagt sehr lange gut. Aber ich glaube, einige Leute aus benachbarten Abteilungen wurden allmählich neidisch … gute Beziehung, glücklicher Vater, nach und nach dann auch ein tolles Gehalt …

Zwei unterschiedliche "Filme" laufen ab

Zum Schuldbegriff im Zusammenhang mit Mobbing ist es wichtig zu wissen, dass in der Regel beide Seiten in den allerfrühesten Anfängen eines Mobbing Falles noch ohne bewusste negative Absichten miteinander umgehen. Oft hört man ja im Nachhinein vom Mobbing Opfer Sätze wie „Die hatte mich schon von Anfang an auf dem Kieker“, oder „Der wollte die ganze Zeit nur sein Machtspiel mit mir treiben“. Was dagegen richtig ist, dass die Wahrnehmungen der Geschehnisse von Anfang an differieren. Im vorliegenden Fall kann zum Beispiel die Konzerndirektive an die Abteilungen ergangen sein, schon bei den Einstellungsgesprächen besonders kostenbewusst zu agieren. So kann ein Abteilungsleiter oder ein Personalreferent im Vollgefühl handeln, das richtige zu tun, aber dabei seine sonst sehr ausgeprägte soziale Kompetenz unbewusst etwas schleifen lassen. Umgekehrt kann sein Bewerber das sehr wohl spüren oder ebenso unbewusst als ablehnend, antipathisch oder gar versteckt feindselig wahrnehmen und interpretieren.

Die heute beginnende Artikelserie soll nicht nur Beschreibung liefern, sondern auch zur Vorbeugung und Früherkennung Hilfen geben. Und wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, ist Hilfe zur Schadensbegrenzung das Ziel.

Das Mobbing Frühstadium

Der Schlüssel zur Entwirrung derartig früh entstehender Beziehungsmuster liegt in der Überprüfung der eigenen Wahrnehmungen. Das funktioniert beispielsweise durch ganz profanes Nachfragen. Der psychologisch nicht geschulte Mensch neigt allerdings dazu, unangenehme Wahrnehmungen zu verdrängen, das heißt in unserem Fall auch, das Gegenüber damit nicht zu konfrontieren. In der Bonding Terminologie und auch in der Transaktionsanalyse wird dieses Beziehungsmuster „Rabattmarken sammeln“ genannt. Wie an der Tankstelle wird die Rabattmarke in ein (imaginäres) Heft geklebt, wie an der Tankstelle wird das in der Hoffnung getan, etwas Nützliches beim Eintausch zu erhalten. Primär werden die psychologischen Rabattmarken erst einmal in der Hoffnung abgeheftet, durch eigenes Wohlverhalten (nicht konfrontieren) das Wohlverhalten der anderen Person (hier des Vorgesetzten) zu stimulieren. Unglücklicherweise ist auch das Endergebnis ganz ähnlich wie an der Tankstelle: Das volle Rabattmarkenheft wird gegen etwas anderes eingetauscht. Bei längerer Fortsetzung des Beziehungsmusters (z.B. nicht konfrontieren im Gegenzug für erhoffte Belohnung) gibt es in unserem Fall allerdings kein Autoradio oder Sitzbezüge, sondern den so genannten schuldfreien Akt: Das „Heft“ ist randvoll geklebt, die erhoffte Belohnung oder Verschonung bleibt aus, der Rabattmarkensammler ist bitter enttäuscht und produziert eine emotionale Überreaktion: „Jeder Mann mit etwas Selbstachtung hätte dem Typen an meiner Stelle mal ordentlich die Meinung gegeigt“, oder „jeder Frau können bei einem solchen Haustyrannen einmal die Nerven durchgehen.“ Womit der eigentliche Mobbing Prozess erst richtig begonnen hat.

Zur ausreichenden Wahrnehmung dessen, was in einer Beziehung wirklich vor sich geht, gibt es eine enorm wichtige Voraussetzung: Die Fähigkeit zur realistischen Selbstwahrnehmung. Ein besonders heißer Buchtipp für männliche abhängig Beschäftigte ist „Der ungezähmte Mann“ von John Eldredge. In erfrischender Direktheit und untermalt mit einleuchtenden Beispielen aus seinem eigenen Leben und aus zeitgenössischen Filmen und Romanen zeigt Eldredge auf, wie dysfunktionale männliche Selbstbilder und Selbstwahrnehmungen entstehen. Das besonders Hilfreiche dabei sind dabei natürlich die Mittel und Wege hin zu einer gelebten, gefühlten und bewusst wahrgenommenen Männlichkeit. Der Autor selbst hat über die Bücher von John Eldredge mehrere Verdrehungen des eigenen Selbstbildes entdecken und in Angriff nehmen können.

Spannung - aber garantiert

Die Leserinnen mögen sich gedulden, auch sie erhalten im weiteren Verlauf der Artikelserie Mobbing versus Bonding ihre Buchtipps. Auch für sie ist „Der ungezähmte Mann“ ein enorm hilfreiches Buch. In mehreren Kapiteln wird die Vater-Tochter Beziehung auf verblüffende, frappierende Art neu beleuchtet, so dass auch die Beziehung Vorgesetzter-Untergebene auf neue Art beleuchtet werden kann.

In der nächsten Folge „Volkswagen: Mobbing – der Beginn des Leidensweges“ wird in einem weiteren Interview mit Detlev Lengsfeld die Anfangsphase unter die Lupe genommen. Hier kommen zum ersten Mal juristisch relevante Handlungen und Unterlassungen ins Spiel, so dass außer dem Experten für Psychotherapie auch ein Fachanwalt für Arbeitsrecht zu Wort kommt. Es ist wichtig zu wissen, was ein Vorgesetzter nicht darf und was er keinesfalls versäumen sollte, denn wie bei den psychologischen gilt auch bei den rechtlichen Aspekten „wehret den Anfängen“.

Günter Voelk

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