Siggi und Tapsi: Endlich ohne Zahnschmerzen

Braunbär beim Zahnarzt: Dr. Marc Loose behandelt Siggi

Zahnarzt Dr. Marc Loose und der Braunbär SiggiVier erkrankte Fangzähne, zwei Wurzelkanalbehandlungen und eine mobile Zahnarztpraxis mitten im BÄRENWALD Müritz: 2013 behandelte der Hamburger Zahnarzt Dr. Marc Loose Braunbär Siggi. Der ungewöhnliche Patient hatte jahrelang unter problematischen Haltungsbedingungen gelebt. Seine Zähne zeigten deutlich, welche gesundheitlichen Folgen ein solches Leben hinterlassen kann.

Note

Aktualisiert am 19. August 2026: Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 26. April 2013. NGO Online hat den damaligen Bericht um die weitere Geschichte von Braunbär Siggi sowie zusätzliche Hintergrundinformationen ergänzt. Die ursprüngliche Nachricht und ihr Veröffentlichungsdatum bleiben erhalten.

Warum Braunbär Siggi zum Zahnarzt musste

Als Zahnarzt Dr. Marc Loose im April 2013 in den BÄRENWALD Müritz kam, hatte er keine gewöhnliche Behandlung vor sich. Sein Patient Siggi war ein ausgewachsener Braunbär mit erheblichen Zahnproblemen.

Alle vier Fangzähne mussten wegen Karies behandelt werden. An zwei Zähnen führte Loose eine Wurzelkanalbehandlung durch. Für die Behandlung brachte der Zahnarzt eine mobile Ausrüstung mit: Bohrer, eigens für die großen Tierzähne angefertigte Feilen, chirurgische Instrumente und ein mobiles Röntgengerät. [1]

Beschädigte Fangzähne von Braunbär Siggi vor der Zahnbehandlung

„Alle vier Fangzähne von Siggi mussten wegen Karies behandelt werden“, berichtete Zahnarzt Dr. Marc Loose. Außerdem führte er zwei Wurzelkanalbehandlungen durch. Die Fangzähne von Braunbären können 10 bis 15 Zentimeter lang werden – bei Siggi waren teilweise nur noch stark beschädigte Zahnstümpfe zu sehen. [1]

Der damalige Bericht brachte den schlechten Zustand seiner Zähne mit den Lebensbedingungen vor seiner Rettung in Verbindung. Als mögliche Ursachen wurden eine über Jahre mangelhafte Ernährung sowie mechanische Schäden durch das Kauen an Gitterstäben genannt. [1]

Im Anschluss an die Operationen erhielten Siggi und Tapsi Antibiotika und Schmerzmittel.

Damit war Siggis Zahnarztbesuch weit mehr als eine kuriose Geschichte. Sein Gebiss erzählte auch etwas über seine Vergangenheit.

Vom kleinen Gehege in den BÄRENWALD Müritz

Siggi war erst im September 2012 in den BÄRENWALD Müritz gekommen. Zuvor lebte er im Wildgehege Hellenthal in einem kleinen Gehege. Im Bärenschutzzentrum sollte er Bedingungen vorfinden, unter denen er wieder mehr arttypisches Verhalten zeigen konnte. [1]

Auch Braunbärin Tapsi, die 2013 ebenfalls von Dr. Loose behandelt wurde, hatte eine schwierige Vorgeschichte. Sie war zuvor im Tierpark Klötze auf engem Raum mit Betonboden gehalten worden.

Der von VIER PFOTEN betriebene BÄRENWALD Müritz nimmt Bären aus problematischen Haltungsbedingungen auf. Die Tiere erhalten dort unter anderem Raum zum Umherstreifen, Rückzugsmöglichkeiten, Wasserstellen und Möglichkeiten zum Graben und Erkunden.

Gerade bei ehemaligen Haltungsbären endet eine Rettung deshalb nicht mit dem Transport in ein größeres Gehege. Viele Tiere bringen gesundheitliche Probleme mit, die sie über Jahre begleiten können.

Wie behandelt ein Zahnarzt einen Braunbären?

Ein Braunbär kann nicht auf einem normalen Zahnarztstuhl Platz nehmen. Für Siggis Behandlung mussten Zahnmedizin und Wildtiermedizin deshalb eng zusammenarbeiten.

Während Dr. Marc Loose die zahnmedizinische Behandlung durchführte, wurde die Narkose vom Wildtierspezialisten Dr. Frank Göritz vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin überwacht. Das war notwendig, weil eine mehrstündige Behandlung an einem ausgewachsenen Braunbären nur unter kontrollierter Narkose möglich ist. [1]

Braunbär Siggi während der Zahnbehandlung im BÄRENWALD Müritz

Für die Untersuchung der Zähne stand ein mobiles Röntgengerät zur Verfügung. Spezialinstrumente mussten an die Dimensionen der Bärenzähne angepasst werden.

Dr. Göritz übernahm während des Eingriffs außerdem einen weiteren tiermedizinischen Teil: Siggi wurde kastriert. Im BÄRENWALD Müritz sollten die aufgenommenen Tiere nicht zur Zucht eingesetzt werden. [1]

Gerade die Wurzelkanalbehandlungen zeigen, dass bei der Versorgung geretteter Wildtiere teilweise hoch spezialisierte medizinische Behandlungen erforderlich sind.

Nach der Operation erhielten Siggi und Tapsi Schmerzmittel und Antibiotika. Beide erholten sich von Narkose und Eingriff und konnten anschließend wieder durch ihre Gehege streifen. [1]

Wildtierzahnmedizin: Dr. Marc Loose mit mobiler Praxis

Dr. Marc Loose behandelte nicht nur Menschen in seiner Hamburger Zahnarztpraxis. Er engagierte sich auch in der Wildtierzahnmedizin und arbeitete für VIER PFOTEN bei der Versorgung geretteter Tiere.

Dafür genügte ein normaler Zahnarztkoffer nicht. Zur mobilen Ausrüstung gehörten unter anderem speziell angefertigte Feilen, Bohrer, chirurgische Instrumente und Röntgentechnik. VIER PFOTEN berichtete später, dass Loose sich bereits seit 2006 ehrenamtlich für die Organisation engagierte. [2]

Zahnarzt Dr. Marc Loose bei einer Wildtierzahnbehandlung

Nach der Behandlung 2013 kündigte Loose bereits an, die Bären wieder kontrollieren zu wollen:

„Denn nicht nur Menschen, auch Braunbären müssen einmal jährlich zum Kontrolltermin antreten!“

Was damals augenzwinkernd klang, erwies sich bei Siggi als durchaus notwendig.

Siggi musste 2016 erneut an den Zähnen operiert werden

Drei Jahre nach der von NGO Online dokumentierten Behandlung kam Dr. Marc Loose erneut in den BÄRENWALD Müritz.

Im September 2016 untersuchte und behandelte er dort fünf Braunbären. Bei Siggi hatten sich inzwischen Fisteln gebildet. Zwei Fangzähne mussten deshalb gezogen werden. [2]

Auch andere Bären benötigten umfangreiche Zahnbehandlungen. Bei einem Tier wurde eine Wurzelbehandlung durchgeführt, bei einem anderen musste ein Fangzahn entfernt werden. Ein weiterer Braunbär erhielt eine Wurzelkanalbehandlung an einem Schneidezahn. [2]

Der erneute Eingriff bei Siggi zeigt, dass die Behandlung von 2013 nicht einfach eine einmalige spektakuläre Aktion für einen ungewöhnlichen Patienten war. Seine Zahngesundheit musste auch in den folgenden Jahren medizinisch betreut werden.

Was Siggis Zähne über Wildtierhaltung erzählen

Auf den ersten Blick ist die Vorstellung eines Braunbären beim Zahnarzt vor allem ungewöhnlich. Hinter der Geschichte steht jedoch ein ernstes Tierschutzthema.

Zähne werden beim Fressen, Erkunden und bei zahlreichen natürlichen Verhaltensweisen stark beansprucht. Bei Tieren, die über lange Zeit unter ungeeigneten Bedingungen gehalten wurden, können gesundheitliche Probleme hinzukommen, deren Folgen auch nach einer Rettung weiter behandelt werden müssen.

Bei Siggi waren die Schäden so groß, dass mehrere Fangzähne behandelt, Wurzelkanalbehandlungen vorgenommen und einige Jahre später schließlich zwei Fangzähne entfernt werden mussten. [1] [2]

Sein Fall macht damit sichtbar, warum Tierschutz nicht allein darin besteht, ein Tier aus einer schlechten Haltung zu holen. Gerettete Wildtiere benötigen häufig langfristige Betreuung, geeignete Lebensbedingungen und spezialisierte tiermedizinische Versorgung.

Was wurde aus Braunbär Siggi?

Siggi verbrachte seine letzten Lebensjahre im BÄRENWALD Müritz.

Im August 2017 musste der damals 26 Jahre alte Braunbär eingeschläfert werden. Nach Angaben von VIER PFOTEN litt er an Knie- und Hüftgelenksarthrose sowie an Spondylose, einer schmerzhaften Erkrankung der Wirbelsäule. Nachdem seine Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft waren, entschieden die Wildtierspezialisten, ihn von seinem Leiden zu erlösen. [3]

Mit den Zahnproblemen, wegen derer Dr. Marc Loose ihn 2013 und 2016 behandelt hatte, wurde sein Tod nicht begründet.

Siggi hatte rund fünf seiner letzten Lebensjahre im BÄRENWALD Müritz verbracht. Dort konnte er nach seiner früheren Haltung erstmals auf einer wesentlich größeren und naturnäher gestalteten Fläche leben.

Vom kuriosen Zahnarzttermin zur Tierschutzgeschichte

Ein Bär mit Zahnschmerzen klingt zunächst nach einer jener Meldungen, die man vor allem wegen ihrer ungewöhnlichen Überschrift liest.

Doch Siggis Geschichte reicht weiter.

Seine beschädigten Fangzähne waren ein medizinisches Problem. Die aufwendige Behandlung zeigte, welche Möglichkeiten spezialisierte Wildtiermedizin bietet. Gleichzeitig verwies der Zustand des Bären auf eine Vergangenheit unter Bedingungen, deren gesundheitliche Folgen nicht mit dem Tag seiner Rettung verschwanden.

Aus dem ungewöhnlichen Patienten auf dem OP-Tisch wurde deshalb auch eine Geschichte darüber, was nachhaltiger Tierschutz bedeutet: retten, behandeln und einem Tier anschließend Lebensbedingungen zu geben, die seinen natürlichen Bedürfnissen möglichst nahekommen.

Quellen

[1](1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8) NGO Online: „Hamburger Zahnarzt Dr. Loose behandelt Braunbär Siggi“, 26. April 2013. https://www.ngo-online.de/artikel/zahnarzt-dr-loose-behandelt-braunbaer-siggi-100648/
[2](1, 2, 3, 4) VIER PFOTEN: „Stammzellentherapie und Zahnarzt-Visite bei den Braunbären“, 6. September 2016. https://www.vier-pfoten.de/unseregeschichten/presse/2016-1/stammzellentherapie-und-zahnarzt-visite-bei-den-braunbaeren
[3]VIER PFOTEN: „BÄRENWALD Müritz: Braunbär Siggi ist gestorben“, 15. August 2017. https://www.vier-pfoten.de/unseregeschichten/presse/q3-2017/baerenwald-mueritz-braunbaer-siggi-ist-gestorben

Fotos: VIER PFOTEN

Stand der redaktionellen Überarbeitung: 19. August 2026.

Über den Autor

Detlev Lengsfeld ist Herausgeber von NGO Online. Er beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit digitaler Öffentlichkeit, Suchmaschinen und der Frage, wie Fachwissen verständlich, nachvollziehbar und dauerhaft auffindbar vermittelt werden kann.