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Dirk C. Fleck - DIE VIERTE MACHT

Interview mit Dirk C. Fleck

Dirk C. Fleck beschreibt im Buch  DIE VIERTE MACHT"Öko-Papst der ersten Stunde" - "Mahner in der Wüste" - es gibt manche Bezeichnung, die man Dirk C. Fleck zu Teil werden lassen könnte. Ähnlich den Rufen der Kassandra, die da vor drohendem Unheil warnt jedoch scheint auch seinen vorausschauenden Schriften über die Jahre viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt zu werden. Zwar ehrte die taz den gestandenen Journalisten bereits nach Erscheinen von "Palmers Krieg" 1992 mit der Bezeichnung "Vater des deutschen Ökothrillers" und der Hessische Rundfunk sagt zum 1994 mit dem Deutschen Science-Fiction Preis ausgezeichneten Buch "Go! - die Ökodiktatur", dass diese beklemmende Zukunftsvision mit jedem Jahr erschreckend aktueller wird - dennoch scheint sein immer wieder am Puls der Zeit fühlendes Werk eher marginalisiert zu sein. So bietet auch sein zuletzt erschienenes Buch "Die vierte Macht" viel Zündstoff für feurige Debatten über den Status Quo Vadis nicht nur Deutschlands und seiner Medienlandschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts - dennoch scheint auch diese breite Diskussion ausgerechnet dort, bei den mächtigen "Mainstreammedien", derzeit auszubleiben. Man scheint sich da sehr schwer zu tun - nicht nur in Deutschland, im Erbe der Aufklärung uns alle betreffende Probleme in ihrer Vielseitigkeit zu erörtern und auch Lösungsstrategien zu entwickeln. Enthalten die Warnungen vor drohendem Unheil zu viel lähmenden Schrecken oder - warum werden die Stimmen der vielen, die da in diesen Tagen in den Fußstapfen von Karl Kraus und Kurt Tucholsky unterwegs sind so spät wahr genommen? Im Moment des Ausrufs der Warnung durch die Figur aus der griechischen Mythologie ist das Kind ja in der Regel noch auf dem Weg zum Brunnen - warum jedoch nehmen viele Menschen erst die drohende Gefahr wahr, wenn das Kind schon kurz vor dem Ertrinken ist?

Die vierte Macht: Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten

NGO-Online: Herr Fleck, in Ihrem Buch „Die vierte Macht“ befragen Sie deutsche Spitzenjournalisten nach ihrer Verantwortung in Krisenzeiten. Warum nur in Krisenzeiten, warum nicht grundsätzlich?

Dirk C. Fleck: Sie haben recht, Verantwortung gilt natürlich grundsätzlich. Aber die Zuspitzung geschah mit Bedacht. Wir leben nun einmal in schwersten Krisenzeiten. Und wie es aussieht nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft. Die Lebensbedingungen auf der Erde sind dabei, sich dramatisch zu verändern. Weltweit. An erster Stelle ist natürlich die vom Menschen verursachte Öko-Katastrophe zu nennen, die viel schneller voranschreitet, als noch vor wenigen Jahren prognostiziert. Der Klimawandel ist nur ein Aspekt, aber allein er wird in absehbarer Zeit enorme Auswirkungen auf unser politisches, wirtschaftliches, soziales und kulturelles Leben haben.

Der rasante Ausverkauf der natürlichen Ressourcen, der durch den Wachstumsrausch in den ehemaligen Schwellenländern China, Indien und Brasilien noch extrem befördert wird, gibt ebenfalls zu größter Sorge Anlass. Ganz abgesehen von dem kriminellen Gebaren einer giergesteuerten internationalen Finanzindustrie, welche die Werte der bürgerlichen Gesellschaft sukzessive zersetzt und uns die Demokratie aus der Hand zu nehmen droht, wie Hans-Ulrich Jörges im Gespräch mit mir befürchtete.

NGO-Online: Wie sieht es denn vor diesem Hintergrund aus mit dem Problembewusstsein der Medien?

Dirk C. Fleck: Man muss unterscheiden zwischen dem Problembewusstsein meiner Gesprächspartner und dem, was sich im Redaktionsalltag offenbart. Bis auf wenige Ausnahmen war den meisten meiner Gesprächspartner die globale Gefahrenlage bewusst. Wie damit in der Regel journalistisch umgegangen wird, ist allerdings erschütternd. Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Die Ökonomisierung unseres Berufes durch viele Verlagsmanager, die sich allein an Umsatzrenditen haben messen lassen müssen, ist der Ursprung einer Fehlentwicklung, die den Journalismus zum Konsumgut degradiert hat. Folgerichtig genießt der Journalismus in unserer Gesellschaft schon lange nicht mehr die Wertschätzung, die ihm gebührt, er wird nicht mehr als kulturelle Leistung begriffen, auf die wir ein Anrecht haben. Das ist das eine. Das andere sind die Journalisten selbst.

Harald Schumann vom Tagesspiegel brachte es wohl am besten auf den Punkt: „Medien können niemals als Speerspitze eines gesellschaftlichen Umbruchs fungieren,“ sagt er. „Wie soll das auch funktionieren? Es sind ja die Journalisten, die Medienarbeiter, die das tun müssten. Und die sind tief eingebettet in unsere Gesellschaft. Woher sollte denn plötzlich ein avantgardistisches Bewusstsein der Medienarbeiter kommen, dass sie sagen, wir gehen jetzt voran? Neunundneunzig Prozent unserer Kollegen wären damit überfordert, nicht nur intellektuell, auch von der Ausbildung her.

Medien sind nur dann Instrumente zur gesellschaftlichen Veränderung, wenn sich die Gesellschaft schon in einem Umbruch befindet. Wer diese Reihenfolge umdrehen will, hängt einem naiven Wunschtraum an.“

NGO-Online: Der spanische Regisseur Luis Buñuel zählte die Medien neben der Überbevölkerung, der Wissenschaft und der Technik zu den vier apokalyptischen Reitern der Neuzeit. Er nannte sie gar den schlimmsten von allen und schloss: „Würde ein Pfeil ihn niederstrecken, so würde der Ansturm, der uns erwartet, bestimmt noch etwas aufgeschoben werden.“ Sehen Sie das ähnlich dramatisch? Sie selbst haben ja vierzig Jahren in Redaktionen gearbeitet, auch in leitenden Positionen.

Dirk C. Fleck: Ich sehe das ähnlich, ja. Solange sich die Medien als Teil der Unterhaltungsindustrie begreifen, ist ihr Einfluss auf die Gesellschaft ätzend und zersetzend. Wenn Giovanni di Lorenzo beispielsweise sagt, dass Begriffe wie Klimawandel oder Nachhaltigkeit selbst die Leser der ZEIT regelmäßig abzuschrecken scheinen, ist das ein erbärmliches Zeugnis für die Medien. Sie selbst haben sich ein derart desinteressiertes Publikum geschaffen. Die ZEIT hat sich unter Giovanni di Lorenzo da nichts vorzuwerfen, sie kämpft aber auf ziemlich verlorenem Posten. Die Ablehnung von Umweltthemen ist auch politisch relevant. Di Lorenzo gab sich mir gegenüber ziemlich ratlos. „Woran liegt es,“ fragt er in dem Interview, „dass einige der wichtigsten Fragen der Menschheit auf ein so geringes Interesse stoßen?“

Die Antwort darauf liefert FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher: „Nehmen wir mal an, der Ökozid wäre heute schon eingetreten. Dann würde es die Tagsschau morgen schon als Normalität behandeln. Es gibt diesen einen Moment gar nicht, wo man sich fragt, Haltstopp, was ist hier geschehen? Die Medien schaffen es, aus den größten Brüchen immer wieder eine Scheinnormalität zu konstruieren.“

NGO-Online: Der Schweizer Medienwissenschaftler Kurt Imhof spricht in Ihrem Buch davon, dass uns die Medien mit ihrer Auswahl, Interpretation und Darstellung die Welt einfärben und unsere Aufmerksamkeit und Erwartungen beeinflussen. Medien seien deshalb auch Vertrauensgüter. Der Medienkonsument müsse sich darauf verlassen können, dass er vielfältig, objektiv und nicht einseitig über Relevantes informiert wird, damit er sich als Bürger an der Gesellschaft beteiligen kann. Davon aber scheinen wir weit entfernt.

Dirk C. Fleck: Ja und nein. Ganz so pessimistisch bin ich nicht mehr. Im Zeitalter der ist doch einiges in Bewegung geraten. Der ehemalige Stern-Chef Michael Jürgs äußert sich dazu folgendermaßen: „Eigentlich müsste man in Krisen-Zeiten ja erwarten, dass wir Journalisten mit dem was wir aufdecken, was wir schreiben, Einfluss auf die gesellschaftlichen Entwicklungen nehmen. Das tun wir aber nicht mehr. Die wirklichen Veränderungen in der Gesellschaft finden oft jenseits dessen statt, was wir im Print oder meinetwegen auch Online veranstalten. Das sind alles Bewegungen, die nicht von uns bewirkt worden sind: Occupy, Attac, Anonymous, Wiki-Leaks, die zahlreichen NGOs. Diese Leute interessiert schon lange nicht mehr, was die klassischen Medien machen.“ Damit hat er recht. Die klasschen Medien stecken in der Krise. Gerade hat die Printausgabe des amerikanischen Nachrichtenmagazins „Newsweek“ ihr Erscheinen eingestellt. Andere Dickdampfer werden folgen.

NGO-Online: Worauf aber gründet sich nun ihr bescheidener Optimismus?

Dirk C. Fleck: Ganz einfach: Während die Politik es noch immer als ihr erklärtes Ziel ansieht, Wachstumszahlen zu produzieren und dabei von den Medien unterstützt wird, wächst die Zahl der Menschen, die sich nach praktikablen Lösungsmöglichkeiten innerhalb des kollabierenden kapitalistischen Systems sehnen, sprunghaft an. Die Kommunikation im Internet gibt darüber hinreichend Aufschluss. Es ist schon erstaunlich, wie unzureichend diese Aufbruchstimmung von den klassischen Medien erfasst wird. Vielleicht begreifen die Medienmacher ja doch noch, dass man nicht zwangsläufig an den Menschen vorbei redet, wenn man ihnen vorstellt, was an positiven Zukunftsentwürfen längst angedacht und möglich ist.

Die politische Demarkationslinie verläuft schon lange nicht mehr zwischen links und rechts, zwischen oben und unten, sie verläuft mittlerweile zwischen zukunftsfeindlich und zukunftsfähig. Die Medien müssen sich fragen, ob es möglich ist, die Aufregung und das Aufregende unserer Zeit neu zu gewichten. Oder ob ihnen auf ewig die Hände gebunden sind in der gnadenlosen Gewinn- und Verlustrechnung unserer Tage. Aber auch die Begriffe Gewinn und Verlust lassen sich neu definieren. Genau das ist es, was in den Köpfen und Herzen vieler Menschen gerade passiert. Das macht mir Mut. Wer sagt denn, dass eine Zeitung, die diesen Zeitgeist befördert, keinen Nutzen davon hätte?

NGO-Online: Herr Fleck, wir danken für dieses Gespräch.

Dirk C. Fleck bei wikipedia

Das Interview führte Stefan Frischauf für NGO-Online

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