Castoren im Zwischenlager Gorleben angekommen

Zahlreiche Behinderungen

Nach einer Fahrt mit mehreren Behinderungen durch Atomkraftgegner ist der jüngste Atommüll-Transport am Montagmorgen im niedersächsischen Zwischenlager Gorleben eingetroffen. Nach einer insgesamt gut 58 Stunden dauernden Fahrt, die in der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague begann, passierten die zwölf Castoren auf Tiefladern am Morgen kurz nach 6.00 Uhr das Tor des Zwischenlagers. Aus polizeilicher Sicht sei der Transport zufriedenstellend verlaufen, sagte Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) in Lüchow. Nach Darstellung von Atomkraftgegnern kam es während der gesamten Fahrt immer wieder zu Unterbrechungen. An der großen Sitzblockade von X-tausendmal quer hätten rund 1000 Menschen teilgenommen.

Schünemann sagte, die Castoren seien einen Tag früher als sonst in Gorleben eingetroffen. Zwar sei die Zahl der Beamten im Vergleich zum Vorjahr gleich geblieben, allerdings habe sich ihre Einsatzzeit verkürzt. Dadurch würden die Kosten des Einsatzes von 20 Millionen Euro im vergangenen Jahr wahrscheinlich unterschritten. Im kommenden Jahr werde es aller Voraussicht nach keinen Castor-Transport geben. Das hatte es allerdings auch schon in diesem Jahr geheißen - und dann kam es doch zu einem Atomtransport nach Gorleben.

Insgesamt hätten im Wendland rund 3500 Demonstranten gegen den Castor-Transport protestiert, sagte Schünemann. Darunter seien 700 bis 800 "gewaltgeneigte Störer" gewesen. Die Aggressivität der Castor-Gegner habe gegenüber dem Vorjahr teilweise zugenommen, so der Minister. Polizisten seien mit Steinen beworfen worden. Zudem habe es auch Proteste gegeben, die als Sabotage zu werten seien. Der überwiegende Teil der Demonstranten sei allerdings friedlich geblieben.

Lüneburgs Polizeipräsident Friedrich Niehörster sagte, er habe den Eindruck, dass der Protest zugenommen habe. Die Demonstranten seien auch aggressiver gegen Polizisten vorgegangen. Drei Beamte seien schwer verletzt worden. Nach Angaben Niehörsters wurden zehn Castor-Gegner festgenommen und rund 200 Menschen in Gewahrsam genommen.

Nach Angaben von Sanitätern wurden während der Proteste in den vergangenen Tagen 146 Menschen verletzt, davon vier schwer. Der Anwaltliche Notdienst warf den Einsatzkräften vielfachen Rechtsbruch vor. "Wir sind komplett an der Arbeit gehindert worden", sagte eine Sprecherin. Das Verhalten der Polizei zeige, dass das Wendland eine "Sonderrechtszone" sei. So hätten Beamte während einer Blockade-Aktion in Langendorf zwei Rechtsanwälte der Anti-Atomkraft-Gruppen in Gewahrsam genommen.

Gegen den Castor-Straßentransport von Dannenberg nach Gorleben protestierten nach Einschätzung der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI) mehr Menschen als im Herbst 2005. Weit mehr als 2000 Demonstranten hätten sich in der Nacht zum Montag entlang der 20 Kilometer langen Strecke an den Aktionen beteiligt, sagte BI-Sprecher Francis Althoff in Trebel. Der Polizeileitung warf er vor, ihre Beamten "in einigen Situationen nicht unter Kontrolle gehabt zu haben". So hätten Zivilfahnder bei Quickborn einen Landwirt mit gezogener Waffe aus einem Auto geholt sowie ihn und seinen Sohn mit Pfefferspray verletzt.

Nach Darstellung von X-tausendmal quer mussten die Lokführer des Atomzugs auf dem Weg von Frankreich zum Verladebahnhof in Dannenberg "viele Male auf die Bremse treten": Atomkraftgegner in Frankreich, in Süd- und Norddeutschland hätten mit Blockaden und Mahnwachen auf und an den Gleisen Verzögerungen erwirken können.

Bei einer Aktion hingen Aktivisten der Umweltschutzorganisation Robin Wood über der Bahnstrecke an einem Seil in einem Klettergurt. Nach Darstellung von Robin Wood musste der Atomzug bremsen und konnte die Stelle erst passieren, nachdem die Aktivisten "aus dem Seil geholt waren; seine Weiterfahrt verzögerte sich daher um etwa zwei Stunden", so Robin Wood.

"Natürlich war es unangenehm, bei Regen und Kälte in dem Klettergurt zu hängen und von Polizisten rüde geräumt zu werden", so Christof Neubauer, einer der kletternden Atomkraftgegner, zur Begründung. "Es ist aber allemal besser sich so zu wehren, als hinzunehmen, dass jeden Tag neuer Atommüll hinzu kommt, Schrottreaktoren am Netz bleiben und Gorleben zum Atomklo wird."

Trotz des großen Polizeiaufgebotes habe man "entschlossen und gewaltfrei" die Straße am Verladekran erreicht und 17 Stunden lang blockiert", beschrieb Jens Magerl von der wendländischen Inititaive Widersetzen die große Sitzblocke. Obwohl die letzten Castorbehälter bereits um 0.40 Uhr von der Schiene auf die Schwerkraftlastwagen umgeladen worden seien, habe der Transport erst nach der Räumung gegen halb 5 am Montag morgen losrollen können.

Die Bäuerliche Notgemeinschaft berichtet über einige ihrer Mitglieder, denen es gelungen sei, "durch tatkräftige Unterstützung der wendländischen Bevölkerung, den Einsatzkräften ein Schnippchen zu schlagen und ihnen ihre Castor-Suppe kräftig zu versalzen". Trotz massiven Polizeieinsatzes "mit Repressionen und Bespitzelung, weiträumiger Versammlungsverbote und Einschüchterungsversuchen bereits im Vorfeld des Castortransportes", habe erneut die Straßentransportstrecke auf der Süd-Route blockiert werden können.

Es sei eine "fahrbare Betonpyramide" zum Blockieren entwickelt. Die wendländischen Pyramiden wurden mit den Symbolen der vier Stromkonzerne EON, Vattenfall, RWE und EnBW versehen, "um die Aufmerksamkeit auf die Verantwortlichen der lebensverachtenden Atomtechnik zu lenken. Für die Blockierer stehen die Pyramiden von Gizeh als Zeichen für die Vergänglichkeit aller von Menschenhand geschaffenen Werke, sie bröckeln bereits nach nur 4000 Jahren. Aber Stromkonzerne und Politiker maßen sich an, die Sicherheit von hochradioaktiven Atommüll über 100.000 Jahre zu garantieren", kritisiert die Bäuerliche Notgemeinschaft.

Nach dem Störfall im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark, der geplanten Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken und der Aufhebung des Moratoriums für den Salzstock Gorleben gelte für die bäuerlichen Aktivisten um so mehr: "Wir handeln in Notwehr." Sie fordern: "Schluss mit der Entsorgungslüge und der Produktion von weiteren Atommüll."

Die Atomkraftgegner sind auch sauer auf Umweltminister Sigmar Gabriel, der ausgerechnet am Sonntag verkündet habe, dass er bereit sei, unverzüglich die Erkundung des Salzstocks in Gorleben wieder aufzunehmen, um die Endlagerfrage voranzubringen. "Gabriel liegt aber falsch, wenn er meint, der Ärger der Menschen im Wendland richte sich nur dagegen, dass Gorleben als Endlager quasi vorbestimmt sei", kritisieren Atomkraftgegner im Wendland.

"Umweltminister Gabriel versucht sich da an einer unglaublichen Verdrehung der Tatsachen", meint Stay. "Es kann kein sicheres Endlager geben und dass Gorleben zu den besonders ungeeigneten Orten zählt, ist bereits offensichtlich. Gabriels Vorstoß zu dieser Zeit ist jedoch noch schlimmer. Die Energiekonzerne haben den so genannten Atomkonsens dreist aufgekündigt und wollen mit Schrottreaktoren große Gewinne machen. Wenn ihnen Gabriel jetzt noch ein "Endlager" dazu schenkt, haben wir den atompolitischen Super-GAU."

Die Umweltschutzorganisation Robin Wood fordert von Gabriel, er solle "endlich anerkennen, dass der von den Energiekonzernen geforderte Standort Gorleben weder politisch durchsetzbar noch geeignet ist, den Jahrtausende lang strahlenden Müll sicher von der Umgebung abzuschirmen".

Jochen Stay, Sprecher der Initiative X-tausendmal quer, sagte am Sonntag: "Von Protestverdrossenheit ist hier nichts zu spüren. Schon am Samstag war mehr los im Wendland als in den letzten Jahren. Die Sitzblockade ist schon deshalb ein Erfolg, weil so viele sie zu ihrer gemeinsamen Sache machen."

Die Bäuerliche Notgemeinschaft teilte mit, dass sie sich seit fast 30 Jahren an dem Protest gegen die Atomanlagen in Gorleben beteiligt. "Bereits die dritte Widerstandsgeneration nimmt an den Aktionen gegen den Castortransport teil." Der Widerstand im Wendland kenne keine Nachwuchsprobleme.

Alle Unkenrufe, der Widerstand im Wendland werde nach nun fast 30 Jahren nachlassen, haben sich erneut als falsch erwiesen, meint auch Robin Wood. "Tausende AtomkraftgegnerInnen ließen sich von rund 16.000 PolizistInnen, dem großflächigen Demonstrationsverbot und dem November-Schmuddelwetter nicht abschrecken, mehrere Tage und Nächte im Wendland zu demonstrieren. Allein auf der großen Kundgebung am Samstag vor dem Zwischenlager hatten sich rund 6.000 Menschen versammelt."