Sex in den Medien: Ex-Model vollzieht Wandel

Silicon und Erfolg

Das frühere französische Model Laetitia Casta beklagt laut Frankfurt Rundschau, dass das Thema Sex so inflationär verwendet wird. Früher, so das Topmodel, habe man sich bereits beim Anblick eines nackten Busens echauffiert. Heute dominiere Sex die gesamte westliche Geslleschaft. Sie selbst hat mit ihrer Freizügigkeit für viel Furore gesorgt. Fast durchsichtige Kleider, viel Haut und Dessous waren ihre Domäne. Ende 2010 erst ging eine Ausstellung mit Aktfotos der Französin zu Ende. Was Casta letztlich dazu bewogen hat und ob sie wirklich eine innere Wandlung vollzogen oder einfach nur eine in diesem Fall wörtliche neue Rolle gefunden hat, bleibt unbeantwortet. Die Geschichte einer wundersamen und höchst notwendigen Wandlung oder ein weiteres Beispiel für kognitive Dissonaz?

Wenn man sich ansieht, was heute durch die Mainstream-Medien gespült wird und erfolgreich ist, so drängt sich einem ein sehr fragwürdiges Bild mit bitterem Beigeschmack auf. Was künstlich und überbetont, oberflächlich und substanzlos daherkommt, kann sich flächendeckender Beliebtheit gewiss sein. Dabei werden Rollenbilder vermittelt, die dem Normalsterblichen vor allem suggerieren, wie durchschnittlich und unbedeutend er ist. Ist es nicht die Welt der Promis, die uns permanent und glamourös als das einzig erstrebenswertes Ziel vor die Nase gehalten wird - wie der Fleischköder dem Windhund bei einem Hunderennen?

Kunstfiguren wie Kate Upton, die mit 19 bereits ein hochbezahltes Topmodel ist und mit aufreizenden Kampagnen für eine Hamburger-Kette und eine Kopfhörer-Marke geworben sowie auf sich aufmerksam macht, zeigen uns, wie es geht. Auch deutsche Erzeugnisse wie Daniela Katzenberger, die, ebenso wie Kate Upton, in ihren Körper investiert und sich Doppel-D Silicon-Brustimplantate zugelegt hat, ergänzt ihren durch tätowierte Augenbrauen und andere künstlichen Accessoires komplettierten Martkwert. Mit offensichtlichem Erfolg. Ihr Buch "Sei schlau, stell Dich dumm", das von einem Ghostwriter geschrieben wurde, vermittelt eine Persönlichkeit, die - im Gegensatz zu ihrem Äußeren - besonders natürlich, sympatisch und lebendig zu sein scheint. Dat nette Mädsche von newwean. Und das Buch verkauft sich unfassbar gut. Der Bedarf an solchen zweifelhaften Inhalten ist offensichtlich gigantisch.

Aber auch Micaela und Indira, deren Boxkampf mit dem Titel "Luder-Kampf mit Sillikon-Brüsten" in der Zeitung Die Welt beschrieben wird, zeigen, wie sehr es sich lohnt, männliche und inzwischen von vielen Frauen annektierte Vorstellungen zu bedienen. Ihnen winken Geld, Erfolg und eine gewisse Macht. Macht über die Männer, die es erregt, wenn sich zwei attraktive Frauen mit extensiver Oberweite im Ring gegenseitig die hübschen Gesichter zerschlagen und damit dem männlichen Ideal von Kampf und Stärke entsprechen, geschmückt mit überdimensioniert ausgeprägten weiblichen Attributen. Aber auch Macht über die anderen Frauen, die noch sehr jung sind und ebenfalls versuchen, diesem Ideal nach Kräften zu entsprechen.

Was sie in keiner Weise sehen ist, dass sie sich zu Massentäterinnen an diesen jungen, wie auch an vielen anderen Frauen machen, die eine Entwicklung echter weiblicher, aber auch männlicher Werte (bei denen, die glauben, so müsse eine Fraue sein) verhindern. Besonders weil sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, tragen sie eine Verantwortung, der sie in keiner Weise gerecht werden. Wenn jungen Mädchen ein solch degeneriertes Frauenbild als Ideal vermittelt wird, dem sie nacheifern sollen, ist das ein Verbrechen an deren Identifikationsprozess. Zumal implizit das Diktat vermittelt wird, dass nur die Frauen erfolgreich sein können, die sich diesen kranken, unreflektierten und männlichen Fantasien unterwerfen. Dass sie sich dabei selbst zu größten Teilen verleugnen und verdrängen müssen, ist nicht Bestandteil der öffentlichen Wahrnehmung.

Ganz zu schweigen von den vielen, die nie auch nur in die Nähe einer solchen Idealvorstellung kommen und folglich auf der Strecke bleiben. Natürlich werden auch sie mit aller Kraft versuchen, zumindest ein paar der Attribute für sich zu erobern, um ihr vorprogrammiertes Gefühl der Minderwertigkeit so gut wie möglich zu kompensieren. Seien es gepimpte Fingernägel, gezupfte oder gar ganz abrasierte und dann mit einem Spezialstift nachgezogenen Augenbrauen, regelmäßige Solariumbesuche oder andere der zahlreich angeboteten Mittel der künstlichen "Verschönerung". Von gerade moderner Markenkleidung, Schuhen und anderen Verschönerungsprothesen ganz zu schweigen.

Aber müssen wir diesen Frauen nicht dankbar sein, dass sie den restlichen Menschen ein so schlechtes Gefühl mitbringen und auf diese Weise die Wirtschaft weiter wachsen sowie jedes Jahr mit weiteren Rekordumsätzen brillieren lassen? Und zeigen sie uns nicht Tag für Tag, dass wir nur unsere natürlichen Eigenschaften so gut es geht unterdrücken oder gleich ganz loswerden müssen, um erfolgreich, glücklich und bedeutsam zu sein? Oder zeigen sie uns nur in Personalunion die ganze Absurdität unserer Realität, in der vor allem das erolgreich sein kann, was destruktiv und ausbeuterisch ist?

Wenn wir den Blick heben und auch die in unsere Wahrnehmung einbeziehen, die völlig aus dem Raster gesellschaftlichen Wetteiferns fallen - geistig und körperlich behinderte Menschen - dann können wir ermessen, wie vernichtend dieses Spiel mit scheinbarer, künstlicher Perfektion ist. Wie perfide es uns alle entwürdigt und degradiert. Uns, die wir nicht von der Boulevardpresse und Paparazzi verfolgt werden. Oder wie die nach Ruhm, Erfolg und Medienpräsenz lechzenden Teenies von DSDS, die von Typen wie Dieter Bohlen verbal angespuckt werden, um damit eine nach Erniedrigung anderer geifernde Masse zu befriedigen. Panem et circenses: Brot und Spiele.

Es bleibt abzuwarten, ob andere Marionetten dieser Entwürdigungsindustrie dem Beispiel Laetitia Castas folgen und sich trauen eine Wandlung zu vollführen. Das ehemalige Topmodel möchte von nun an als Schauspielerin vor allem Frauenbilder verkörpern, die mehr sind, als schöne, aufpolierte Hüllen, ohne Seele und Verstand. Sie möchten den Frauen eine andere Stimme geben als die des bloßen Sexspielzeugs, des lasziven Vamps, sinnliche Verführung verheißend. Ein Bild, dem solche Frauen in der Realität oft in keiner Weise standhalten.

Ob ein solcher Wandel auch bei einer Kate Upton oder eine Daniela Katzenberger möglich werden wird? Irgendwann vielleicht. Wenn ihnen der Erfolg und die unterwürfige Bewunderung nicht mehr permanent und von allen Seinen förmlich aufgedrängt wird - und ihnen dabei vor allem im Weg steht. Die Erfahrung zeigt, dass solche Wandlungen in der Regel erst möglich werden, wenn der Zahn der Zeit auch die ausgefeiltesten schönheitschirurgischen Eingriffe nicht mehr zum erwünschten Ergebnis kommen lässt und die Frauen feststellen, dass auch eine noch so perfekt aufpolierte äußere Hülle nicht vor dem Altwerden schützt. Wenn sie dann feststellen, dass sie besonders die Leere in sich kultiviert und verdrängt haben, bleibt oft nur ein schmerzhaftes Erwachen - oder die Flucht ins Vergessen.

Oliver Rückemann

Seit mehr als 11 Jahren freier Berater - Autor des Buches "Ökolution 4.0 - Wirtschaftliche und gesellschaftliche Imperative in Zeiten ökologischer und ökonomischer Krisen"