Ein Schutz von Atomkraftwerken und Zwischenlagern ist nicht möglich

Zum Risiko eines Terroranschlags auf deutsche Atomkraftwerke

Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW legte zum Risiko von Flugzeugabstürzen und Terroranschlägen ein Hintergrundpapier vor, das ngo-online im Wortlaut dokumentiert.

1. Die reale Gefahr von gezielten und ungezielten Flugzeugabstürzen

Die Möglichkeit eines Terroraktes auf eine Atomanlage durch ein Verkehrsflugzeug ist keine Fiktion: Am 11. November 1972 wurde in den USA eine Verkehrsmaschine entführt. Nur gegen die Zahlung von 10 Millionen Dollar Lösegeld konnte die Regierung damals verhindern, dass das Flugzeug über dem Oak Ridge National Laboratory zum Absturz gebracht wurde. Durch den Absturz hätte nach damaliger Einschätzung so viel Radioaktivität freigesetzt werden können, dass der Staat Tennessee für Jahre unbewohnbar geworden wäre. Tausende von Wissenschaftlern hätten ihr Leben und ihre Gesundheit verloren (Quelle: Nachrichtenmitteilungen von Presse und Fernsehen am Abend des 12.11.1972).

In einem dem Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) und der IPPNW aus Regierungskreisen zugespielte Liste mit Sicherheitsdefiziten deutscher Atomkraftwerke vom 22. Januar 2000 wird zahlreichen Anlagen eine mangelnde Auslegung gegen Flugzeugabstürze bescheinigt. Bei den Atomkraftwerken Obrigheim und Stade heißt es „fehlende Auslegung gegen Flugzeug-absturz", bei Biblis A und B, Brunsbüttel, Isar-1, Philippsburg-1 und Krümmel heißt es: „fehlende bzw. unzureichende Auslegung gegen Flugzeugabsturz". Dem Atomkraftwerk Neckarwestheim-1 wird eine „fehlende Auslegung gegen Flugzeugabsturz" bescheinigt (Quelle BBU/IPPNW 2000).

Der Atomkritiker Holger Strohm weist darauf hin, dass sich bei einem Flugzeugabsturz die Düsen vom Rumpf eines Flugzeugs trennen können und mit enormer Wucht Gebäude und Schutzwände eines Atomkraftwerks durchschlagen können.

Das Institut für Reaktorsicherheit (IRS) in Köln (die heutige Gesellschaft für Reaktorsicherheit/GRS) kam 1971 in einem internen Gutachten für das Atomkraftwerk Unterweser zu dem Schluß, dass Flugzeugabstürze eine reale Gefahr darstellen: „Während das Risiko der Beschädigung eines Kernkraftwerkes durch Abstürze im allgemeinen ... als akzeptabel gelten kann, läßt die hier als ‘außergewöhnlich’ bezeichnete Dichte des Flugverkehrs den Schluß zu, daß im Falle des Kernkraftwerkes Unterweser die Grenzen des akzeptablen Risikos berührt, möglicherweise sogar überschritten wird" (Quelle: IRS 1971, Gutachten über die Sicherheit des 1300-Mwe-Kernkraftwerkes mit einem KWU-Druckwasserreaktor für Standort Esenshamm).

Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) plädierte 1978 als Schutz vor Flugzeugabstürzen und Bombenangriffen dafür, dass Atomkraftwerke unterirdisch angelegt werden: Man kann „aus den bekanntgewordenen Ergebnissen ableiten, daß z.B. bei der bodeneingebetteten Bauweise ein erhöhtes Schutzpotential gegenüber äußeren Einwirkungen erreicht werden kann. Das erscheint auch aus der Anschauung verständlich, wenn man an bis zu 10 m hohe Überschüttungen gegebenenfalls noch mit aufliegender Betonschildplatte denkt. Ein abstürzendes Flugzeug erreicht dann nicht mehr das umgebende Bauwerk, vielmehr wird nur die resultierende Belastung mit einer durch das Schüttgut veränderten Charakteristik auf das Bauwerk einwirken. Eine derartig überschüttete Anlage kann auch gegen die Einwirkung konventioneller Bomben geschützt sein" (Quelle: GRS 1978: Das umgebende Gebäude des Sicherheitsbehälters als Bestandteil des Sicherheitseinschlusses).

Eine erste Diskussion der Reaktorsicherheitskommission des Bundes nach dem Flugzeugattentat auf das World Trade Center hatte zum Ergebnis, dass es für gezielte Flugzeugabstürze auf Atomkraftwerke „keine Analysen" gibt und „dass ein absoluter Schutz illusorisch sein dürfte" (Quelle: taz 15.9.2001).

Deutsche Atomkraftwerke wurden lediglich für Militärflugzeuge mit sechs Tonnen Kerosin an Bord ausgelegt. Etwas ganz anderes wäre, wenn ein Langstreckenairbus mit bis zu 350 Tonnen Kerosin auf eine Atomanlage stürzen sollte.

Heinz-Peter Butz von der Kölner Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) bestätigt, dass der Absturz eines Passagierjets bei den Sicherheitserwägungen für deutsche Atomkraftwerke ausgeklammert worden sei, da er als extrem unwahrscheinlich galt. Die Chancen, dass ein modernes Atomkraftwerk auch einem gezielten Kamikaze-Angriff bei Maximalgeschwindigkeit standhalten könne, seien deutlich geringer als bei einer kleinen Militärmaschine (Quelle: FR 13.09.2001).

Der Vorsitzende der Reaktorsicherheitskommission des Bundes, Lothar Hahn, wird von der Frankfurter Rundschau mit der Aussage wiedergegeben, dass bei einem Durchschlagen der Sicherheitshülle eines Atomkraftwerks die Folgen nicht mehr beherrschbar seien (Quelle: FR 13.09.2001).

Abgesehen von den Atomkraftwerken ist auch völlig unklar, wie lange die atomaren Castor-Behälter eines Zwischenlagers einem über 1000 Grad heißen Kerosinbrand nach einem Flugzeugabsturz standhalten würden. Laut Gesetz müssen sie derartigen Temperaturen lediglich 30 Minuten lang widerstehen. Das Kerosinfeuer im Innern des World Trade Center brannte aber wesentlich länger. Die Castor-Behälter sollen in den geplanten neuen Zwischenlagern bei den Atomkraftwerken in einfachen „Mehrzweckhallen" gelagert werden (Quelle: taz 15.9.2001).

2. Weitere Terrorakte

Wie leicht Saboteure in deutsche Atomkraftwerke eindringen können, machte im Juni 1975 Werner Twardzig deutlich. Er marschierte mit einer Panzerfaust in das Atomkraftwerk Biblis und präsentierte sie dort dem Direktor und der anwesenden Presse.

Aus Munitionsdepots der Bundeswehr wurden bereits des öfteren Panzerabwehrraketen gestohlen. Diese Raketen sind genügend stark, um die Abschirmungen eines Atomkraftwerks zu durchschlagen. Mit tragbaren Lenkwaffen, wie z.B. der „Pars-Sagger", lassen sich noch aus drei Kilometer Entfernung meterdicke Betonwände durchschlagen (Quelle: W. Knigge 1980, Kritik zur Atomenergie und Schadstoffbelastung der Bundesrepublik Deutschland).

Harald Schäfer wurde 1977, damals Vorsitzender der Arbeitsgruppe Reaktorsicherheit und Strahlenschutz des Innenausschusses des Deutschen Bundestages, vom SPIEGEL (Nr. 43) mit einer Warnung vor Sabotageakten wiedergegeben. Die deutschen Atomkraftwerke könnten bei Anwendung entsprechender Waffen, z.B. von Hohlladungsgeschossen, im Falle eines militärischen Angriffs oder möglicher terroristischer Anschläge zielsicher zerstört werden.

Ein Sabotageabwehroffizier der US-Marine, Bruce L. Welch, sagte vor einem Hearing des Joint Congressional Committee on Atomic Energy am 15. März 1974: „Ich könnte mir 3 oder 5 Mann aus einem Ex-Marinesprengkommando, Marinespähtrupp oder Green Beret Kommando willkürlich heraussuchen und praktisch jedes Atomkraftwerk in diesem Lande sabotieren ... Es gäbe keinen Weg, uns daran zu hindern ..." Ein besonders günstiges Ziel seien die Kühlwassereinlaufrohre eines Atomkraftwerks. Durch die Schockwellen von Zeitbomben könnten nicht nur die Rohre, sondern auch Pumpen und Ventile zerstört werden. Als weiteres geeignetes Angriffsziel nannte Bruce die Abklingbecken für Brennstäbe, das sich leicht zerstören ließe (Quelle: B.L. Welch 1974, Statement Before the Joint Committee on Atomic Energy, Arch. 28).

Der Vorsitzende der Reaktorsicherheitskommission des Bundes, Lothar Hahn, sagte im Interview mit der Berliner „tageszeitung (taz)", die deutschen Atomkraftwerke seien gegen kriegerische Einwirkungen und gegen Terroranschläge „nicht geschützt". Er betonte zudem, dass auch die gegen äußere Einwirkungen nur geringfügig ausgelegten Nebengebäude der Atomkraftwerke sicherheitstechnisch „teilweise sehr sensibel" seien (Quelle: taz 15.9.2001).

3. Schlußfolgerungen und Forderungen der IPPNW

Die jüngsten Ereignisse in den USA, weitere konkrete Erfahrungen mit Atomkraftwerken und die ersten Analysen von Sicherheitsexperten in Deutschland zeigen, dass die langjährigen Warnungen der atomkritischen Verbände vor Terroranschlägen auf Atomanlagen alles andere als unbegründet waren.

Wieder einmal zeigt sich, dass auch als unwahrscheinlich geltende Ereignisse irgendwann einmal eintreten. Angesichts der Folgen ist aber bei Atomkraftwerken ein derartiges Risiko nicht hinnehmbar.

Gerade dann, wenn Deutschland sich jetzt an einem militärischen Rachefeldzug der USA beteiligen sollte, würde das Risiko gezielter Terroranschläge auf empfindliche Einrichtungen in Deutschland dramatisch ansteigen.

Die atomkritische Ärzteorganisation leitet daraus zwei Forderungen ab:

1. Die deutschen Atomkraftwerke sind aus Sicherheitsgründen stillzulegen.

2. Die neuen atomaren Zwischenlager dürfen nicht genehmigt und gebaut werden.