"Senat verhöhnt ehrenamtliches Engagement"

Milliarden für Bank, kein Geld für Jugend

Die Milliarden-Bürgschaften des Landes Berlin für die nach dem CDU-Bankenskandal notleidende Bankgesellschaft bei gleichzeitigen drastischen Einsparungen im Sozialbereich treffen auf herbe Kritik. "Nach den schönen Reden der PolitikerInnen anlässlich des internationalen Jahres der Freiwilligen 2001 verhöhnt der Senat mit den aktuellen Sparmaßnahmen das Engagement von 85.000 freiwillig und ehrenamtlich Engagierten in den Berliner Jugendverbänden", meint Heiko Kleyböcker, Vorsitzender des hauptstädtischen Landesjugendrings. Einer Studie des Bundesministeriums zufolge engagiert sich jede und jeder dritte Jugendliche in Deutschland durchschnittlich 6 Stunden pro Woche freiwillig und ehrenamtlich. Würde man dieses Engagement in Berliner Jugendverbänden mit 10 Euro pro Stunde entlohnen müssen, ergäben sich über 265 Millionen Euro, die allein diese in der Kinder- und Jugendarbeit erbringen. Mit diesem Einsatz trügen junge Menschen wesentlich zur sozialen Grundversorgung bei. Der Senat wolle aber noch nicht einmal die nötige Infrastruktur finanzieren und kürzt statt dessen mehr als eine Million Euro "an der Kernsubstanz jugendlicher Selbstorganisation".

"Es kann nicht angehen, die Arbeit ehrenamtlich Aktiver in der Kinder- und Jugendarbeit mit schönen Worten abzuspeisen, für die Bankgesellschaft aber mit Milliardenbeträgen zu bürgen. Freiwilliges und ehrenamtliches Engagement muss konkret mit Taten und finanziellen Mitteln unterstützt werden", sagt Peter Bohl, Geschäftsführer des Landesjugendrings. Hinter jedem Ehrenamt und jeder freiwilligen Tätigkeit stecke eine Struktur, die grundfinanziert werden müsse: Ausbildung, Sachmittel, Unterstützung auf unterschiedlichsten Ebenen müssten bereit gestellt werden. Hier weiter zu streichen, bedeute das Aus für Angebote von Jugendverbänden: die Leitung von Kinder- und Jugendgruppen, für die Betreuung von Ferienfreizeiten, für außerschulische und interkulturelle Bildung und vieles mehr.

Bohl nennt als Beispiel die sozialpädagogischen Kinder- und Jugendfreizeiten: "Mit viel ehrenamtlichem Einsatz und hoher Kompetenz werden Ferienfreizeiten organisiert." Doch der Senat will in diesem Jahr schlappe 361.400 Euro kürzen. Wenn beispielsweise Eltern ihrem Kind eine 14-tägige Freizeit ermöglichen wollen, müssen sie künftig pro Kind 70 Euro mehr bezahlen. Ab dem nächsten Jahr soll gar nichts mehr bezuschusst werden. "Für über 5.000 Berliner Kinder und deren Eltern bedeutet das, dass sie Kinder- und Jugendfreizeiten künftig bei teureren an Kommerz orientierten Reiseunternehmen buchen müssten", kritisiert der Zusammenschluss der Berliner Jugendverbände. Der Senat verweist darauf, dass die Förderung nicht zielgerichtet sei. Bedürftige sollten zum Sozialamt gehen.

"Gesetzwidrig", lautet die Kritik des Landesjugendrings. Eben gerade diesen Weg zu vermeiden, bilde den präventiven Auftrag des Kinder- und Jugendhilfegesetzes: Jedes Kind habe ein Recht auf Unterstützung - "und nicht erst dann, wenn es in den Brunnen gefallen ist".

Viele Kinder werden ihren Sommer künftig auf Berlins Straßen verbringen, so die Prognose. Realistischerweise müsste man sagen: noch mehr. "Diese Kinder verpassen die großen Erfahrungen von Solidarität, Freundschaft und Abenteuer, welche jedes Kind von einem Zeltlager mit nach Hause bringt", gibt der Landesjugendring seine Bedenken zu Protokoll. Diese Erfahrungen bildeten die Grundlage des erwachsen Werdens junger Menschen als eigenständige und gemeinschaftsfähige Persönlichkeiten und sind das Ziel der Kinder- und Jugendförderung. Gute Nacht, Deutschland?