WWF: Seehunde sind hoher Schadstoffbelastung in Nord- und Ostsee ausgeliefert

Giftige Last für kleine Heuler

Das aktuelle und nachweislich durch den Seehundstaupevirus PDV (Phocine Distemper Virus) ausgelöste Seehundsterben in Dänemark und Schweden ist nach Meinung des WWF mit großer Wahrscheinlichkeit auf die hohe Belastung der Tiere mit Schadstoffen zurückzuführen. Bislang wurden etwa 300 tote Tiere gefunden. Behörden, Umweltschutzorganisationen und Wissenschaftler befürchten, dass die Seuche bis Ende Juni auf die deutschen Küsten in Niedersachsen und Schleswig-Holstein übergreifen wird, und warnen vor ähnlich verheerenden Ausmaßen wie bei der Massenerkrankung von Seehunden im Jahre 1988.

Zwar ist ein direkter Zusammenhang zwischen der Schadstoffbelastung der Tiere und dem nun zu beobachtenden Seehundsterben nicht endgültig nachweisbar, für Patricia Cameron, Expertin für Meeresumweltschutz und Chemikalienpolitik beim WWF, liegen die Ursachen für die derzeitige Situation jedoch klar auf der Hand: "Seehunde haben einen hohen Körperfettgehalt und stehen am Ende der Nahrungskette. Beides führt dazu, dass sich organische Schadstoffe wie PCBs , TBT oder bromierte Flammschutzmittel zu gefährlich hohen Konzentrationen in den kleinen Körpern anreichern."

Die genannten Substanzen können laut Cameron in das Hormonsystem der Tiere eingreifen und Störungen der Immunabwehr hervorrufen. Die Folge: Das Immunsystem der pelzigen Meeressäuger werde so stark geschwächt, dass sie immer anfälliger für Krankheiten wie die nun grassierende Seehundstaupe werden. Verbunden mit einer hohen Populationsdichte könne das Auftreten einer Viruserkrankung dann schnell zu einer Massenepidemie führen.

Patricia Cameron weiter: "Unsere Meere sind quasi die Auffangbecken für alle Umweltgifte. Die Seehunde sind die Leidtragenden dieser vom Menschen verursachten Bedrohung." Die an PDV erkrankten Tiere husten sich buchstäblich zu Tode und sterben nach einer qualvollen Leidenszeit schließlich an Lungenentzündung. 1988 starben so im deutschen, dänischen und niederländischen Wattenmeer über 8.000 Seehunde, etwa 60 Prozent des damaligen Bestands. Heute leben im gesamten Wattenmeer wieder rund 20.000 Tiere, davon 7.500 in Schleswig-Holstein und 6.200 in Niedersachsen.

Um die Schadstoffbelastung der Meere und der in ihnen lebenden Schnecken, Fische und Meeressäuger zu verringern, fordert der WWF den sofortigen Verwendungsstopp von so genannten Dauergiften: "Wir plädieren für die strikte Anwendung des Vorsorgeprinzips: Um Umweltkatastrophen wie den erneut drohenden Massentod von Seehunden künftig zu verhindern, dürfen Chemikalien, die giftig sein können und sich in Organismen anreichern, nicht mehr in die Umwelt gelangen", so Patricia Cameron. Umweltgifte wie zum Beispiel bromierte Flammschutzmittel werden unter anderem in Fernsehern oder Computern verwendet. Ihre hormonelle Wirksamkeit kann bei Seehunden neben Immunstörungen auch Schädigungen des Fortpflanzungssystems und damit Unfruchtbarkeit hervorrufen.