Entwicklungshelfer enthüllen: Wer demonstriert bekommt keine Lebensmittel

Argentinien

Der Fall Argentinien wird sowohl beim dieswöchigen Weltwirtschaftsgipfel in Davos wie auch dem gleichzeitig im brasilianischen Porto Alegre stattfindenden Gegengipfel der weltweiten Zivilgesellschaft, dem Weltsozialforum, besondere Aufmerksamkeit finden. Jürgen Reichel vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) berichtet nach einer Reise: "Hier in Argentinien haben wir Kinder im zweiten Grad der Unterernährung gesehen, die an diesem Tag nichts zu essen bekommen haben", obwohl das Land als einer der stärksten Wirtschaftsstandorte Südamerikas galt. Die Wirtschafts- und Sozialpolitik Argentiniens ist im hohen Maß von den Vorgaben internationaler Organisationen, allen voran dem Internationalen Währungsfonds (IWF) abhängig, bei dem das Land hoch verschuldet ist.

Die jetzt in der Hauptstadt Buenos Aires und den Provinzen Tucuman und Santiago del Estero durchgeführte Untersuchung lokaler Organisationen, des EED und FIAN soll internationale Aufmerksamkeit für die Ernährungssituation in einem Land schaffen, das zehnmal mehr Nahrungsmittel produziert, als für die eigene Bevölkerung benötigt wird. Dennoch hungern Millionen von Menschen und einem Viertel der Haushalte mangelt es an Grundnahrungsmitteln.

"In allen Teilen des Landes mussten Schulspeisungen eingeführt werden. Die Verteilung von Nahrungsmitteln reicht aber bei weitem nicht aus," stellt Jürgen Reichel vom EED fest. "Die Lebensmittel für die tägliche Schulspeisung werden nach politischen Einstellungen vergeben. In Tucuman zum Beispiel nehmen die Eltern an den in ganz Argentinien gängigen piquetes , kurzzeitigen Straßensperrungen teil, um auf die Verelendung aufmerksam zu machen. Die Nahrungsmittelhilfen für diesen Stadtteil wurden daraufhin nur unregelmäßig ausgegeben."

Politiker in Argentinien setzten nach Ansicht von Reichel den Hunger als Instrument ein, um politisches Wohlverhalten zu erzwingen. Das sei auch nach Ansicht vieler lokaler Organisationen eine weit verbreitete Praxis: "Über die Zuteilung von Hilfsgütern wird nicht durch die Behörden, sondern durch Parteiemissäre entschieden. Überall im Land werden Eltern und Lehrer dazu noch vor die Wahl gestellt, sich zwischen dem Hunger ihrer Kinder oder genmanipulierten Nahrungsmittelspenden zu entscheiden: Den Organisationen, die Schulspeisungen vornehmen, wird weitflächig unter dem irreführenden Titel "Solidarisches Soya" genmanipuliertes Soya zur Verfügung gestellt", so Reichel.

Sofia Monsalve von FIAN International berichtet im Rahmen der Untersuchung von Repressionen zur Vertreibung der Landbevölkerung. Seit zwei Jahren müssten sie sich gegen Übergriffe von Spekulationsfirmen zur Wehr setzen, die das Land oft nur kaufen, um die derzeitigen Besitzer zu verdrängen. Auch gewalttätige Übergriffe seien vorgekommen. "Viele Menschen in Argentinien fühlen sich vom eigenen Staat verraten", berichtet Sofia Monsalve.

In Porto Alegre werden FIAN International und EED gemeinsam mit argentinischen Organisationen ein Forum zur Lage Argentiniens und zum Zusammenhang von Hungersnot, Verantwortungslosigkeit von Politikern, der Handlungsunfähigkeit des Staates und seiner Abhängigkeit von internationalen Organisationen veranstalten.