Überraschend negative Ergebnisse mit Genpflanzen in Großbritannien

Gen-Lebensmittel

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE übt der frühere britische Umweltminister Michael Meacher scharfe Kritik am Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft, obwohl er als Umweltminister 1999 die Großversuche mit genetisch modifizierten (GM) Pflanzen initiiert hatte. Michael Meacher, 64, ist seit 1970 Abgeordneter der Labour Party im Unterhaus und diente bereits in der Regierung von Premierminister Harold Wilson in den siebziger Jahren als Staatssekretär. Von Mai 1997 bis Juni 2003 gehörte er der Regierung Tony Blairs als Staatsminister für Umwelt an.

Auf die Frage nach den Ergebnissen der Studien antwortete Meacher: "Es wurden Raps, Zuckerrüben und Mais getestet, wobei jeweils eine Hälfte des Feldes mit konventionellen Pflanzen bebaut und konventionellen Pestiziden besprüht wurde, die andere mit GM-Pflanzen und den Pestiziden, gegen die sie resistent sind. Als die Wissenschaftler die Versuche entwickelten, erwarteten sie keine signifikanten Unterschiede. Die Unterschiede haben sich als beachtlich herausgestellt. Der modifizierte Raps und die Zuckerrüben wurden mit Breitbandmitteln bearbeitet, die alles niedermachen außer der modifizierten Pflanze. Die schädlichen Auswirkungen auf Würmer, Käfer, Schmetterlinge oder Vögel waren deutlich größer als auf den konventionellen Vergleichsfeldern."

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland fordern der Bauernverband, Wissenschaftler und die Industrie jetzt Großversuche, um herauszufinden, ob und wie eine Koexistenz zwischen GM-Landwirtschaft und konventioneller Landwirtschaft möglich ist. Macht das Sinn? Meacher: "Koexistenz ist in jedem Fall das entscheidende Problem. Ich war vor drei Monaten in Kanada und habe dort gesehen, dass in der Prärie kein Bio-Raps mehr angebaut wird, weil die Aufkäufer den Bauern sagen: "Das

Risiko, dass Dein Bio-Raps mit GM-Raps verunreinigt ist, ist mir schlicht zu groß." Und wenn die Trennung in den riesigen Räumen der Prärie nicht möglich ist, wie soll es dann auf unserer winzigen, dicht besiedelten Insel oder auf dem europäischen Kontinent, wo ein Bauernhof unmittelbar an den nächsten angrenzt, möglich sein? Meiner Meinung nach ist Koexistenz unmöglich.

SPIEGEL ONLINE: Was wird die EU-Kommission bezüglich der Zulassung genmanipulierter Organismen und der Aufhebung des Moratoriums von acht EU-Staaten tun? Meacher: "Sieben Länder, darunter Frankreich und Italien, nicht aber Großbritannien und Deutschland sagen, dass sie keine Anträge auf Zulassung genmanipulierter Pflanzen von Monsanto und anderen Firmen bearbeiten. Die Kommission könnte dagegen vorgehen, aber hat es bisher nicht getan. Die US-Regierung wiederum hat sich darüber dermaßen aufgeregt, dass sie die EU bei der Welthandelsorganisation verklagt hat."

SPIEGEL ONLINE: Wird es zu einer Verurteilung der EU durch die WTO kommen? Meacher: "Das ist schwer zu sagen, aber auf jeden Fall sind in dieser Situation die Ergebnisse der britischen Großversuche ein Geschenk für die acht Moratoriumsstaaten, denn sie liefern den wissenschaftliche Beweis: Genmodifizierte Pflanzen sind ein Risiko für die Umwelt."

SPIEGEL ONLINE: Das wichtigste Argument der US-Regierung und der Vertreter der GM-Firmen ist inzwischen, dass sich mit genmanipulierten Pflanzen der Hunger in der Dritten Welt besiegen ließe. Stimmt das? Meacher: "Das ist ein absolut lächerliches Argument. Die wichtigsten Ursachen dafür, dass schätzungsweise 800 Millionen Menschen täglich hungrig zu Bett gehen, sind der ungerechte Welthandel, unfähige und korrupte Regierungen in der Dritten Welt sowie eine schlechte Verteilung des Landes. Es ist empörend, dass Monsanto seine bösartige kommerzielle Gier jetzt hinter der Maske des Wohltäters verstecken will. Der Welthunger ist denen doch vollkommen egal, sie wollen nur ihre Produkte in der Dritten Welt verkaufen."

Weiter sagte Meacher: "Die Menschen misstrauen den Wissenschaftlern, aber noch mehr den Politikern. Außerdem hassen sie Monsanto und George W. Bush und haben den Eindruck, dass die Amerikaner dem Rest der Welt den Anbau von genmanipulierten Pflanzen oktroyieren wollen. Anfänglich glaubte die britische Regierung, dass es auch keine Risiken für die Umwelt gäbe. Die Großversuche haben gezeigt, dass das falsch ist. Ich vermute deshalb, dass die Regierung bei Versuchen zu möglichen Gesundheitsschäden erneut ein paar Schocks erleben könnte. Ich sage nicht, dass GM-Nahrungsmittel gefährlich sind, ich sage, wir wissen es nicht. Niemand weiß das, bevor wir nicht systematische Versuche angestellt haben."

SPIEGEL ONLINE: Gibt es keinerlei Untersuchungen dazu? Meacher: "Es gab eine einzige Untersuchung an der Newcastle University im vergangenen Jahr, bei der Testpersonen eine Mahlzeit aus GM-Soja gegeben wurde. Dabei stellte sich heraus, dass die Soja-DNS auf Darmbakterien übertrug. Das ist deshalb bedenklich, weil es dabei auch zur Übertragung von Antibiotika-Resistenzen kommen kann."

Das Interview führte Michael Sontheimer