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Montagsdemos

Schätzungen der Demonstrantenzahlen beeinflussen politisches Verhalten

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Mit den seit Wochen anhaltenden Protesten gegen Hartz IV ist auch ein Streit um die Zahl der Demonstranten entbrannt. Die Angaben, wieviele Menschen sich an den Montagsdemonstrationen beteiligen, widersprechen sich zum Teil erheblich. Während die einen vom "Abebben" der Protestwelle sprechen, verkünden andere einen Zuwachs an Demonstranten. Dieter Rucht, Protestforscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), fordert jetzt ein Ende dieser Zahlenspiele. "Es könnten Zählverfahren angewendet werden, um diesen politisch motivierten Schätzungen entgegen zu wirken", fordert er.


Die Zahl der Demonstranten gegen Hartz IV, so war letzte Woche in den meisten Medien zu lesen oder zu hören, sei gegenüber der Vorwoche "deutlich" zurückgegangen. Waren bei den Montagsdemos der Vorwoche noch rund 90.000 Menschen auf den Beinen, so seien es am folgenden Montag "nur noch rund 70.000" gewesen. Dagegen sei auf der Website von Attac über dieselben Demos zu lesen: "In mindestens 145 Städten haben nach bisherigen Angaben zwischen 130.000 bis 180.000 Menschen demonstriert. Damit wurde die Zahl der Vorwoche übertroffen; von einem 'Abebben' der Protestwelle kann keine Rede sein." Wer wem Glauben schenke, sei nicht unwichtig, hänge doch die Beteiligung vieler Menschen an künftigen Protesten auch davon ab, ob man die gegenwärtige Protestwelle im Aufwind oder Abwind wähne. Auch hätten solche Wahrnehmungen einen Einfluss darauf, ob sich politische Entscheidungsträger zum Handeln gedrängt fühlten oder meinten, den Protest aussitzen zu können.

Das Muster sei klar und lasse sich für Hunderte von Demonstrationen nachzeichnen: Die Polizei setzte niedrige Zahlen, der Veranstalter setzte hohe Zahlen an. Die Wahrheit liege häufig, aber keineswegs immer, irgendwo dazwischen. Daraus ließe sich die Faustregel ableiten, die Medien, über die Demonstrationen erst dem großen Publikum bekannt werden, sollten einfach den Mittelwert zwischen den widersprüchlichen Angaben von Polizei und Veranstaltern heranziehen. Jedoch würde das dazu führen, dass Polizei und Veranstalter bei vielen Protesten ihre Zahlen immer weiter nach unten bzw. nach oben trieben, um den Mittelwert im eigenen Sinne zu beeinflussen.

Dass derartige Zahlen zudem so weit auseinander liegen können zeige, wie nötig kontrollierte Schätzungen wären. In Washington, D.C. wurde nach wiederholten und scharfen Auseinandersetzungen über den Umfang von Großdemonstrationen ein relativ genaues Messverfahren anhand von Luftbildern eingeführt. Es habe sich im Großen und Ganzen bewährt. Auch für kleinere Demonstrationen ließen sich - ohne gleich auf Luftbilder zurückzugreifen - Verfahren anwenden, die politisch motivierten "Schätzungen" entgegenwirken könnten. Eine Lösung könnte darin bestehen, eine kleine Gruppe, beispielsweise bestehend aus einem Vertreter der Polizei, der Veranstalter und ein oder zwei unabhängigen Beobachtern, eine Zählung oder Schätzung vornehmen zu lassen.

Daher fordert Rucht, das seit mindestens 100 Jahren währende interessegeleitete Verwirrspiel um Demonstrantenzahlen einzudämmen. Dann ließe sich auch die Frage entscheiden, ob die Protestbewegung gegen Hartz IV in den beiden letzten Wochen zu- oder abgenommen hat.

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