Amokläufer von Winnenden hatte sich am Computer mit Gewaltspielen beschäftigt

Amoklauf im Internet angekündigt

Einen Tag nach dem Amoklauf eines 17-Jährigen an seiner ehemaligen Schule in Winnenden und einem Autohaus Wendlingen sind weitere Details der Tat bekannt geworden. So habe der Täter seinen Amoklauf offenbar im Internet angekündigt, sagte Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) am Donnerstag. Der Jugendliche soll in der Nacht auf Mittwoch in einem Chatroom angedroht haben, er besitze Waffen und werde am Morgen an seine frühere Schule gehen und dort, so wörtlich, "mal so richtig gepflegt grillen". Die Ermittlungen ergaben außerdem, dass der Täter im Umgang mit Waffen geübt war und zudem psychische Schwierigkeiten hatte. Auch der Computer des Täters wurde inzwischen ausgewertet. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft fanden sich dort unter anderem zahlreiche Pornobilder. Ermittelt wurde auch, dass sich der 17-Jährige mit Gewaltspielen beschäftigte, darunter "Counter-Strike".

Der 17-jährige Tim K. hatte am Mittwoch insgesamt 15 Menschen erschossen und sich dann bei einem Schusswechsel mit der Polizei selbst getötet. Zunächst hatte er an der Albertville-Realschule in Winnenden acht Schülerinnen und einen Schüler gezielt mit Kopfschüssen umgebracht. Außerdem erschoss er drei Lehrerinnen und einen Passanten. Auf seiner Flucht tötete er dann in Wendlingen zwei weitere Männer und verletzte zwei Polizisten schwer, bevor er sich selbst erschoss.

Die Tatwaffe hatte der 17-Jährige den Ermittlungen zufolge aus dem Schlafzimmer seines Vaters entwendet. Die Munition könne er aus Waffenschränken des Vaters haben, für die er möglicherweise die achtstellige Zahlenkombination kannte. Gegen den Vater wird laut Staatsanwaltschaft aber bislang nicht ermittelt. Falls sich im weiteren Verlauf der Untersuchungen herausstellen sollte, dass dieser Kenntnis von den Absichten seines Sohnes hatte, müsse ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung geprüft werden.

Hinweise auf einen Hass auf Mädchen als Motiv gibt es unterdessen keine, obwohl fast alle Todesopfer in der Schule weiblich waren. Nach Angaben von Staatsanwalt Siegfried Mahler hatte Tim K. ein "ganz normales Verhältnis zu Mädchen und Frauen". Er habe sich für ein Mädchen aus der Nachbarschaft interessiert, seine Werbungsversuche seien aber eher erfolglos gewesen. Eine feste Beziehung soll der Jugendliche nie gehabt haben.

Den bisherigen Ermittlungen zufolge hatte der 17-Jährige allein in der Schule mindestens 60 Schüsse abgefeuert, in einem Park daneben 9, weitere 44 in Wendlingen. Bislang stellten die Ermittler insgesamt 112 abgegebene Schüsse fest. Zudem fanden sie 109 unverbrauchte Schuss Munition. Der 17-Jährige war Gastschütze im Schützenverein des Vaters und geübt im Umgang mit Waffen. Für die kriminaltechnischen Untersuchungen an den Tatorten trafen am Donnerstag auch Beamte des Bundeskriminalamts (BKA) ein.

Der Chatroom-Eintrag in der Nacht zuvor begann mit den Worten: "Scheiße Bernd, es reicht mir. Ich habe dieses Lotterleben satt". Es sei "immer dasselbe - alle lachen mich aus, niemand erkennt mein Potenzial". Mit den Worten "Ich meine es ernst" soll der 17-Jährige seine Amoklaufdrohung dann noch untermauert haben.

Rech zufolge bekam die Polizei den Hinweis auf den Chatroom vom Vater eines Jugendlichen aus Bayern. Der Sohn habe als Chatpartner des 17-Jährigen die Ankündigung nicht ernst genommen und mit der Antwort "lol" (laughing out loud, deutsch sinngemäß: ich lach mich kaputt) reagiert. Ein weiterer Nutzer habe entgegnet, er wolle erst Bilder sehen, bevor er das glaube.

Die Ermittlungen ergaben auch, dass der Täter psychisch krank war. Er befand sich wegen Depressionen in Behandlung, zunächst stationär in der Region Heilbronn. Später sollte er ambulant weiterbehandelt werden, habe die Therapie jedoch abgebrochen. Die Eltern hätten von den Problemen gewusst. "Sie hätten ihm aber eine solche Tat nie zugetraut", sagte Thomas Schöllhammer von der Kripo Waiblingen.

Intern war laut Polizei an der Schule für Amoktaten der Code "Frau Koma kommt" (Koma für "Amok" rückwärts) vorgegeben. Es habe aber keine entsprechende Durchsage gegeben. Die Schule blieb auch am Donnerstag weiter abgeriegelt, laut Polizei ist an eine Wiederaufnahme des Betriebs in nächster Zeit nicht zu denken. Rund 50 Schulpsychologen kümmerten sich dort um Schüler und Angehörige.