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Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Hans Mayer beigesetzt

Abschied

Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Hans Mayer ist am Montag in Berlin beigesetzt worden. Hunderte Trauergäste waren auf den Dorotheenstädtischen Friedhof gekommen, um Mayer die letzte Ehre zu erwiesen, unter ihnen Bundespräsident Johannes Rau. Schriftstellerkollegen wie Literaturnobelpreisträger Günter Grass sowie Walter Jens, Christa Wolf, Christoph Hein, Rainer Kirsch und Volker Braun nahmen Abschied. Unter den Trauernden waren auch Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, Freunde und Weggefährten Mayers. Der Autor und Hochschullehrer, der als einer der letzten Universalgelehrten galt und in Tübingen lebte, war am 19. Mai im Alter von 94 Jahren gestorben. Es war sein Wunsch, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte bestattet zu werden, wo auch Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Bertolt Brecht, Heinrich Mann, Anna Seghers, Stephan Hermlin und Heiner Müller begraben sind. Seine Grabstelle hatte er bei einem Besuch vor fünf Jahren selbst ausgesucht.

Walter Jens würdigte Hans Mayer als einen "zwischen Ost und West vermittelnden homme de lettres". Bei der Trauerfeier in der Akademie der Künste, deren Mitglied und langjähriger Leiter der Abteilung Literatur Mayer war, sagte der ehemalige Akademiepräsident, Mayer sei ein "unerschrockener Sachwalter der Einheit" der nach dem Kriege getrennten Akademien gewesen, gleichermaßen anerkannt in Ost und West. Er sei "unentbehrlich für uns alle dank seiner Vergegenwärtigungskunst und seines Fleißes". Mayer hinterlasse "ein die Kluft zwischen Literatur, Kunst und Politik aufhebendes Werk", fügte Jens hinzu. Die Akademie sei dankbar, dass ihr Haus zu den Orten gehörte, "wo man diesen Weggefährten brauchte".

Während der schlichten Trauerzeremonie auf dem Friedhof waren dem Wunsch des Verstorbenen folgend keine offiziellen Gedenkreden gehalten worden. Pfarrer Matthias Loerbroks sagte am offenen Grab, Mayer sei ein Außenseiter gewesen, "als Jude, als Homosexueller, als Marxist". Wie kaum jemand sei er in der deutschen Kultur zu Hause gewesen. "Seine einzigartige Sprache war ein Beitrag zur Humanität", sagte Loerbroks. Weder Mayers Ausbürgerung durch die Nazis noch das Wegekeln aus der DDR könnten ungeschehen gemacht werden. Aber im Tod sei er in seine geistige Heimat zurückgekehrt, fügte der Pfarrer hinzu.

Mayer, 1907 in Köln als Sohn großbürgerlich-jüdischer Eltern geboren, wurde 1933 kurz nach der juristischen Staatsprüfung aus dem Staatsdienst entlassen. Über Frankreich ging er in die Schweiz. 1938 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. 1945 kehrte er nach Deutschland zurück. Nach seiner Tätigkeit als Chefredakteur des Hessischen Rundfunks und Soziologie-Dozent in Frankfurt am Main ging Mayer in die damalige Sowjetische Besatzungszone und wurde 1948 Ordinarius für Kultursoziologie und Literaturgeschichte an der Universität Leipzig.

Mayer geriet als "Kommunist ohne Parteibuch", wie er sich selbst nannte, zunehmend in Konflikt mit der DDR-Politik, die ihm eine "Überschätzung der westdeutschen Gegenwartsliteratur" vorwarf. 1963 blieb er nach einem Besuch im Westen. 1965 nahm er den Lehrstuhl für Germanistik an der TU Hannover an, hielt Gastvorlesungen in den USA. 1975 wurde er Honorarprofessor an der Universität Tübingen. In die DDR kam er erstmals wieder im Jahre 1986, wo er in der Ost-Berliner Akademie der Künste einen Vortrag hielt. 1994 erschien seine große kulturhistorische Studie "Der Widerruf - Über Deutsche und Juden", mit der er nach den Bänden "Der Turm von Babel" und "Wendezeiten" seine Deutschland-Trilogie abschloss.

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