Rumpf-Familien und Arbeitslose

Viele Nachwuchsfilme setzen sich mit ernsten Themen auseinander

Das renommierte Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken ist so etwas wie ein Seismograph. Die dort gezeigten ersten Filme von Filmemachern enthüllen meist unverblümter als kommerzielle Filme oder die aufwändigeren Produktionen etablierter Regisseure, wo der Schuh in der Gesellschaft drückt. Vor zwei Jahren waren im Wettbewerbsprogramm des wichtigsten Forums für den deutschsprachigen Nachwuchsfilm vorwiegend Filme über Migranten zu sehen. Im vorigen Jahr spiegelte sich die gesellschaftliche Tristesse infolge der Wirtschaftsflaute nachhaltig in den Debütfilmen.

In diesem Jahr dominieren Rumpf-Familien und Arbeitslose als Themenstellungen die ausgewählten Nachwuchsfilme. Bemerkenswert ist dabei nicht nur das Thema selbst, sondern auch die Zeichnung der Charaktere. Fast alle gezeigten Elternteile hätten "kein Format als Rollenmodelle für ihre Kinder oder besitzen gar eine gewachsene Autorität", sagt der scheidende Festivalleiter Boris Penth: "Im Gegenteil, die Väter sind wahre Trauerklöße, schnell dabei, im Alkohol ihrem Selbstmitleid zu frönen, abgekoppelt auch vom Wirtschaftsgeschehen der Gesellschaft."

Symptomatisch ist dieses Phänomen in "Hallesche Kometen" von Susanne Irina Zacharias zu sehen. Ihr Debütfilm handelt von dem 20-jährigen Ben, der mit seinem arbeitslosen Vater Karl in einer winzigen Plattenbauwohnung in Halle lebt. Während Ben davon träumt, durch die Welt zu reisen und über seine Erlebnisse zu schreiben, hat Karl resigniert und zieht sich immer weiter in die Isolation zurück.

Auch in "Netto", dem Erstlingsfilm von Robert Thalheim, geht es um einen Jüngling, der sich mit seinem erwerbslosen Erzeuger in Ost-Berlin abplagt. Thalheim schiebt die düstere Konstellation allerdings rasch auf ein humoristisches Gleis: Der 15-jährige Sebastian betätigt sich als Bewerbungscoach, weil sein Vater keine überzeugende Strategie für erfolgreiche Bewerbungen auf die Reihe bekommt.

Das traute Familienleben eines anderen Debütfilms bricht gleich an drei Fronten auseinander. In "Wahrheit oder Pflicht" von Jan Martin Scharf und Arne Nolting verheimlicht die 18-jährige Annika ihren Eltern, dass sie die zwölfte Klasse nicht geschafft hat. Annika verstrickt sich immer mehr in ihrem Lügengebäude und gerät in eine Krise, als ihr ehrgeiziger Vater durch einen Unfall seinen Job verliert und ihre frustrierte Mutter fremdgeht.

Von anderem Kaliber ist "Eine andere Liga" von Buket Alakus. Die türkischstämmige Regisseurin aus Hamburg hatte vor fünf Jahren mit "Anam" eine kraftvolle Migranten-Tragikomödie vorgelegt und erzählt jetzt in ihrem zweiten Film von der jungen Deutschtürkin Hayat, deren angepeilte Fußballkarriere durch eine Krebserkrankung gefährdet wird. In konfliktreichen Auseinandersetzungen mit ihrem allein erziehenden Vater und ihrem jungen Fußballtrainer überwindet sie ihre Ängste wegen einer Brustamputation und findet neuen Lebensmut.

Zeige Deinen Kontakten bei Google und Facebook, dass Dir dieser Beitrag gefällt!