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Wissenschaftler sehen Armut als Bildungsrisiko

Studie

Einer im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt (AWO) erstellten Langzeitstudie zufolge ist Armut der wichtigste Grund für schlechte Bildung. Danach ist jeder elfte Gymnasiast arm, jedoch jeder zweite Hauptschüler. Von 100 Kindern, die bereits während ihrer Kindergartenzeit als arm galten, schaffen nach der Grundschule gerade einmal vier den Sprung aufs Gymnasium - bei nicht-armen Kindern sind es 30, so die Langzeitstudie zu den Folgen von Kinderarmut, die das Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) erstellt hat. Die eigentliche Bildungsmisere in Deutschland habe ganz offensichtlich nichts mit Leistung zu tun, sondern zunächst einmal mit Chancen, sagte der AWO-Bundesvorsitzende Wilhelm Schmidt. Schmidt forderte eine bessere Förderung besonders für arme Kinder und eine längere gemeinsame Schulzeit ohne Trennung in die verschiedenen Schulformen.

Die mehrjährige Studie belegt nach Angaben der Arbeiterwohlfahrt erstmals einen Zusammenhang zwischen Armut und dem schulischen Bildungsweg bis zum Ende der Grundschulzeit. "Kindern, die arm sind, bleiben zukunftssichernde Bildungswege verschlossen", sagte AWO-Chef Schmidt. Nach Ansicht der AWO liegt daher der Schlüssel zur Armutsbekämpfung in einer radikalen Bildungs- und Schulreform.

Dreieinhalb Mal so viele arme Kinder wie nicht-arme Kinder wiederholten bereits in der Grundschule eine Klasse, fand die Untersuchung heraus. Kinder mit Migrationshintergrund seien davon weitaus häufiger betroffen als solche ohne Migrationshintergrund. Kinder in Ein-Eltern-Familien ereile dieses gleiche Schicksal etwa doppelt so oft wie Kinder in Zwei-Eltern-Familien.

Die Wahrscheinlichkeit eines irregulären Schulverlaufs der Kinder steige außerdem mit der Armutshäufigkeit bzw. Armutsdauer. Mehr als jedes dritte Kind (37,5 Prozent), das 1999 und 2003 arm war, habe eine Klasse wiederholen müssen - gegenüber nur 8,5 Prozent der seit 1999 permanent nicht-armen Kinder.

Schlechtere Schule trotz besserer Noten

Der Anteil armer Kinder auf dem Gymnasium ist nach Ansicht der Arbeiterwohlfahrt "beeindruckend niedrig". Dies sei nicht nur auf die schlechteren Schulleistungen armer Kinder in der Grundschule zurück zu führen, sondern hänge auch mit den niedrigeren Schullaufbahn-Empfehlungen der Lehrer für arme Kinder und den geringeren Bildungserwartungen der Eltern zusammen. Die besten Durchschnittsnoten, so die Ergebnisse der AWO-ISS-Studie, finden sich stets in der Gruppe von Kindern, die im gesicherten Wohlstand aufwachsen. Weiterhin kämen etliche arme Kinder, obwohl sie gleiche Noten hätten wie nicht-arme Kinder, in schlechtere Schulformen. Für einige arme Kinder gelte dies sogar, obwohl sie bessere Noten hätten als die nicht-armen Kinder.

Frühe Armut schadet dauerhaft

Armut im frühen Kindesalter wirkt sich nach der Studie offenbar nicht nur kurzfristig, z.B. in der Kindertagesstätte, aus, sondern die Folgen sind zum Teil noch Jahre später am Ende der Grundschulzeit sichtbar. "Die Spätfolgen von Armut bestimmen die Schullaufbahn", fasst die Arbeiterwohlfahrt zusammen. Nach der Langzeitbeobachtung wirkt sich ein frühzeitiger und kontinuierlicher Besuch einer Kindertagesstätte (KiTa), d.h. spätestens ab dem dritten Lebensjahr, positiv auf die Schulkarriere der Kinder aus. Es sei auffällig, dass das KiTa-Eintrittsalter bei Haupt- und Sonderschülern sowie Klassenwiederholern deutlich über dem bei Realschülern und Gymnasiasten liege, so die AWO: 29 Prozent der Kinder mit frühzeitigem KiTa-Besuch erreichten das Gymnasium, aber nur 21 Prozent der Kinder mit einem KiTa-Besuch ab dem 4. Lebensjahr.

Ein Migrationshintergrund beeinflusst die weitere Schullaufbahn des Kindes nach der Studie deutlich negativ, allerdings nicht so stark wie der Faktor Armut. Gemessen an ihrer Gesamtzahl seien Migrantenkinder nur halb so oft auf Gymnasien vertreten wie deutsche Kinder (14 Prozent statt 28 Prozent). Dafür seien sie vermehrt auf der Hauptschule oder unter Klassenwiederholern zu finden. Dort machten sie absolut etwa die Hälfte aller Kinder aus.

Drittel-Gesellschaft

Die Kinder der AWO-ISS-Studie stellen im Zeitverlauf von 1999 bis 2003/04 eine Drittelgesellschaft dar: Nur ein Drittel lebt in relativ gesichertem Wohlstand, je ein weiteres Drittel unter Bedingungen der Armut bzw. einer jederzeit gefährdenden, prekären Situation knapp über der Armutsgrenze . Je besser die finanzielle Situation der Familie, desto besser ist tendenziell auch die Lebenslage des Kindes am Ende der Grundschulzeit.

"Working poor"-Familien

In den seit 1999 beobachteten Familien hat die Erwerbslosigkeit, wie statistisch ingesamt, der Eltern in den Armenhaushalten zugenommen. Auffällig sei dabei, so die Arbeiterwohlfahrt, dass jedes zweite arme Kind in einer "working poor-Familie" lebe, dass die Familie trotz Erwerbstätigkeit mit ihrem Einkommen nicht über die Armutsgrenze komme.

Kein Geld für Freizeitaktivitäten

Alle von Armut betroffenen Kinder äußerten in den Befragungen den Wunsch nach Freizeitaktivitäten und Hobbys, denen die Eltern aus finanzieller Not nicht nachgeben können. Viele Schulen bieten nach Ansicht der Arbeiterwohlfahrt keinen oder nur unzureichenden Ersatz in Form von Kursen oder Arbeitsgemeinschaften, auf die sie zurückgreifen könnten.

Bessere Förderung und längere Grundschule

Die AWO forderte eine bessere Förderung aller Kinder von Anfang an. Für Kinder mit armutsbedingt ungleichen Bildungschancen müsse dies ungleich mehr Investitionen nach sich ziehen als für andere. Erforderlich sei neben dem Ausbau von Betreuungsmöglichkeiten für Kinder unter drei Jahren auch ihre individuelle Förderung, sagte der AWO-Vorsitzende Schmidt. Die bereits bestehenden guten Bildungsangebote in den Tageseinrichtungen für Kinder müssten gezielt weiterentwickelt und ausgebaut werden, um die Bildungschancen von Kindern frühzeitig zu erhöhen. Darüber hinaus müsse die individuelle Begleitung und Unterstützung sowohl in der Primarstufe wie auch in der Sekundarstufe verstärkt werden. "Dazu gehört auch und unbedingt der Verzicht auf die viel zu frühe Selektion in die verschiedenen Schulzweige", sagte Schmidt.

Basis der AWO-ISS-Studien sind quantitative und qualitative Erhebungen zu 500 Kindern, die 1999 erstmals als Sechsjährige und 2003/04 als Zehnjährige befragt und deren Entwicklung begleitet wurde.

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