"Totes" Holz in Wäldern wichtig für die Artenvielfalt

Wälder sollen in Würde altern

Der Rückgang an "toten" Hölzern führt zu einem dramatischen Artenverlust in den europäischen Wäldern. In seinem am Montag veröffentlichten Bericht "Deadwood - Living Forests" zeigt der WWF, dass mit der Beseitigung von so genanntem Totholz und alten Bäumen auch Spechte, Fledermäuse, Eichhörnchen, Käfer, Pilze und Flechten aus den Wäldern verschwinden. Nach Angaben des WWF ist ein Drittel der im Wald lebenden Tier- und Pflanzenarten auf ausgediente Bäume angewiesen. Zusammen bildeten sie die größte Gruppe gefährdeter Arten in Europa. Sie nutzten die Baumstämme und Äste als Lebensraum und Speisekammern. Der WWF schätzt, dass in den europäischen Wäldern der Anteil des Totholzes auf nur noch weniger als fünf Prozent des natürlichen Vorkommens geschrumpft ist. In einem unbewirtschafteten europäischen Wald könne bis zu einem Viertel des Holzes aus Totholz bestehen.

"Wir fordern, dass die europäischen Wälder in Würde alt werden dürfen", sagte WWF-Forstexperte Michael Evers. Verjüngungskuren, bei denen überalterte Bäume gefällt und aus dem Wald entfernt werden, gefährdeten die Artenvielfalt und führten zu keinerlei finanziellem Mehrwert für die Forstwirtschaft. Eher im Gegenteil: Je größer der Totholz-Anteil, umso resistenter seien die Bäume gegenüber Krankheiten, Bodenerosion und extremen Wetterverhältnissen und umso gesünder sei der Wald als Ganzes. Durch den natürlichen Verwesungsprozess würden die für das Ökosystem Wald nötigen organischen Nährstoffe automatisch in den Kreislauf zurückgeführt.

Nach Ansicht von Evers wird die Bedeutung von Totholz von Regierungen, Forstbesitzern und -industrie völlig unterschätzt. Evers forderte sie auf, wieder mehr ausgediente Bäume in den Wäldern zu lassen und die Menge Totholz bis zum Jahr 2030 pro Hektar Wald auf 20 bis 30 Kubikmeter - etwa eine Lastwagenladung - zu erhöhen. Die zum Beispiel nach Stürmen gängige Praxis, die abgeknickten Baumstämme aus den Wäldern zu entfernen, hält Evers für falsch. Er fordert ein Umdenken in der europäischen Forstwirtschaft: "Wir müssen den Irrglauben ausräumen, dass tote und verwesende Bäume ein Zeichen für kranke Wälder sind."