Brasiliens Präsident greift Industrieländer wegen Artenvielfalt an

Biodiversitäts-Konferenz

Der brasilianische Präsident Luis Inacio Lula da Silva hat auf der 8. Vertragsstaatenkonferenz der Konvention über biologische Vielfalt in Curitiba (Brasilien) die reicheren Länder heftig kritisiert. Sie würden zu wenig Geld zum Erhalt der globalen Biodiversität - also die Vielfalt der Lebewesen auf der Erde - beisteuern. Es sei nicht zu akzeptieren, dass die ärmsten Länder der Welt die Last alleine zu tragen hätten, so der Präsident. Schon zuvor hatten Forscher davor gewarnt, dass die biologische Vielfalt des Planeten extrem unter Druck sei. Besonders dramatisch sei die Entwicklung in den ärmsten Ländern.

Ausgerechnet in diesen liegen aber die Regionen, die die größte Artenvielfalt aufweisen. Damit wird die Frage der Erhaltung der Biodiversität zu einem Nord-Süd-Konflikt. Unter den gegebenen Umständen sei das Millenniumsziel - nämlich die Zahl des Artenverlustes bis 2010 drastisch zu senken - kaum erreichbar. Zu diesem Schluss kam auch Ahmed Djoghlaf, Executive Secretary der UN-Konvention. "Wenn die Verantwortlichen weiterhin business as usual machen, können diese Ziele definitiv nicht erreicht werden."

"Es ist untragbar, dass die Kosten für die Arterhaltung ausschließlich zu Lasten der Ärmsten geht, obwohl die Verursacher die Industrie-Länder sind, die nicht nachhaltig die Ressourcen ausbeuten", sagte der brasilianische Präsident Lula. Besonders tragisch sei es, dass mit jedem Schritt mit dem Anstrengungen zum Naturschutz unternommen würden, die finanziellen Ressourcen abnähmen. Brasilien hatte erst Ende Februar eine Fläche, die doppelt so groß ist wie Belgien, unter Naturschutz gestellt. In Planung ist eine 50 Mio-Hektar-Schutzzone, die der Fläche von ganz Spanien entspricht.

"Die Ursachen für die Abnahme der globalen Biodiversität sind Energieverschwendung, Materialverschleiß und Umweltzerstörung in der industrialisierten Welt", meint der Humanökologe und Umweltethiker Peter Weish von der Universität für Bodenkultur in Wien. "Wenige Jahrzehnte billigen, reichlichen Erdöls haben sich in mehrfacher Weise dramatisch manifestiert: Es entstanden riesige Siedlungs- und Industrieballungen sowie energieintensive Verkehrssysteme dazwischen."

Billige Energie bedeute auch billige Rohstoffe, so Weish, und so setzte sich ökonomisch eine Verschleißproduktion und Wegwerfmentalität in einem Ausmaß durch, das noch wenige Jahrzehnte zuvor unvorstellbar gewesen wäre. "In der Landwirtschaft wurde Ertragsmaximierung betrieben und Leistungen des Ökosystems durch externe Energie und Technik ersetzt. Die Mechanisierung und Chemisierung der Landwirtschaft brachten eine totale Abhängigkeit der Lebensmittelproduktion vom Erdöl", so der Forscher. Diese energieintensiven Formen industrieller Landwirtschaft bedeuteten außerdem eine Unterbrechung der Stoffkreisläufe und eine zusätzliche Abhängigkeit von mineralischen Rohstoffen.

In den Industrieländern werden derzeit jährlich pro Kopf 16 bis 20 Tonnen an neu abgebauten mineralischen Rohstoffen umgesetzt. Dazu komme noch ein Pro-Kopf-Verbrauch von sechs bis zehn Tonnen fossiler Energieträger. "Das ist rund das 30 bis 50-fache dessen, was etwa in Afrika pro Kopf verbraucht wird", so Weish. In den vergangenen 100 Jahren sei ein großer Teil der Vorräte an Energieträgern verheizt worden, zu deren Speicherung die Biosphäre rund 200 Millionen Jahre gebraucht habe, warnte Weish.