Unterschiedliche Auffassungen über den neuen WTO-Generaldirektor

Pascal Lamy

Am 1. September nimmt Pascal Lamy seine Arbeit als Generalsekretär der Welthandelsorganisation WTO auf. Damit muss er die Interessen der 148 Mitgliedsstaaten unter einen Hut bringen. Ob ihm das gelingen wird, wird unterschiedlich beurteilt. Während die "Zeit" seinen Einsatz für einen erleichterten Zugang der Entwicklungsländer zu den westlichen Märkten hervorhebt, wirft das globalisierungskritische Netzwerk Attac ihm eine neoliberale Politik nach dem Gusto großer Konzerne vor.

Der 58 Jahre alte Franzose Lamy ist seit 1969 Mitglied der Sozialisten, war Absolvent der beiden französischen Elitehochschulen HEC (Handel) und ENA, ­eine Kaderschmiede für Verwaltung und Politik. Er ging als Kabinettschef seines Protegés, des EU-Kommissionspräsidenten Jaques Delors nach Brüssel, arbeitete von 1994-1999 bei der Großbank Credit Lyonnaise und war - unter Romano Prodi - von 1999 bis 2004 EU-Kommissar für den Außenhandel.

Sein politisches Programm bestehe - so schrieb der Journalist Bernhard Schmid - aus einer Mixtur aus Glauben an technokratische "Regulierungen" der Wirtschaft und Unterstützung für den ungezügelten Freihandel. Seine Anhänger sehen in dieser ambivalenten Ausrichtung gute Voraussetzungen für den schwierigen Job als WTO-Generaldirektor, der die Interessen der Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer austarieren müsse.

Globalisierungskritische Organisationen wie Attac oder "Gerechtigkeit Jetzt" glauben nicht, dass die propagierte Marktöffnung für Produkte aus Entwicklungsländern alleine die Armut und Unterentwicklung beenden könnten. Susanne Luithlen, vom Aktionsbündnis "Gerechtigkeit jetzt" meint etwa, dass "die neoliberale Agenda, die er im Auftrag der EU verfochten hat" ihm kaum dabei helfen werde, die Entwicklungsländer davon zu überzeugen, dass er auch ihre Interessen berücksichtigen werde.

Für Attac stehen die Chancen für eine "gerechtere Weltwirtschaftsordnung" in der Amtszeit von Pascal Lamy mehr als schlecht. "Mit seinem überzeugten Festhalten am Freihandelsprinzip und seiner politischen Orientierung entlang von Konzerninteressen wird der neue Generaldirektor für eine Zementierung und Verschärfung weltweiter sozialer Ungleichheiten einstehen", meint Inga Nüthen von der Attac-AG Welthandel. Sie kündigte für den WTO-Gipfel im Dezember in Hongkong an, "dass die sozialen Bewegungen mit ihrem weltweiten Protest dazu beitragen wollen, dass diese Konferenz ebenso scheitert wie Cancun 2003".