Umweltverbände fordern Tempolimit auf Autobahnen

"Raserei in Deutschland beenden"

Ein Bündnis von Umweltverbänden um den Verkehrsclub Deutschland (VCD) geht davon aus, dass "der deutsche Sonderweg unbegrenzter Raserei auf Autobahnen" sich dem Ende zuneige. Deutschland solle die "Raserei" beenden, bevor die EU es verordne. Die EU-Kommission verfolge das Ziel, die Zahl der Verkehrstoten in allen Mitgliedstaaten bis zum Jahr 2010 gegenüber 2000 zu halbieren. Auch aus Klimaschutzgründe müsse mit einem Tempolimit aus Brüssel gerechnet werden. Die deutsche Automobilindustrie und die Politik sollten daher rechtzeitig zur Räson kommen, fordert die im November 2007 gegründete "Allianz pro Tempolimit - Für Verkehrssicherheit und Klimaschutz". Man wolle die Parteien im Bundestagswahlkampf 2009 mit dem Thema zu konfrontieren. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) wird vorgeworfen, der entscheidenden Frage von Geschwindigkeitsbegrenzungen auszuweichen und damit sogar die eigene Partei zu brüskieren. Die SPD hatte sich beim Parteitag in Hamburg erst vor wenigen Monaten mit klarer Mehrheit für ein Tempolimit auf Autobahnen ausgesprochen.

Im Jahr 2000 lag die Zahl der Getöteten auf deutschen Straßen bei 7487. Im Jahr 2007 waren es noch 4970 Tote. Um das EU-Ziel zu erfüllen, müsste sie in nur zwei Jahren auf unter 3750 zurückgehen. Solange Deutschland als einziges EU-Land auf ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen verzichte, werde keine Bundesregierung behaupten können, alles Erdenkliche für die Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger getan zu haben, so die Allianz pro Tempolimit. Die EU werde unter diesen Umständen gar nichts anderes übrig bleiben, als gegen Deutschland vorzugehen. Darauf müsse sich auch die deutsche Autoindustrie einstellen.

Statt immer mehr Mittelklasselimousinen auf die Straße zu bringen, die bei Tempo 250 elektronisch abgeregelt würden, gehe es auch im ureigenen Eigeninteresse der Hersteller darum, Autos herzustellen, "die einen zivilen Umgang miteinander ermöglichen und die die Welt ökologisch verkraftet".

Eine Analyse der Verkehrsopferzahlen des Jahres 2007 bestätige erneut, dass "zu hohe Geschwindigkeiten auf allen Straßen das mit Abstand größte Verkehrssicherheitsproblem in Deutschland darstellen", so Polizeidirektor Martin Mönnighoff von der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster. Die Erfahrung zeige: "Wer auf Auto-bahnen rasen darf, hält sich auch auf Landstraßen an keine Geschwindigkeitsbegrenzung." Auf deutschen Autobahnen sterben laut Verkehrsclub Deutschland überhöhter Geschwindigkeit jedes Jahr offenbar immer noch über 300 Menschen, davon mehr als 200 auf Streckenabschnitten ohne Tempolimit.

Eine unmittelbare Folge "des Tempowahns" besteht nach Auffassung des Verkehrsclubs "darin, dass hierzulande neben Schweden die europaweit klimaschädlichsten Pkw gebaut und in alle Welt verkauft werden". Auf Basis vorliegender Daten ergebe sich rechnerisch bei einem Tempolimit auf Autobahnen von 120 Stundenkilometern eine kostenfreie CO2-Minderung von rund 3,4 Millionen Tonnen pro Jahr. Das entspreche der CO2-Last, die der gesamte Busverkehr in Deutschland verursache.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, der inzwischen den Tempolimit-Beschluss seiner Partei "nach einigen Pirouetten" öffentlich vertrete, forderte die "Allianz pro Tempolimit" auf, den "Umwelteffekt einer Geschwindigkeitsbegrenzung nicht länger klein zu reden". In den Spritspartipps des Volkswagen-Konzerns könne Gabriel nachlesen, dass Tempo 130 im Vergleich zu Tempo 150 zwei Liter Kraftstoff pro hundert Kilometer spare. Das entspreche etwa 50 Gramm CO2 pro Kilometer.