Fast jeder fünfte Ostdeutsche von Armut bedroht

Ost-West-Gefälle bei der Armut

Der einstige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) erwartete durch die Wiedervereinigung Deutschlands "blühende Landschaften" in Ostdeutschland. Die Realität rund 20 Jahre nach der so genannten "Wende" sieht anders aus: Ostdeutsche sind von Armut deutlich stärker betroffen als Westdeutsche. Das geht aus dem ersten regionalen Armutsatlas hervor, der am Montag (18. Mai) in Berlin vorgestellt wurde. Während im Westen 12,9 Prozent der Bevölkerung von Armut bedroht sind, ist es in Ostdeutschland fast jeder Fünfte (19,5 Prozent). Besonders betroffen sind Arbeitslose und Alleinerziehende.

Der Paritätische Gesamtverband präsentierte den ersten regionalen Armutsatlas für Deutschland, der auf Zahlen der Statistischen Ämter von 2007 basiert. Gemäß einer Definition der Europäischen Union gilt als armutsgefährdet, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung auskommen muss. 2007 lag das Durchschnittseinkommen in Deutschland bei 1274 Euro.

In Baden-Württemberg und Bayern mussten demnach im Jahr 2007 lediglich zehn beziehungsweise elf Prozent mit einem Einkommen auskommen, das unter der Armutsschwelle liegt. In Mecklenburg-Vorpommern waren es 24,3 Prozent, in Sachsen-Anhalt 21,5 Prozent.

Doch auch in Westdeutschland waren deutliche Unterschiede festzustellen. Nordwestdeutschland lag mit fast 15 Prozent deutlich über dem süddeutschen Raum. In Bremen sind 19,1 Prozent armutsgefährdet und im Saarland 16,8 Prozent.

Schneider: Ein Drittel der Konjunktur-Milliarden fließen in reiche Bundesländer

Der Hauptgeschäftsführer des Verbands, Ulrich Schneider, übte bei der Vorstellung der Zahlen Kritik am Konjunkturpaket II der Bundesregierung. Die zehn Milliarden Bundesmittel für Investitionen in Bildung und kommunale Infrastruktur flössen zu einem Drittel in die drei Bundesländer, die mit Abstand die geringsten Armutsquoten aufwiesen. Eine solche Mittelverteilung sei ökonomisch unvernünftig und sozial ungerecht. Maßnahmen wie die Abwrackprämie würden die Spaltung zwischen Arm und Reich noch vergrößern, anstatt sie zu schließen.

"Die regionale Betrachtung der Armut führt uns erstmals vor Augen, dass Deutschland nicht nur sozial, sondern auch regional ein tief zerrissenes Land ist", kritisierte Schneider. 20 Jahre nach dem Mauerfall sei Deutschland nicht länger zwei-, sondern mindestens dreigeteilt. "Wenn wir nicht sofort und massiv gegensteuern, wird die Verödung ganzer Landstriche nicht mehr aufzuhalten sein", sagte Schneider.

Die Linke kritisierte, der Armutsatlas sei "im wahrsten Sinne des Wortes ein Armutszeugnis". "Die Ursache des Versagens liegt in dem Irrglauben, der Markt - sofern sich selbst überlassen - werde es schon richten", bemängelte Parteivize Klaus Ernst. Der Armutsatlas zeige, dass die Lebensbedingungen in Ost und West nach wie vor unterschiedlich seien. "Die Versprechungen auf die Herstellung einer sozialen Einheit mit vergleichbaren Lebensverhältnissen - ein Verfassungsgebot - klingen zunehmend hohl", kritisierte Ernst.