ESSO: Milliarden mit schwarzen Gold | Profit um jeden Preis

Multis gehen über Leichen

tschad Erstmals wehren sich tschadische Kleinbauern erfolgreich gegen die illegale Praxis des Einbehalts von 10% der Entschädigungszahlungen in der Erdölregion Doba. Die tschadische Organisation Public Interest Law Center (PILC) und dessen Anwältin Delphine Djiraibé, hatte im Namen von 13 Geschädigten Klage gegen einen Kantonschef in der Erdölregion Doba Klage eingereicht. Er wurde beschuldigt, 10% der jeweiligen Entschädigungszahlungen illegal einbehalten zu haben, die die Bauern von der Firma ESSO Tschad für Landnahme erhalten hatten. Wogegen die afrikanischen Kleinbauern sich jetzt noch wehren müssen, sind ESSO und der Egoismus sowie die Ignoranz der Bürger in den Industrienationen.

Tausche Ochsenkarren gegen Ackerland

Der Gegenwert für 1,5 Hektar Agrarfläche, auf dem Hirse, Maniok und Bohnen angebaut wurden, besteht für ESSO aus einem Ochsenkarren, einem funktionsuntüchtigen Pflug, einer manuellen Erdnussschälmaschine, einer Schubkarre, ein paar Kleintieren und 1.500 Euro. 1,5 Hektar sind größer als zwei Fußballfelder nach FIFA-Norm. Aber was zählt dieser Vergleich schon im Süden des Tschads, wo ExxonMobil (ESSO) im Jahr 2003 begann Öl zu fördern?

Damals hofften noch viele Bauern auf Wohlstand. Zurecht, wie sie meinen, denn dieser Wohlstand wurde ihnen ja auch versprochen. Aber dann fanden nur wenige Arbeit auf den Ölfeldern. Im Gegenteil, denn die Ölmilliarden haben den ohnehin schon korrupten Staat weiter destabilisiert. Muss sich der Bauer im Tschad dafür verantworten? Hat er mangelnde Eigenverantwortung bewiesen, oder wurde er ganz einfach betrogen, ausgenutzt und bestohlen?

Betrugsökonomie

Heute gibt es im Tschad doppelt so viele Bohrlöcher wie ursprünglich geplant. Zu dem immensen Flächenverbrauch kommen der Chemiemüll, der die Böden auf lange Zeit verseucht und der hohe Wasserverbrauch der Ölförderung. Wasser, das den Menschen fehlt und als Trinkwasser wegen der chemischen Verseuchung auch gesundheitsschädigend wäre.

Für ihr Land bekamen die Bauern eine Entschädigung. Es war deswegen eine Entschädigung, weil sie nicht gefragt wurden, ob sie ihr Land hergeben wollten, sondern es wurde ihnen genommen. Wer was und wie viel bekam, legte auch nicht der Staat fest, sondern wurde von ESSO kalkuliert.

1,5 Hektar Agrarland im Tschad geben auf dem Weltmarkt nun einmal nicht mehr her, als Ochsenkarren, Erdnussschälmaschine und 1.500 Euro nebst Kleinkram und Kleinvieh. Nahrung, Wasser und Menschenleben fällt in der globalen Ökonomie weniger ins Gewicht, als der Konsum in den Industrieländern. Denn es ist ja nicht das Öl, dass diese Bauern hungern lässt, es ist das, was aus und mit diesem Öl gemacht wird. Die Tupperdose nicht weniger, als die Sonntagsfahrt zum nächsten Zigarettenautomaten.

"Mein Kind bezahlte mit seinem Leben"

Sagen sie einem Bauern im Tschad einmal, dass in Deutschland die Benzinpreise viel zu hoch sind. Er wird es bestätigen. „Ja“, wird er sagen, „die Benzinpreise sind zu hoch. Mein Kind bezahlte mit seinem Leben“. Neben diesen Individualentschädigungen für einzelne Familien gibt es auch Gemeinschaftsentschädigungen. Doch auch hier bestimmt der Konzern die Höhe. Zwar entstehen nun Schulen und Getreidespeicher aber diese sind zum einen so schlecht gebaut, dass kaum ein Einwohner den Mut aufbringt, sein Kind in eine dieser Schulen zu schicken, zum anderen fragen sich viele Bauern, wozu Getreidespeicher gut sein sollen, wenn ihre ehemaligen Felder nur noch aus Bohrlöcher und Chemikalien bestehen. Wenn eine Familie dennoch einen Acker außerhalb der Ölfelder besitzt, ist jeder Weg zu seinem Eigentum gefährlich. Denn nun muss er ein bewachtes Gebiet durchqueren, das ESSO gehört und wo Polizisten und private Sicherheitskräfte mit Prügelstrafe und Misshandlung drohen.

Neben den Individualentschädigungen für die einzelnen Familien, gibt es Gemeinschaftsentschädigungen. Auch hier bestimmt der Konzern. Zwar entstehen Schulen und Getreidespeicher, allerdings sind diese schlecht gebaut und am Bedarf der Bevölkerung vorbei. Besonders schwer ist es für die Bewohner der „eingeschlossenen Dörfer“. Um zu ihren Feldern zu gelangen, müssen sie Gebiete passieren, auf denen ESSO mittlerweile Öl fördert. Erlaubt ist das nur innerhalb bestimmter Zeitfenster, die viel zu knapp bemessen sind. Bauern, die nicht früh genug in ihre Dörfer zurückkehren, drohen Misshandlungen und willkürliche Verhaftungen, denn die Zugänge bewachen private Sicherheitskräfte und Polizisten.

Egoismus und Ignoranz

Versprochen war, dass fünf Prozent der Öleinnahmen der Gemeinschaft zukommen sollten. Doch nun gehört zu dieser Gemeinschaft auch ESSO und bestimmt, was gut zu sein hat. Das sind keineswegs eine Verbesserung der Trinkwasserversorgung oder der Aufbau eines Basis-Gesundheitssystems, sondern ein Flughafen, der nicht funktioniert und eine Universität ohne Studenten aber mit Prestige für ESSO. Woher überhaupt Studenten kommen sollten, wenn kaum ein Kind lesen lernt, weil es die Schulen nicht betreten kann, ist eine Frage, die nicht akademisch beantwortet werden muss.

Trotz allem gibt es noch immer mutige Medien – klein und unabhängig – die aus diesem Gebiet berichten. Es werden fast täglich Ungerechtigkeiten angeprangert sowie die hohe Korruption, doch diese Nachrichten gelangen nicht an die Tankstellen und zu den Tupperpartys. Die Ölkonzerne verdienen Milliarden am schwarzen Gold. Den Preis zahlen die Menschen nicht nur im Tschad. Umso tragischer, wenn in den Industrieländern noch immer der eigene Konsum so viel wichtiger ist, als das Leben der Menschen, die sich statt an einer Multifunktionskartoffelreibe an einer rostigen Erdnussschälmaschine erfreuen können.

Mehr Informationen zur Ölförderung im Tschad gibt es unter www.erdoel-tschad.de

Uwe Koch