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Hanna Poddig im Interview: Gegen alle Gefängnisse!

Knäste zu Baulücken!?

Weg mit allen Knästen - das wäre auch nach dem Sinn von Hanna Poddig. Es ist schon einige Zeit her, aber in den 70er und 80er Jahren war es noch weit verbreitet: „Weg mit allen Knästen“ tönte es aus vielen Demolautsprechern, selbst bürgerliche und rechtsstaatsgläubige Gruppen wagten Positionen, in denen Strafe grundsätzlich in Frage gestellt wurde. Foucaults „Überwachen und Strafen“ wurde trotz komplizierter Satzbauten zu einem gern gelesenen und zitierten Werk. Selbst autoritäre Gruppen ließen solche Forderungen noch in den 90er Jahren durchscheinen: „Knäste müssen abgerissen werden“ und „Für eine Gesellschaft ohne Knäste!“ forderte das Kommando Katharina Hammerschmidt der RAF am 30. März 1993. Kurz zuvor war der fast fertig gestellte Neubau des Weiterstädter Gefängnisses in einer präzisen Aktion und – ungewöhnlich angesichts der Vorgeschichte der RAF – ohne rücksichtslose Gefährdung dort Beschäftigter gesprengt worden. Die RAF drückte die Unbefriedigheit über moderne Knastarchitektur und das Leben hinter solchen Mauern deutlich aus: „Es ist das Prinzip von Belohnung und Bestrafung in High-Tech-Form, das die Gefangenen zur Disziplinierung und Unterwerfung zwingen und letztlich ihre "Mitarbeit", sich selber zu brechen, erreichen soll.“

Wie eine politische Bewegung das Strafen lieben lernte – und warum das falsch ist

Doch immer mehr wich die grundsätzliche Knastkritik in politischen Gruppen einer Akzeptanz von Herrschaft, Zurichtung und Sanktion der Abweichung. Ex-Linke wurden zu SozialarbeiterInnen in Knästen, die große Mehrheit avancierte zum tragenden Schicht des materiell gut gepolsterten BildungsbürgerInnentum, deren Eigentum durch „Überwachen und Strafen“ geschützt werden sollte. Der kulturelle Wechsel führte zu vielen Veränderungen politischer Positionen. Parteien entwickelten sich vom „Arm der Bewegung“ zu Selbstzweck und Karriereleiter, aus dem Gang durch die Institutionen wurde der Ruf nach einer Stärkung von Institutionen. Alternative Wirtschaftsformen avancierten zu Vorreiterinnen neoliberaler Deregulierung, NGOs setzten auf Staat und Markt, sahen sich selbst als Beraterinnen im Geflecht der Macht und an den Tischen der Reichen und Mächtigen.

Im Zuge dieser Veränderung schliff sich auch die klare Ablehnung staatlicher Repression im Allgemeinen und der Gefängnisse im Speziellen. Solidaritätsgruppen üben sich im Neusprech, wenn sie nur mehr Freiheit für „politische Gefangenen“ fordern und das mitunter zu „alle linken politischen Gefangenen“ steigern. Ehrlicher wäre „Freiheit für unsere Gefangenen“, denn die Liste, die z.B. jedes Jahr am 18. März veröffentlicht wird, enthielt in den letzten Jahren nur noch eine Auswahl der Inhaftierten, die für politische Aktionen bestraft wurden oder jetzt hinter Gittern für solche kämpfen. Wer nicht zu den FreundInnen der Führungscliquen von Solidaritätsorganisationen gehörte, fiel durch.

Hinter diesen Veränderungen steht mehr als das plumpe Denken in Freund und Feind. Es ist ein Verzicht auf eine radikale emanzipatorische Position. Wer politische Kommentare oder die Internet-Nachrichtenportale politischer Gruppen liest, stößt auf viele Formulierungen, die Autorität, machtförmiger Gewalt und Strafe unreflektiert akzeptieren oder sogar befürworten. Penetrant werden Polizeieinsätze und Urteile gegen Nazis als zu sanft betitelt, ebenso beim Umgang mit rassistischen oder sexistischen Übergriffen nur oder vor allem auf das Mittel der Sanktion gesetzt. Gesellschaftliche Debatten um emanzipatorische Lösungen sind verstummt oder gelten nur für Schönwetterphasen. Zu den selten gewordenen Abweichungen gehörte im Frühjahr ein Gefängnisaufenthalt der Aktivistin Hanna Poddig. Am 18. März, als sie schon einige Tage inhaftiert war, stand auf ihrem Blog: „Wir wollen nicht nur Freiheit für Hanna und die sog. politischen Gefangenen – wir wollen Freiheit für alle Gefangenen!“

Interview mit Hanna Poddig, verurteilt und mehrere Woche eingesperrt wegen einer antimilitaristischen Aktion

ngo: Du hast 2008 mit einer Ankettaktion einen Bundeswehrtransport aufgehalten und warst nun dafür mehrere Wochen im Knast. Warum hast du dich entschieden, die Strafe zumindest teilweise abzusitzen statt komplett zu bezahlen?

Ich habe mich gegen eine Verurteilung mit juristischen wie aktivistischen Mitteln, also mit dem Weg durch alle möglichen Instanzen und beispielsweise Konfetti im Gerichtssaal gegen eine Verurteilung gewehrt, konnte sie aber im Endeffekt nicht abwenden. Das hat mich nicht überrascht, denn dass es dem Staat nicht passt, die staatliche Armee zu blockieren ist relativ naheliegend.

ngo: Hat sich der jahrelange juristische Kampf denn dann überhaupt gelohnt?

Verurteilungen sind ja so etwas wie die Rache des Staates für unerwünschtes Verhalten und das möchte ich nicht still schlucken. Im Gegenteil will ich es dem Staat so schwer wie möglich machen, Menschen hinter Gitter zu bringen. Das war auch einer der Gründe, die Strafe nicht einfach zu zahlen: Eine gezahlte Geldstrafe ist genauso eine Sanktionierung, nur dass sie weniger sichtbar ist. Mit der Haft zwinge ich den Repressionsapparat ein Stück weit dazu, sein ehrliches Gesicht zu zeigen.

Ist also die Idee, Gesicht zu zeigen, der eigentliche Grund für den Knastaufenthalt? Ich mache seit mehreren Jahren Antiknastarbeit, habe Briefkontakte mit Gefangenen und lese Texte von Inhaftierten. Trotzdem konnte ich mir vieles im Knastalltag nicht vorstellen, weil auch die vielen Texte und Berichte nicht in der Lage waren, mir ganz persönlich und auf meine Lage hin zu vermitteln, wie es ist eingesperrt zu sein und erniedrigt zu werden. Nun konnte ich Beides verbinden: Den eigenen Blick hinter die Gitter und das Signal, mich nicht beugen zu lassen. Ich wollte aber nie zum Problem machen, dass ich im Knast war, sondern dass es überhaupt Knäste gibt. Mir erscheint es wichtig, darauf hinzuweisen, denn für viele Menschen war ich so etwas wie eine zu Unrecht inhaftierte unschuldige Märtyrerin. Das ist Quatsch. Es geht nicht um meine Freilassung, sondern darum Knäste in Baulücken oder Pommesbuden zu verwandeln.

ngo: Trotzdem hast ja jetzt du Knast ganz persönlich erlebt. Wie war das?

Eins erscheint mir vorab wichtig zu betonen: Ich war zweifelsfrei eine sehr privilegierte Gefangene. Zum Einen gab es für meinen Fall zumindest ein Stück weit mediales Interesse und mir haben sehr viele Menschen geschrieben und zum Anderen war ich im offenen Vollzug, der sich vom geschlossenen auch nochmal drastisch unterscheidet. Daher sind meine Erfahrungen eben auch nur ein kleiner Ausschnitt der grausamen Realität hinter Mauern. Um auf die eigentliche Frage zurückzukommen: Der wichtigste Punkt zu den Rahmenbedingungen des Knastlebens ist meiner Wahrnehmung nach die Verregelung aller Abläufe. Es wimmelt von Vorschriften und Verboten, festen Zeiten und bescheuerten Zählungsritualen. Im offenen Vollzug kommt außerdem hinzu, dass kein mensch mir sagen konnte, was alles verboten ist und ich erst mitgeteilt bekomme, dass ich etwas nicht darf, wenn ich bereits dagegen verstoße. Der zweite maßgeblich ätzende Punkt ist die Erniedrigung im Umgang der Wärter und Wärterinnen mit den gefangenen Frauen. Wer etwas fragt bekommt als erste Antwort eigentlich immer zu hören, die Frage sei dumm und Beschimpfungen gehören zum Alltag.

Die ca. 40 inhaftierten Frauen mit denen ich eingesperrt war haben tendenziell ein sehr niedriges, formales Bildungsniveau und schon vor ihrer Haft ein Einkommen, was knapp zum Überleben reicht. Viele von ihnen haben zu keinem Zeitpunkt durchschaut, was ihnen vorgeworfen wurde und welche Möglichkeiten sie gehabt hätten, sich dagegen zu wehren. Sie wurden schlicht eines Tages auf ihrer Arbeitsstelle verhaftet und in die JVA gebracht. Das Knastsystem zerstört Existenzen, ohne den Betroffen auch nur ansatzweise zu erklären, was mit ihnen passiert.

ngo: Hat dich das überrascht?

Ja, tatsächlich hatte ich vorher keine Ahnung, wie subtil zerstörerisch der Knast ist. Obwohl im offenen Vollzug keine Gitter vor den Fenstern sind und die Möbel hell sind, ist es dennoch zerstörerisch. Es ist sehr schwer fassbar, denn es sieht nach außen hin schick aus.

Womit ich außerdem nicht gerechnet hätte, ist die unfassbare Menge an zerstörten Existenzen und menschlichen Problemen, die der Knast unmittelbar und mittelbar verursacht. Eine Mitgefangene war beispielsweise schwanger und hat im Knast ihr Kind verloren. Eine psychologische Betreuung gab es für sie nicht. Eine andere Mitgefangene hatte Probleme, weil ihr Sohn abgehauen war und dann polizeilich gesucht wurde und sie musste sogar in dieser Situation darum betteln, telefonieren zu dürfen.

ngo: Es war auch eine strategische Entscheidung von dir, in den Knast zu gehen. Was bleibt nun für Dich hängen?

Eines kann ich ganz persönlich festhalten und werde es weitersagen: Ich habe meine diffuse Angst vor Knast verloren und weiß nun etwas genauer, was dieses System mit mir macht. Ich halte das für eine wertvolle Erfahrung für Menschen, die sich das zutrauen. Und ganz nebenbei verdient der Staat dadurch nicht an mir, ein Hafttag kostet pro Person immerhin etwa 100 Euro.

Ich habe in der Zeit viel gelesen und geschrieben und kann nur empfehlen, sich konkrete Dinge vorzunehmen und die Tage zu strukturieren. Mir hat es jedenfalls geholfen, eine gewisse Routine zu entwickeln, wann ich Zeitung lese, Briefe beantworte, Bücher lese. Eine der schlimmsten Sachen im Knast ist die ätzende Langeweile.

ngo: Gibt es widerständiges Handeln im Knast?

Im offenen Vollzug ist widerständiges Handeln eher selten, da die Leute permanent Angst haben müssen, in den geschlossenen verlegt zu werden und dadurch vorauseilend gehorsam agieren. Es ist bereits unüblich, überhaupt schriftliche Beschwerden einzureichen, vieles wird runtergeschluckt oder an den anderen Frauen ausgelassen. Natürlich wäre es möglich gewesen, deutlich mehr zu verweigern im Knast, aber es ist schon ein Unterschied, ob ich die Polizei bei einer Personalienfeststellung nerve und mir relativ sicher sein kann, die nach zehn Minuten nie wieder zu sehen oder zu wissen, dass ich mit den Beamten und Beamtinnen noch wochenlang auskommen muss. Ich habe mich beispielsweise bei einigen Formularen geweigert zu unterschreiben und alleine das hat die Knastbürokratie schon total überfordert.

ngo: Du sprachst davon, Knäste zu Baulücken zu machen. Wie sähe die Welt dann aus?

ngo: Ich habe kein Patentrezept, wie eine Welt ohne Strafe und Knäste aussehen kann. Knäste lösen keine Probleme, sind aber die Illusion einer Lösung, weswegen sich die Menschen darauf verlassen, dass sie Konfliktlösung an andere Institutionen wie Polizei, Gerichte und Knäste abschieben können und sich damit nicht selber auseinandersetzen müssen. Ich glaube, die Abschaffung aller Knäste würde die Menschen zwingen, sich endlich mit genau dieser Frage zu beschäftigen, wie wir miteinander umgehen wollen.

ngo: Aber wie kommst Du darauf, dass ohne Knäste nicht einfach Mord- und Totschlag herrschen würden – wie es Innenminister, Aktenzeichen XY usw. ja vermitteln?

Interessanterweise leugnen nicht einmal die Befürworter von Knast und Strafe eine spannende Tendenz: Je höher die Strafe, desto höher auch die Rückfallwahrscheinlichkeit. Es ist also gerade der Knast, der Menschen innerlich auffrisst und oft kriminalisiert. Denn gerade im Knast lernt mensch Gewalt als adäquates und oft einzig vorstellbares Mittel zur Konfliktlösung kennen. Wer die Ursachen für Gewaltdelikte bekämpfen will, der muss eben da ansetzen: Beim Aufbau einer angstfreien Kommunikationskultur, im Training eines anderen Umgangs miteinander und mit herrschaftsförmigem Verhalten. Viele sogenannte Gewaltverbrechen haben schließlich eine lange und nicht zu vernachlässigende Vorgeschichte, die durch Wegschauen Anderer, oft sogar Vieler, erst möglich wurden.

ngo: Antipathien, spontane Gewalt usw. wird es aber doch auch in einer utopischen Gesellschaft geben, oder?

Klar. Aber in meinen Augen muss es darum gehen, Strukturen abzubauen, die Gewalt fördern. Dies sind zum einen formal abgesicherte Abhängigkeitsverhältnisse wie beispielsweise Ehe oder Eltern-Kind-Abhängigkeiten. Zum anderen aber auch das Vorhandensein von Eigentum, also die Zementierung von ungleichen Zugriffsrechten auf gesellschaftlichen Reichtum. Insgesamt halte ich Hierarchieabbau in allen Lebensbereichen für eine gute Gewaltprävention. Dennoch wird es selbstverständlich auch in einer utopischen Gesellschaft Gewalt geben und ich habe kein Patentrezept, wie ein Umgang damit aussehen könnte. Das ist allerdings mitnichten ein Argument, wieder auf viel schlimmere Modelle zurückzugreifen, sondern vielmehr ein Ansporn, sich immer weitere Gedanken zu machen und Neues zu entwickeln statt sich, wie es durch Gesetze und Strafe passiert, am schlechte Alte festzuklammern.

ngo: Danke, Hanna, für das Gespräch. Drücken wir zusammen die Daumen, dass Deine Hoffnungen sich erfüllen. Für die Zehntausenden, die allein hierzulande hinter Gitter sitzen – und die Millionen, die es weltweit und auch in Zukunft tun.

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