Iren sind Europameister, Deutschland im unteren Mittelfeld

Kino

Wenn es um die Häufigkeit des Kinobesuchs geht, dann kann keine andere europäische Nation den Iren das Wasser reichen. 14,9 Millionen Kino-Eintrittskarten kauften die Iren im vergangenen Jahr, was einem erstaunlichen Plus von 20,3 Prozent gegenüber 1999 entspricht. Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Schnitt von vier Filmtheaterbesuchen bauten die Iren damit ihren Vorsprung im europäischen Vergleich weiter aus. Von dieser Kinofreudigkeit sind die deutschen Leinwandliebhaber weit entfernt: Sie gingen im Durchschnitt nur 1,9 Mal jährlich ins Kino. Insgesamt stieg die Zahl der hierzulande verkauften Tickets im Vorjahr um 2,4 Prozent auf 152,2 Millionen. Die Konzentration der Besucher auf nur wenige Filme nahm unterdessen ab.

Europaweit rangieren die Deutschen damit nur im unteren Mittelfeld, wie die EU-Organisation Media Salles in Mailand mitteilte. So legte Frankreich um beachtliche 8,4 Prozent auf 166 Millionen Zuschauer zu und baute damit den Vorsprung vor der Bundesrepublik wieder aus. Im Vorjahr war der Abstand etwas geschmolzen, als die Besucherzahlen in Deutschland stabil blieben und diejenigen jenseits des Rheins beträchtlich zurückgingen.

Neben Irland waren es jedoch zwei andere kleinere EU-Länder, die im Vorjahr überdurchschnittlich beim Kinobesuch zulegten. Die Niederlande erzielten einen Zuwachs um 15,9 Prozent und Österreich um 8,5 Prozent. Auch die Steigerungen in Belgien mit 6,3 Prozent und der Schweiz mit 6,2 Prozent können sich sehen lassen.

Als Kinomuffel erwiesen sich dagegen die Dänen. In dem skandinavischen Land gingen im Vorjahr 220.000 Menschen weniger ins Kino als 1999 - ein Minus von 2,1 Prozent. Dänemark war damit nach Angaben von Media Salles im Jahr 2000 das einzige Land im westlichen Europa, dessen Kinos einen Besucherrückgang hinnehmen mussten. Nach vorläufigen Zählungen wurden im Vorjahr im westlichen Europa insgesamt 837.000 Kinotickets verkauft, 4,4 Prozent mehr als 1999 und 2,7 Prozent mehr als 1998. Das Kinojahr 2000 war somit sogar besser als das "legendäre" Jahr 1998, als "Titanic" die Kinokassen klingeln ließ.

Weniger erfreulich fielen die Ergebnisse für die Kinobetreiber im östlichen Europa aus. Dort seien die Besucherzahlen im Vorjahr insgesamt um 5,7 Prozent zurückgegangen, teilte Media Salles in seinem jüngsten Newsletter mit. Einbußen mussten vor allem Jugoslawien, Bulgarien und die Slowakei hinnehmen. Den schärfsten Einbruch erlebte Polen, wo fast acht Millionen Tickets weniger abgesetzt wurden. Durch den Rückgang um 29,8 Prozent fiel die Besucherzahl von 18,7 Millionen dort im Vorjahr noch unter die von 1998, als 19,9 Millionen Menschen in Polen vor die Leinwände zogen. Dagegen wurden in Estland, Rumänien, Litauen, Lettland, Türkei, Slowenien, Tschechien und Ungarn im Vorjahr mehr Eintrittskarten verkauft als 1998.

Bemerkenswert erscheint ein weiterer Trend im europäischen Kinogeschäft: Trotz des Besucherzuwachses schwächte sich die Konzentration auf wenige Titel weiter ab, wie die Europäische Audiovisuelle Informationsstelle in Straßburg kürzlich mitteilte. Die Kinobesucher lenkten ihre Aufmerksamkeit also nicht mehr so stark auf wenige Kassenknüller, sondern auf eine größere Anzahl von Filmen. So lag die Konzentrationsrate - gemessen am aufaddierten Marktanteil der 20 erfolgreichsten Kinofilme - im "Titanic"-Jahr 1998 in Deutschland bei 48,5 Prozent und im Jahr 2000 bei 37,6 Prozent.

Ähnliche Rückgänge lassen sich auch in anderen europäischen Ländern beobachten: In Frankreich sank der jeweilige Anteil von 51,7 Prozent auf 42,6 Prozent, in Italien von 50,9 Prozent auf 40,3 Prozent. Die meisten Märkte zeigten laut Informationsstelle schon 1999 "eine deutliche Abschwächung der Konzentrationsrate, die im Jahr 2000 dann nachhaltig gefallen ist". Die Kulturpessimisten scheinen demnach mit ihren Klagen über einen zunehmenden Einheitsbrei im Kino unrecht zu haben: Die Vielfalt des Angebots wächst wieder.