Über 300 Chemikalien in Muttermilch nachweisbar

Bessere Chemikalienpolitik gefordert

In der Muttermilch lassen sich nach einer Studie des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) über 300 synthetische Chemikalien nachweisen. Zwar seien die Belastungen mit giftigem PCB, DDT und Dioxinen aufgrund weit reichender Verbote rückläufig. Jedoch würden immer mehr neue gefährliche Stoffgruppen wie Weichmacher, Flammschutzmittel und Duftstoffe gefunden. Synthetische Chemikalien seien besonders für Säuglinge und Kleinkinder extrem gefährlich, da wichtige Entwicklungsphasen gestört werden können, so die am Dienstag veröffentlichte Studie. Schädigungen des Immunsystems, Krebserkrankungen und sogar Beeinträchtigungen der Gehirnentwicklung könnten die Folge sein. Der BUND forderte die Bundesregierung auf, sich für eine Reform der Europäischen Chemikalien-Verordnung einzusetzen, die einen konsequenten Schutz der Gesundheit vor giftigen Chemikalien gewährleiste.

Das seit längerem diskutierte europäische Chemikalienrecht mit dem Kürzel REACH (Registrierung, Evaluierung und Autorisierung von Chemikalien) eröffne erstmals die Chance, die Belastung der Muttermilch tatsächlich zu reduzieren.

Muttermilch sei die wichtigste und beste Nahrung für jeden Säugling, sagte die BUND-Vorsitzende Angelika Zahrnt. Chemikalien hätten darin nichts zu suchen. "Wir raten nicht vom Stillen ab, sondern wollen, dass die Belastungen schnell und effektiv minimiert werden", sagte die BUND-Chefin. Nur eine konsequent am Vorsorgeprinzip ausgerichtete Chemikalienpolitik könne dazu beitragen, dass Muttermilch künftig weniger belastet sein werde.

Die BUND-Studie mit dem Titel "Über 300 Schadstoffe in der Muttermilch - Zeit für eine neue Chemikalienpolitik" fasst die aktuellen Analysen der Muttermilch zusammen. So zeige eine Untersuchung der Ruhr-Universität Bochum aus dem vorigen Jahr, dass Schadstoffe aus dem Blut der Mütter über die Muttermilch auf das Kind übertragen würden.

Von den mehr als 100.000 in der EU hergestellten Chemikalien seien 97 Prozent niemals auf ihr Gefahrenpotenzial untersucht worden. Viele dieser Substanzen seien in Alltagsprodukten enthalten, dort nicht fest eingebunden und gelangten über Haut, Atmung und Nahrung in den Körper der Frauen.

"Gefährliche Chemikalien dürfen keine Marktzulassung mehr haben, wenn es ungefährlichere Ersatzstoffe gibt", forderte Patricia Cameron, BUND-Chemieexpertin. Die Risikobewertung dürfe nicht allein der Chemieindustrie überlassen werden. "Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, über die Risiken der Chemikalien in den verschiedenen Produkten umfassend informiert zu werden."

Mit REACH will die EU-Kommission erreichen, dass die Industrie bis 2017 etwa 30.000 bisher ungeprüfte Chemikalien auf ihr Gefährdungspotential untersucht. Nur unschädliche Substanzen sollen künftig noch eingesetzt werden dürfen. Für die weitere Nutzung bedenklicher Stoffe müssen Sondergenehmigungen beantragt werden. Bis zum Oktober muss das EU-Parlament über REACH entscheiden.