Dritter Teilband des UN-Klimaberichts in Bangkok verabschiedet

Ausbau erneuerbarer Energien

Der Internationale Wissenschaftsrat zum Klimawandel (IPCC) hat am 4. Mai in Bangkok den dritter Teilband des UN-Klimaberichts verabschiedet. An dem Bericht feilschten Wissenschaftler und Regierungen fast um jedes Wort. Zu den wesentlichen Ergebnissen des Berichts zählt nach Darstellung des deutschen Umweltministeriums, dass die CO2-Emissionen bis 2050 im Vergleich zum Jahr 1990 weltweit halbiert werden müssen, um den Klimawandel in einem beherrschbaren Rahmen zu halten. Dazu müssten die erneuerbaren Energien erheblich ausgebaut und die Energieeffizienz massiv gesteigert werden. Die dazu erforderlichen Technologien stünden bereit, müssten aber konsequenter als bislang eingesetzt werden.

Nach Ansicht von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel sind die Aussagen des neuen IPCC-Reports kein Grund, vor "der Herausforderung des Klimawandels" zu resignieren. Der Bericht zeige, dass die Klimakatastrophe nicht unabwendbar sei. Das Ziel der Europäischen Union, eine Erwärmung um mehr als 2 Grad gegenüber vorindustriellen Werten zu verhindern, sei erreichbar, meint der Minister.

Dazu müsse innerhalb der nächsten 10 bis 15 Jahre das Wachstum der Treibhausgas-Emissionen weltweit angehalten und bis 2050 auf die Hälfte im Vergleich zu 1990 gemindert werden. Der IPCC-Bericht zeige aber auch, dass man keine Zeit zu verlieren habe. "Wir müssen jetzt entschlossen handeln, um schwerwiegende und nicht mehr kontrollierbare Klimafolgen zu vermeiden", meint Gabriel.

Nach Auffassung des Ministers müsse man die erneuerbaren Energien weltweit ausbauen und die Energieeffizienz in allen Bereichen "massiv steigern". Die erforderlichen Technologien stünden "längst bereit". Die Politik müsse "ökonomische Anreize" zum Klimaschutz geben, "der Emissionshandel ist dafür ein wichtiges Instrument", so Gabriel. "Außerdem müssen wir Investitionen in klimafreundliche Technologien fördern."

Jetzt käme es darauf an, "dass wir bei der Klimakonferenz im Dezember auf Bali auch international die Weichen richtig stellen. Die Wissenschaft hat ihre Arbeit getan, jetzt muss die Politik handeln."

Der Bericht äußert sich zu Optionen und zur "Wirksamkeit von Maßnahmen"

Der IPCC stellt in seinen Berichten im Auftrage der Vereinten Nationen die aktuellen wissenschaftlichen Grundlagen der Klimaänderung "im Konsens der internationalen Forschung" fest, so das deutsche Umweltministerium. Der jetzt vorgestellt Bericht zur Minderung von Emissionen sei der dritte und letzte Teil des vierten IPCC-Berichts.

Der Bericht gebe keine Empfehlungen, sondern stelle "den wissenschaftlichen Sachstand zu den technischen und ökonomischen Optionen und Potentialen zur Emissionsminderung sowie zur Wirksamkeit von Maßnahmen dar".

Am 2. Februar diesen Jahres wurde der erste Teilband des IPCC- Sachstandsberichts veröffentlicht. Darin werden die wissenschaftlichen Grundlagen dargestellt. Der am 4. April vorgestellte zweite Teilband befasst sich mit den Folgen der Klimaänderung. Ein abschließender Synthesebericht, der die wesentlichen Aussagen der drei Teilbände "auf politische Fragestellungen hin zusammenfasst", soll im November in Valencia (Spanien) verabschiedet werden.

Michaelowa: Es muss die Umsteuerung sofort beginnen

Der Klimaschutzexperte Axel Michaelowa von der Universität Zürich forderte die Politik zu raschen Maßnahmen für die weitere "Bekämpfung" der Erderwärmung auf. "Es muss die Umsteuerung sofort beginnen", sagte der Mitautor des dritten Teils des Weltklimareports am Freitag im Deutschlandfunk. Er begrüßte zugleich den EU-Beschluss, die Treibhausgas-Emissionen der Europäischen Union bis 2020 um 20 Prozent zu senken und sogar um 30 Prozent zu reduzieren, "wenn andere Länder mitziehen". Damit habe Europa für die weiteren Klimaschutzverhandlungen "sehr gute Vorlagen" gemacht.

Michaelowa zeigte sich zugleich zufrieden mit dem jüngsten UN-Klimabericht. Bei den Verhandlungen in Bangkok über den Bericht hätten China und die USA versucht, die Aussagen abzuschwächen. Dagegen hätten die europäischen Länder auf die Botschaft Wert gelegt, dass man noch "anspruchsvolle Stabilisierungspfade" bei den Emissionen erreichen könne und dies nicht übermäßige Kosten verursache.

Der Bericht sage nun klar aus, dass eine Stabilisierung "auf relativ niedrigem Niveau" möglich sei, mit dem gefährliche Klimaveränderungen verhindert werden könnten. Auch werde dies "uns nicht die Welt kosten". Im Bereicht werde hierfür ein Maximalwert von drei Prozent des Weltsozialproduktes genannt. Andere Studien gingen indes von wesentlich geringeren Kosten aus.

Müller: China gegen Kritik an Kohle

Nach Darstellung des deutschen Staatssekretärs im Bundesumweltministerium, Michael Müller, war auf Drängen Pekings beispielsweise die Passage aus dem Bericht gestrichen worden sei, wonach die Nutzung von Kohle eine Hauptursache für den starken Anstieg des klimaschädlichen CO2-Ausstoßes in den vergangenen Jahren sei. Hinter Chinas Verhandlungsposition verstecken sich laut Müller aber auch die USA sowie das Schwellenland Indien.

Bezüglich der Atomkraft argumentierte die deutsche Delegation angeblich erfolgreich gegen eine "zu starke Betonung" von Atomstrom als Alternative zu fossilen Brennstoffen. Hier habe vor allem die amerikanische Delegation eine deutlichere Befürwortung gewünscht.

In dem Text wird dem Vernehmen nach die Atomkraft zur Stromerzeugung als treibhausgasneutrale Alternative aufgeführt, allerdings mit dem Hinweis auf die Sicherheitsrisiken und die ungelöste Abfallproblematik.

Glos pocht auf längere Laufzeiten für Kernkraftwerke

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) dringt dennoch auf Korrekturen am bislang geplanten so genannten Atomausstieg. Die Laufzeiten "sicherer Kernkraftwerke" müssten verlängert werden, so Glos in einem Beitrag für die CSU-Zeitung "Bayernkurier". Sonst entstehe eine "Lücke" bei der Stromerzeugung, die zwangsläufig durch fossile Energien geschlossen werden müsse.

"Für den Klimaschutz wäre das fatal", warnte Glos. Denn für den vollständigen Ersatz der Kernkraft durch fossile Energien "würden jährlich rund 110 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich anfallen - etwa ein Siebtel unserer heutigen Emissionen". Diesen Zusammenhang übersehe Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD), "wenn er zum einen sehr hohe Klimaschutzziele für Deutschland fordert, gleichzeitig aber aus der CO2-freien Kernenergie aussteigen will".

IPPNW: Militärische Interessen und Sicherung der Marktmacht Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW warnte davor, "sich von den durchschaubaren Interessen von Regierungen und Atomindustrie täuschen zu lassen". Viele Staaten wollten aus militärischen Gründen und zahlreiche Energiekonzerne wegen der Sicherung ihrer Marktmacht an der Atomenergie festhalten, würden jetzt aber das Klimaschutz-Argument vorschieben, kritisiert die Organisation.

Die weltweit 435 Atomkraftwerke hätten laut der jüngsten Statistik der Internationalen Energie Agentur (IEA) im Jahr 2004 bereits weniger Strom erzeugt als die Wasserkraftwerke. Die Atomenergie trage demnach lediglich 2,1 Prozent zur Energieversorgung der Welt bei und sei damit eine "praktisch bedeutungslose Energietechnik", so die IPPNW.

Wolle man mit Atomstrom nennenswert zur Weltenergieversorgung beitragen, dann müsse man realistischerweise über den Zubau von 1000, 2000 oder sogar 3000 Atomkraftwerken nachdenken. Derartige Szenarien würden aber bereits an den industriellen Fertigungskapazitäten scheitern. Selbst in ihrem besten Jahr 1985 habe die Atomindustrie weltweit lediglich 34 Gigawatt - entsprechend 26 großen Atomkraftwerken - neu in Betrieb nehmen können. Seitdem seien aber die Fertigungskapazitäten für neue Atomkraftwerke deutlich gesunken. Außerdem müsste man über den Zubau hinaus auch viele der 435 bestehenden Atomkraftwerke aus Altersgründen durch neue ersetzen. Eine solche Vorstellung sei schon aus zeitlichen Gründen "illusorisch", folgert die IPPNW.

IPPNW: Solarzellen können ab 2050 vollständig CO2-frei sein

Nach Aussagen verschiedener Studien aus unterschiedlichsten Ländern könne die Weltenergieversorgung bis 2050 mit entsprechenden Anstrengungen vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Dann werde auch die Energie für die Herstellung erneuerbarer Energieanlagen nicht mehr aus fossilen Energiequellen kommen. "Die Herstellung von Solarzellen wird vielmehr mit Strom aus Solarzellen oder anderen erneuerbaren Energien und somit CO2-frei erfolgen", so die IPPNW. Die Organisation fordert daher, den Ausbau der erneuerbaren Energien energisch voranzutreiben und nicht weiter der "Illusion Atomenergie" nachhängen.