Über Ohnmacht, Gesellschaft und Politik

Machthabers Ohnmacht

Karl Feldkamp - Gedanken zum Alt werden Manchmal scheinen sich alle Varianten menschlichen Verhaltens nahezu ausschließlich zwischen Macht und Ohnmacht abzuspielen. Dabei gilt Macht über Andere zwar nicht unbedingt als moralisch einwandfrei, aber Macht über sich selbst nahezu immer als tugendhaft und erstrebenswert. Ohnmacht, hingegen, gleicht jenem todesähnlichen Zustand, der das Leben beinahe vollkommen einschränkt und bis auf die fehlende Bewusstlosigkeit alle Symptome mit der körperlichen Ohnmacht teilt.

Als selbst ernannte Herren der Schöpfung hassen Menschen nichts mehr als Hilflosigkeiten, vor allem jene, in die sie geraten, wenn ihre vermeintlich besseren Einsichten und Absichten sich Uneinsichtigen nicht vermitteln lassen.

Jene unerträglichen Gefühle, die Eltern und jugendliche Kinder in deren Pubertät täglich aufs Neue erleiden, gehören dazu. Komplizierter wird es, wenn sich aber diese Ohnmacht nicht mehr mit verrückt spielenden Hormonen Jugendlicher erklären lässt, da alle Beteiligten Jahre über das Pubertätsalter weit hinausgewachsen sind.

Zudem empfinden wir Ohnmacht vor allem, wenn wir uns als Mensch gleichzeitig sowohl einsichtig als auch uneinsichtig empfinden, wenn wir zwar einsehen, aber nicht nach Vernunft und Einsicht zu handeln vermögen.

Besonders schmerzlich wird es, sobald diese uneinsichtig Einsichtigen zu den politischen und/oder gewinnträchtigen Machthabern unserer Gesellschaft gehören und vorgeben, nur das Beste für Bürgerinnen und Bürger, für Anleger und Sparer, Arbeitnehmer und Kunden zu wollen, auch wenn jeder ahnt, dass sie das Beste ausschließlich (oder wenigstens größtenteils) für sich behalten wollen.

Dem Wachstumswahn emotional und intellektuell erlegen, predigen diese Mächtigen den ohnmächtig Unterlegenen die Tugend des Sparens und des Verzichts, um das Eingesparte letztlich ihrem eigenem Reichtum und ihrer Macht einzuverleiben.

Wachstum und Gewinne sind für sie die Garanten, auf der Seite der Mächtigen zu sein. Mit dem Streben nach Macht und dem im Kapitalismus unabdingbaren Machtmittel Geld verbannen sie andere in ständig zunehmende Machtlosigkeit.

Nun sind allerdings genau diejenigen, die sich ohnmächtig ihrer Sucht nach Macht und Geld ausliefern, die eigentlich Ohnmächtigen. Macht macht bekanntlich süchtig und Sucht am Ende vor allem ohnmächtig. Nicht umsonst prophezeite Marx dem Kapitalismus, er werde sich zu Grunde richten. Überzeugte Wachstumsideologen sind durch ihr gieriges Streben nach Grenzenlosigkeit eingeschränkt. Sie sind kaum in der Lage, real vorhandene Grenzen zu akzeptieren, sind ständig auf der Suche nach Lücken, um Hindernissen auszuweichen, die ihrem Ziel im Wege stehen. Ihr Ziel heißt einfach nur Mehr. Mehr an Macht, mehr Anerkennung, mehr davon, der Einzige zu sein. Der Einzige, der an der Spitze steht und zu dem schließlich alle aufschauen, auch wenn er sich so weit von ihnen fern halten muss, dass sie ihn und seinen Besitz nicht mehr erreichen können. Hilflos ist er seiner Sucht nach mehr ausgesetzt.