Aktueller kann ein Theatertext nicht sein

Literaturnobelpreis

Das Grauen wird zur Unterhaltung, zum Bestandteil des Alltags. "Wartainment" heißt die dazugehörige Wortneuschöpfung. Den Irak-Krieg als Medienspektakel beleuchtet die österreichische Autorin Elfriede Jelinek in ihrem Theatertext "Bambiland". In Kombination mit den unter dem Titel "Babel" zusammengefassten Monologen "Irm sagt", "Margit sagt" und "Peter sagt" ist der Text jetzt im Rowohlt Verlag als Buch erschienen. Der 270 Seiten starke Band "Bambiland", mit einem Vorwort von Theatermacher Christoph Schlingensief, ist seit Samstag im Handel. Am Freitag hatte Jelinek in Stockholm den Literaturnobelpreis erhalten. "Bambiland" entstand zeitgleich mit dem Krieg im Irak. Aktueller kann ein Theatertext nicht sein.

Jelinek verknüpft Nachrichten vor allem von CNN mit Zitaten aus der griechischen Kriegstragödie "Die Perser" von Aischylos. Sie beobachtet die Beobachter, kommentiert die Kommentatoren. Schlingensief, Jelineks Wunsch-Regisseur für das Stück, brachte das Werk, in dem es keinen personenzugeordneten Text gibt, im Dezember 2003 am Wiener Burgtheater zu Uraufführung. Die Autorin sagte damals über die Inszenierung: "Dieser Text ist ein Amalgam aus Medienberichten zum Irak, und Schlingensief hat es mit dieser überwältigenden visuellen Ebene nochmals amalgamiert".

In "Babel" werden die Ereignisse weiter reflektiert. Im März 2005 sollen die Monologe in der Regie von Nicolas Stemann am Akademietheater der Burg uraufgeführt werden. Jelinek sei für ihn "die Krönung des zeitgenössischen Theaters", weil sie ihm die Freiheit lasse "im eigenständigen Umgang mit ihrem Werk", sagte Stemann im Vorfeld.

Auch in "Babel" geht es um den Irak-Krieg, aber auch um die Pornoindustrie, Prostitution, Folter und Religion. Es gebe viele Antriebe, "die wir als Menschen alle immer ausprobieren müssen", schreibt Jelinek: "Religion, Kultur, Krieg, Sport". Sie schreibt "ich", "wir", "sie" oder "man" und somit sind alle gemeint. Sie beobachtet, klagt und analysiert. Sie spielt mit Worten, wie das Leben mit den Menschen. Ihre Sprache ist schonungslos. Sie versteht und kennt doch keine Gnade, so kindlich harmlos der Titel des Buches auch klingt. Jelinek verschont ihre Leser nicht - wie das Leben die Menschen. "Wir schreiten und schreiten", schreibt sie, "über Selbstgänger hinweg, über Gelähmte hinweg. Über Blindgänger sowieso. Wenn einer scharf auf uns ist, dann sind halt wir wieder die Dummen. Das nächste Mal machen wir es besser."

In ihrem Leben und Arbeiten führt Jelinek einen Kampf gegen sich selbst, aber auch gegen das, was politisch und historisch gern unter den Tisch gekehrt wird. "Ich mache das, was ich tue, nicht gerne. Aber ich muss es tun", sagt sie über ihre Arbeit. Jelinek umschreibt die Dinge und nennt sie doch beim Namen. Immer wieder bezog sie sich auch in der Vergangenheit dabei auf aktuelle Ereignisse oder aktuelle politische Entwicklungen.

Bambiland ist derzeit auch am Deutschen Nationaltheater in Weimar zu sehen. In der Inszenierung des jungen Regisseurs Marco Storman bewerben sich vier Personen - ein Sportler, ein Banker, eine Autorin und eine Arbeitslose - für einen "Workshop für angehende Kriegsteilnehmer". "Wartainment".