Kritiker werfen Bayer schwere Umwelt- und Gesundheitsschäden vor

Bilanzpressekonferenz

Nach dem erfolgreichen Geschäftsjahr 2004 erwartet der Chemie- und Pharmamulti Bayer für 2005 ein deutliches Umsatz- und Ergebniswachstum. Der Konzernumsatz soll 2005 auf über 25 Milliarden Euro anwachsen, sagte der Vorstandsvorsitzende Werner Wenning am Dienstag auf der Bilanzpressekonferenz in Leverkusen. Die Neuausrichtung des Konzerns sei nach drei Jahren grundsätzlich abgeschlossen, nachdem sich Bayer von einem Großteil des klassischen Chemie- und etwa einem Drittel des Polymergeschäfts (Kunststoffe) getrennt habe. Unter der Holding gehe das Unternehmen mit den drei Teilkonzernen "Bayer HealthCare" (Pharma), "Bayer CropScience" (Pflanzenschutz, Schädlingsbekämpfung, Gentechnik) und "Bayer MaterialScience" (Industriechemikalien) in die Zukunft. Die konzernkritische "Coordination gegen BAYER-Gefahren" kündigte am Dienstag Gegenanträge zur Hauptversammlung des Konzerns an. Der Verein wirft dem Unternehmen vor, den Schutz der Umwelt zu missachten und mit seinen Produkten "Tausende Personen zu schädigen". Im Zentrum der Kritik steht die Gefährdung von Patienten durch den "Verkauf unwirksamer oder gefährlicher Pharmazeutika", der Verkauf "hochgefährlicher Pestizide" in Entwicklungsländer, Kinderarbeit bei indischen Zulieferern, die Freisetzung giftiger Chemikalien in die Umwelt und Preisabsprachen mit Konkurrenz-Unternehmen.

Nach Angaben von Bayer hat der Konzern 2004 2,1 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Das seien "mehr als 25 Prozent der gesamten F&E-Aufwendungen der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Deutschland". Für die "Rechtsfälle Lipobay/Baycol, PPA und Kartellverfahren im Industriegeschäft" wendete Bayer nach Angaben von Finanzvorstand Klaus Kühn 159 Millionen Euro auf.

Der Teilkonzern "Bayer CropScience" habe erstmals angestrebte weltweite Spitzenposition in der Branche übernommen. Im klassischen Pflanzenschutz ("Crop Protection"), kletterte der Umsatz währungsbereinigt um 7 Prozent auf 5,0 Milliarden Euro. Hierzu trugen offenbar "besonders die Fungizide" (Pestizide gegen Pilze) bei, vor allem wegen der Bekämpfung der Sojakrankheit "Asiatischer Rost" in Brasilien.

Vorstandschef Wenning berichtete auf der Bilanzpressekonferenz über die beiden am weitesten fortgeschrittenen Projekte in der Pharma-Forschung. Das Krebsmedikament - der RAF-Kinase- und VEGFR-Inhibitor BAY 43-9006 - befände sich in Phase III der klinischen Prüfung für Nierenkrebs. Für diese Indikation sei die Markteinführung im kommenden Jahr geplant. Zudem sei mit einer Phase-III-Studie für Patienten mit fortgeschrittenem Leberkrebs begonnen worden. Auch für die Indikation Hautkrebs hoffe Bayer, in Kürze den Eintritt in die klinische Phase III bekannt geben zu können. Neben diesem Krebsprodukt baut Bayer auch auf den Faktor-Xa-Hemmer BAY 59-7939 zur Prävention und Therapie von Thrombosen. Diese Substanz könne - sofern weiterhin erfolgreich - einen Milliarden-Umsatz erreichen, meint Wenning. Für den Teilkonzern "Bayer HealthCare" wurde ein Umsatz von 8,5 Milliarden Euro ausgewiesen.

Im Industriegeschäft von "Bayer MaterialScience" trug nach Konzernangaben insbesondere die deutlich gestiegenen Nachfrage bei Polycarbonaten und Polyurethanen zu dem Umsatz von 8,6 Milliarden Euro bei. Die Bayer MaterialScience AG gehört zu den weltweit größten Herstellern von Polymeren und hochwertigen Kunststoffen. Ihre Entwicklungen für Beschichtungen, Lacke, Klebstoffe, Dämmstoffe und Dichtstoffe sowie Polycarbonate und Polyurethane finden Anwendung vor allem in den Bereichen Automobil, Bau, Elektro und Elektronik, Haushalt, Sport und Freizeit.

Die "Coordination gegen BAYER-Gefahren", die seit 20 Jahren auf die Schattenseiten der Konzernpolitik von BAYER aufmerksam macht, kündigte mehrere Gegenanträge für die Hauptversammlung am 29. April an. Nach Darstellung der Kritiker tätigt Bayer "regelmäßig Preisabsprachen mit der Konkurrenz und wurde dabei allein im vergangenen Jahr vier Mal erwischt". Im vergangenen Sommer habe der Konzern 66 Millionen Dollar Strafe zahlen müssen: "Bayer hatte sich gegenüber US-Behörden schuldig bekannt, mit anderen Herstellern die Preise für Kunststoff-Zusätze abgesprochen zu haben. Im Herbst erhielt Bayer erneut eine hohe Strafe, diesmal 33 Mio Dollar wegen eines Kartells mit mehreren Polyester-Produzenten." Kurz darauf habe der Konzern illegale Absprachen beim Verkauf von Kautschuk-Chemikalien einräumen und 4,7 Mio Dollar Strafe zahlen müssen. In Portugal sei Bayer wegen Preisabsprachen beim Verkauf von Diabetes-Tests verurteilt worden. "Illegale Kartelle sind bei Bayer seit vielen Jahren an der Tagesordnung. Diese Praxis wird vom Vorstand augenscheinlich gedeckt", kritisiert die Coordination gegen BAYER-Gefahren.

Der Verein verweist auch auf die im Jahr 2003 veröffentlichte Studie "Kinderarbeit im indischen Baumwollanbau". Diese habe enthüllt, wie internationale Saatgut-Konzerne von Kinderarbeit profitieren. "Zulieferer der indischen Bayer-Tochter ProAgro beschäftigten demnach mehr als 2.000 Kinder zwischen sechs und 14 Jahren." Sprecher von Bayer hätten sich nach Veröffentlichung der Studie zu ihrer Verantwortung bekannt und Abhilfe versprochen. "Neue Untersuchungen zeigen aber, dass sich die Situation bei ProAgro kaum gebessert hat: auch im vergangenen Jahr arbeiteten rund 1.650 Kinder für Zulieferer der Firma. Dies ist unvereinbar mit den Standards der ILO, der OECD und der UNO."

Auch die Bezahlung von Politkern wird von den Bayer-Kritikern angeprangert. Seit den 20er Jahren sei dies üblich und als "System Duisberg" bekannt. "Zahlreiche Mitarbeiter des Konzerns wurden Abgeordnete und sogar Minister." Die Coordination gegen BAYER-Gefahren nahm die aktuelle Diskussion zum Anlass, einen Offenen Brief an das Unternehmen zu senden. "Darin fragten wir nicht nur, welche Abgeordnete ein Gehalt oder Zuwendungen vom BAYER-Konzern bezogen haben, sondern auch, in welche staatliche Einrichtungen (Behörden, Forschungseinrichtungen, Universitäten) Mitarbeiter des Unternehmens abgestellt wurden." Der Konzern sei bis heute eine Antwort schuldig geblieben, schreiben die Kritiker. Generell beantworte Bayer nur solche Fragen, die dem Unternehmen genehm seien. Dies sei ein klarer Widerspruch zur Kampagne "Chemie im Dialog".

Angeprangert wird auch die Vergiftung der Umwelt. In der Umgebung des Werks Durban in Südafrika seien hochgefährliche Chromverbindungen im Grundwasser gefunden worden. Das Werk gehört mittlerweile der am 28. Januar 2005 von Bayer abgespaltenen "Lanxess AG". Den Anwohnern sei dringend empfohlen worden, das Wasser aus angrenzenden Brunnen weder zum Kochen noch zum Trinken zu verwenden. Lanxess streite die Verantwortung nicht ab, behaupte aber, seit 1991 kein Chrom mehr herzustellen; die Verunreinigung wäre von Altlasten ausgegangen. "Bayer hatte die Firma Chrome Chemicals in Durban 1968 übernommen. Wegen mangelhafter Sicherheits-Einrichtungen erlitt ein Drittel der Belegschaft bleibende Gesundheitsschäden", schreibt die Coordination gegen BAYER-Gefahren. "Mindestens acht Arbeiter starben an Lungenkrebs, zwei weitere an Tuberkulose. Selbst die Apartheids-Regierung hatte 1976 in einem Bericht Sicherheitsmängel und Gesundheitsprobleme der Belegschaft moniert."

Nach Protesten südafrikanischer Gewerkschaften sowie der Coordination gegen BAYER-Gefahren, habe Bayer 1991 die Chrom-Produktion geschlossen und einen Großteil der Beschäftigten entlassen. "Eine Kompensation der betroffenen Arbeiter sowie der Hinterbliebenen unterblieb." Die Vergiftung des Grundwassers zeige, dass Bayer zudem versäumt habe, in den vergangenen 14 Jahren eine Dekontamination des Geländes vorzunehmen.

"Beinahe täglich kommt es in BAYER-Werken zu gefährlichen Unfällen", schreiben die Kritiker. Dies sei auch eine Folge der fortschreitenden Ausdünnung der Belegschaft. Sie geben "eine kleine Auswahl von Ereignissen im zweiten Halbjahr 2004: Im Werk Addys ton (USA), das seit 2005 von Lanxess betrieben wird, traten allein neun Mal giftige Chemikalien aus. Am 23.11.04 kam es im Brunsbütteler Bayer-Werk zu einer Explosion, fünf Beschäftigte mussten im Krankenhaus behandelt werden. Am 29.9.04 trat im Uerdinger Bayer-Werk Aktivkohle aus, acht MitarbeiterInnen kamen ins Krankenhaus." Ebenfalls in Uerdingen seien am 11. Dezember 400 Kilo der giftigen Adipin-Säure ausgetreten. Am 3. November seien im Dormagener Werk nach einem Stromausfall Chlor und Nitrose-Gas aufgestiegen, "ein 15-jähriger Junge atmete giftiges Chlor ein und kam ins Krankenhaus". Da die Chlorgas-Wolke in Richtung Bahngleise getrieben sei, habe die Feuerwehr den angrenzenden Zug-Verkehr sperren müssen. Am 26. August 2004 sei es auch im Werk von GE BAYER SILICONES zu einem Zwischenfall gekommen: "bei Reparatur-Arbeiten an einem Kesselwagen schlug dieser Leck, giftige Salzsäure-Dämpfe stiegen auf."

Auch das Pharma-Geschäft ist im Visier der Bayer-Kritiker. Ein US-Gericht habe Bayer im vergangenen Jahr zu 400.000 Dollar Schadensersatz verurteilt. "Der 33-jährige Miguel Valverde hatte vor sechs Jahren einen Schlaganfall erlitten, nachdem er drei Tage das Erkältungsmittel Alka-Seltzer Plus eingenommen hatte." Die Geschworenen hätten "festgestellt", dass Bayer ein "mangelhaftes, gefährliches Pharmaprodukt" vertrieben habe, obwohl ungefährliche Alternativprodukte verfügbar gewesen seien. Alka Seltzer Plus habe bis zum Jahr 2000 den Inhaltsstoff Phenylpropanolamin (PPA) erhalten, der das Risiko eines Schlaganfalls um das Anderthalb- bis Dreifache steigen lasse. "Bayer kannte die Risiken von PPA seit Jahrzehnten. Die Pharma-Industrie hielt jedoch ihre eigenen Studien zurück, um die Umsätze PPA-haltiger Medikamente von mehreren Hundert Millionen Dollar pro Jahr nicht zu gefährden. Schlimmer noch: Unter Führung von BAYER legten die Hersteller Gegengutachten vor und drohten mit Klagen, um ein Verbot seitens der US-Gesundheitsbehörde zu verzögern." Der Vorwurf der Bayer-Kritiker ist hart: "Hunderte Menschen mussten diese Strategie mit dem Leben bezahlen." Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert jetzt eine strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen bei Bayer und anderen Unternehmen.

Neben Medikamenten sieht die Coordination gegen BAYER-Gefahren auch Probleme mit der so genannten "Atkins-Diät", die den Verzehr von Fleisch, Eiern und fetthaltigen Nahrungsmitteln uneingeschränkt erlaube und die Aufnahme von Brot, Reis, Obst und Gemüse stark einschränke. Die Diät werde von rund 40 Millionen Amerikanern befolgt. "Ernährungswissenschaftler warnen eindringlich vor Mangelerscheinungen, Verdauungsproblemen und Kreislauferkrankungen. Trotzdem versucht die Pharma-Industrie, von der 'Mode-Diät' zu profitieren. Der Bayer-Konzern brachte speziell zur Ergänzung der Atkins-Diät den Vitamin-Cocktail CarbSmart auf den Markt und machte hiermit mehrere Millionen Dollar Umsatz", heißt es in einem Gegenantrag zur Bayer-Hauptversammlung. "Den Verantwortlichen bei Bayer sollte bekannt sein, dass die Atkins-Diät gesundheitsschädlich ist und dass Vitaminpräparate niemals eine ausgewogene Ernährung ersetzen können. Wieder einmal zeigt sich, dass der Pharma-Industrie die Gesundheit der Bevölkerung herzlich egal ist - solange die Umsätze stimmen."

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert die Hauptversammlung der Bayer AG dazu auf, Vorstand und Aufsichtsrat aus den genannten Gründen nicht zu entlasten. Der Bayer-Vorstand wird von einem Aufsichtsrat mit einflussreichen Managern der deutschen Wirtschaft kontrolliert. Die großen Finanzhäuser sind mit Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann, Allianz-Vorstand Paul Achleitner und mit dem Chefkontrolleur der Commerzbank, Martin Kohlhaussen, im Aufsichtsrat vertreten. Weitere bekannte Namen sind Hans-Olaf Henkel und Lufthansa-Manager Jürgen Weber. Mit dem Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Prof. Ernst-Ludwig Winnacker, findet sich einer der profiliertesten Gentechnik-Befürworter im Aufsichtsrat der Bayer AG.

Auf der Hauptversammlung am 29. April soll der neue Siemens-Chef Klaus Kleinfeld und der Vorstandsvorsitzende der ThyssenKrupp AG, Ekkehard D. Schulz, neu in den Aufsichtsrat gewählt werden. Sie sollen den bisherigen Siemens-Chef Heinricht von Pierer und den ehemaligen Bayer-Manager Hermann Wunderlich ablösen. Der ehemalige Chefjustitiar der Commerzbank, Jochen Appell, und der Chefsyndikus der Deutschen Bank, Hans-Dirk Krekeler, sollen zu Ersatzmitgliedern von Kleinfeld und Schulz gewählt werden.