Dramatische Folgen von Öl- und Gasausbeutung in Russland für die Bewohner

Shell, BP & Exxon

Die Russische Föderation ist die wichtigste Herkunftsregion für Erdöl und Erdgas, das in der Bundesrepublik verbraucht wird. Die Rohstoffe würden fast ausschließlich in den Gebieten der Rentierzüchter, Fischer, Jäger und Sammler des hohen Nordens und Sibiriens gewonnen. Bei einer Tagung vom 26.-28. August in der Evangelischen Akademie Iserlohn werden auf Initiative des Instituts für Ökologie und Aktions-Ethnologie (infoe) erstmals Vertreter betroffener Ureinwohnergemeinschaften, deutscher Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen sowie Vertreter von Wirtschaft und Wissenschaft der deutschen Mitverantwortung für die Lage der Ureinwohner in den Ölfördergebieten Sibiriens nachgehen und versuchen, gemeinsame Strategien zu entwickeln.

Aus Westsibirien, der fernöstlichen Insel Sachalin und der nordeuropäischen Teilrepublik Komi berichten Ureinwohner und Wissenschaftler über die Folgen des Jahrzehnte währenden "Kriegs gegen die Natur" und den Widerstand der Ureinwohner gegen die rasante Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen. Auf der Tagung soll die Mitverantwortung der reichen Bundesrepublik Deutschland für das Überleben marginalisierter indigener Völker thematisiert werden.

Seit den 60er Jahren habe ein beispielloser "Krieg gegen die Natur" die Tundren, Flüsse, Seen und Taigawälder Sibiriens verwüstet. Während die Erschließung der Ölschätze des Nordens in der Sowjetunion als nationale Großtat gefeiert wurde, seien die jahrhundertelang unabhängigen Ureinwohner des Hohen Nordens zum ländlichen Lumpenproletariat herabgesunken, das als Nachtwächter, Alkoholiker und Putzfrauen seine Existenz am Rande der boomenden Öl-Dorados fristete.

Perestrojka und Markwirtschaft hätten den weitgehenden Ausfall der staatlichen Versorgung mit sich gebracht und ließen die Lebenserwartung der Ureinwohner Sibiriens auf neue Tiefststände fallen. Gleichzeitig habe mit der Öffnung der Sowjetunion der Wettlauf der "Global Player" im Ölgeschäft um die rentabelsten Ölfelder und die höchsten Renditen begonnen. Das heutige Sibirien sei ein "boomendes Wild-Ost". Auf der Strecke blieben dabei die Menschenrechte derjenigen, die die Wälder, Seen, Flüsse und Tundren des Hohen Nordens jahrhundertelang genutzt und bewahrt hätten, sagen die einladenden deutschen Menschenrechtsgruppen.

Doch in jüngster Zeit hätten die "kleinen Völker des Russischen Nordens" begonnen, sich zu wehren und für ihre Rechte einzustehen. Zu Jahresbeginn hätten sich bei minus 30 Grad Kälte erstmals Ureinwohner und Umweltschützer auf der Insel Sachalin den Öl-Giganten Shell, BP und Exxon in den Weg gestellt, deren Ölförderanlagen vor der Küste der fernöstlichen Insel die Lebensgrundlagen von über 4000 Ureinwohnern und der letzten 100 Grauwale gleichermaßen bedrohten. Hartnäckig haben sie offenbar die Durchführung unabhängiger Untersuchungen gefordert. Die Konzerne gerieten zunehmen in Bedrängnis, eine der beteiligten Einwicklungsbanken, die EBRD, habe sich zwischenzeitlich gezwungen gesehen, die Kredite einzufrieren.